Back to list

Zukunftskarawane und Vernetzung von Regionen

Das Projekt Zukunftskarawane gewinnt den 1. Platz des Sustainability Award 2020 in der Kategorie REGIONALE KOOPERATION. Ina Ivanceanu (Co-Leiterin von Oikodrom) spricht über die Herausforderung, die Gegenwart von der Zukunft her denkend zu verändern, die Kleininitiativen und den Mehrwert des Projektes.

 

Regionale Kooperation

Das Projekt „Zukunftskarawane“ – eine Kooperation der Universität Wien, Universität für Bodenkultur und der Universität für Angewandte Kunst Wien – wurde beim diesjährigen Sustainability Award ausgezeichnet. Mit der nachhaltigen Entwicklung und regionalen Vernetzung von fünf Gemeinden in Niederösterreich und der Steiermark überzeugte es die Jury in der Kategorie REGIONALE KOOPERATION.

 

Innovative Kleinprojekte in fünf Gemeinden

Innerhalb der Projektlaufzeit vom 1. Jänner 2018 bis 31. Dezember 2019 sammelten Studierende von den drei Universitäten zahlreiche Ideen zur nachhaltigen Entwicklung in ausgewählten Gemeinden, welche in Form innovativer Kleinprojekte mit der Bevölkerung vor Ort umgesetzt wurden. Ziel war es, das Leben der BürgerInnen in den Gemeinden zu verbessern, indem das Wissen der Studierenden mit dem Wissen der Bevölkerung vor Ort vereint wurde.

Drei Universitäten, ein Seminar

21 Studierende von drei unterschiedlichen Universitäten stellten ihr Wissen und ihre Kreativität in einem Seminar unter Beweis. Im Laufe der Projektentwicklungen wurden diese von ExpertInnen und dem Team der Zukunftskarawane in ihrer Ideenplanung begleitet. So konnte ihr Wissen aus Wissenschaft und Kunst in die Projektentwicklung eingebunden werden. Zentrales Thema der einzelnen Projekte war die Nachhaltigkeit, welche als Leitgedanken das „gute Leben für alle“ voraussetzte und sich an die 17 Nachhaltigkeitsziele (SDGs) anlehnte. Bei der Projektgestaltung ging es um Lernprozesse, Gedankenexperimente, Innovationen und Durchbrechen von gewohnten Routinen. Dabei galt es, die Angst vor utopischen Visionen zu verlieren und seinem Ideenreichtum freien Lauf zu lassen.

 

Aus der Lehrveranstaltung ins Dorf

Im späteren Projektverlauf verließen die Studierenden den Hörsaal, um die reale Wirklichkeit der BewohnerInnen der Gemeinden zu erkunden. Die Problemstellungen vor Ort wurden in den einzelnen Gemeinden erkundet und Lösungsansätze zu partizipativen Projekten entwickelt. Studierende haben wichtige Themen aufgegriffen und versucht, die Ziele im Sinne der nachhaltigen Entwicklung zu gestalten. Unter regem Austausch und Teilnahme der Bevölkerung konnten die Projekte erfolgreich umgesetzt werden. So wurden zum Beispiel im direkten Dialog Ansätze zur nachhaltigen Landnutzung und richtigen Ressourcennutzung diskutiert, attraktive Angebote gegen die Abwanderung umgesetzt oder auch mit geflüchteten Menschen zusammengearbeitet.

 

Fünf Gemeinden, fünf Thesen

Im Laufe des Projektes haben sich aus den Einzelprojekten individuell zu jeder der fünf Gemeinden Thesen entwickelt, welche das Konzept der Nachhaltigkeit in der jeweiligen Gemeinde definiert.

„Nachhaltigkeit braucht….

  • kollektiv wachsendes Wissen
  • inklusive Handlungsräume
  • Reflexionsräume
  • Wahrnehmungserweiterung
  • Jugendliche mit Mut zur Utopie.“

 

Im Gespräch mit Ina Ivanceanu

Ina Ivanceanu ist Co-Leiterin von Oikodrom, Projektträger der „Zukunftskarawane“. Sie spricht über das Projekt, dessen Entstehung, wozu es geführt hat und wie Zukunft vielleicht besser gedacht werden kann.

 

OS4S: Wann und warum ist das Projekt „Zukunftskarawane“ entstanden – Welche Notwendigkeit und Motivation gab es dafür?

Ivanceanu: Unser Institut Oikodrom beschäftigt sich mit Szenarien für eine wünschenswerte Zukunft mit Schwerpunkt Stadt- und Regionalentwicklung. Wir betreiben Nachhaltigkeitsforschung und haben uns mit den UNO-Nachhaltigkeitszielen (SDGs) schon in deren Entstehungsphase befasst. Mit der Zukunftskarawane wollten wir ein Projekt entwickeln, das wissenschaftsbasiert und gleichzeitig praxisorientiert arbeitet, die SDGs im Blick behält und auch interdisziplinär wirkt. So haben wir eine Zusammenarbeit des Instituts für Internationale Entwicklung der Universität Wien, der Universität für Angewandte Kunst Wien und des Instituts für Soziale Ökologie der Universität für Bodenkultur Wien initiiert.

Daraus haben wir eine Lehrveranstaltung koordiniert, die sich interdisziplinär mit den SDGs auseinandersetzte. An dem Seminar teilgenommen haben 21 Studierende der drei beteiligten Universitäten. Im ersten Semester entwickelten sie partizipative Kleinprojekte zu den SDGs für fünf Gemeinden in Niederösterreich und der Steiermark. Im zweiten Semester wurden diese Projekte dann in den Orten umgesetzt. Die Idee war, lokale Expertise, unterschiedliche wissenschaftliche Zugänge und Kunst für die nachhaltige Umsetzung der Projekte zusammen zu bringen. 

OS4S: Welche Projekte zu den 17 SDGs wurden in „Zukunftskarawane“ realisiert – Welche Ergebnisse gab es dabei?

Ivanceanu: Realisiert wurden Projekte in fünf unterschiedlichen Gemeinden. Mit jedem Kleinprojekt wurde auch eine These entwickelt und überprüft, die für eine nachhaltige Entwicklung entscheidend sein kann.

Das erste Projekt in Pöllau befasste sich mit Streuobstwiesen und der kollektiven Nutzung von Streuobst als Gemeingut. Die These dazu: Nachhaltigkeit braucht ein kollektiv wachsendes Wissen.

Im zweiten Projekt, in Lieboch, entstanden selbstgebaute Solarkocher aus Recyclingmaterial. Geflüchtete Menschen und Ortsansässige, und Menschen aller Altersgruppen arbeiteten an dem Projekt mit. Im Mittelpunkt stand die Idee, dass inklusive Handlungsräume, in denen Menschen aktiv zusammenarbeiten, nachhaltige Prozesse unterstützen.

Das dritte Projekt war ein Film- und Gesprächsabend zu „Landwirtschaft und Konsum“ in Moorbad Harbach, zum Hinterfragen der eigenen landwirtschaftlichen Produktion und dem Konsumhandeln im globalen Kontext. Mit dem Filmabend wurde ein anregender Reflexionsraum geschaffen, direkter Kontakt zwischen ProduzentInnen und KonsumentInnen hergestellt und die Problematik der Fleischproduktion behandelt.

Das vierte Projekt lud unter dem Titel „Schöne Grüße aus Pürbach!“ die BewohnerInnen der Gemeinde dazu ein, neue Zukunftsbilder für den Ort zu schaffen und sie auch durch künstlerische Zugänge sichtbar zu machen. Die Erweiterung der eigenen Wahrnehmung, so die These, erlaubt neue Zugänge in Richtung Nachhaltigkeit.

Das fünfte Projekt, durchgeführt in Fischamend, drehte sich um die Agency und Mitgestaltung des öffentlichen Raumes durch Jugendliche. Ansatz des Projekts war es, Jugendliche in die Gestaltung der eigenen Zukunft mit einzubeziehen und sie als GestalterInnen einer nachhaltigen Zukunft zu stärken.

Die grundlegende Frage war, was kann im Sinne der Nachhaltigkeit wichtig für die einzelnen Gemeinden sein? Es braucht Mut zur Utopie, um eine nachhaltige Veränderung zu bewirken. Das gilt für ländliche Regionen, genauso wie für urbane Zentren. 

OS4S: Sie geben in der Projektbeschreibung an: „Das Projekt ‚Zukunftskarawane‘ ließ neue Ideen für nachhaltige Entwicklung entstehen und vernetze die Regionen miteinander.“ Bitte geben Sie Beispiele und konkretisieren Sie diese.

Ivanceanu: Die teilnehmenden Pilotregionen wurden regional vernetzt. Im Jahr 2019 haben wir im Rahmen des SDG-Forums in Wien einen Workshop abgehalten, zu dem auch die BewohnerInnen aus den Gemeinden eingeladen wurden. Sie haben die einzelnen Projekte präsentiert. Die Zusammenarbeit mit den Menschen aus den Gemeinden hat für uns bestätigt, wie sinnvoll es ist, nicht nur top-down, sondern auch bottom-up zu agieren. Ansätze, die direkt aus der Gemeinde – von innen sozusagen – kommen, sind zu fördern.

Wenn man etwas gemeinsam unternimmt oder herstellt, dann entsteht eine andere Art von Mitbesitzen. Das emotionale Mitbesitzen der Umgebung oder des Grätzels ist sehr wichtig. Dadurch – mit diesem Gefühl – engagieren sich Menschen für „ihren“ Ort und setzen sich für die Zukunft ein. Das gemeinsame Tun war im Projekt mindestens genauso wichtig, da Menschen aus unterschiedlichen Generationen ihr Wissen einbringen konnten und auch sehr verschiedene Menschen miteinander innovative Lösungen entwickelten.

OS4S: Welchen Mehrwert brachten die Kooperationen der 21 Studierenden von drei Universitäten mit lokalen PartnerInnen in den fünf verschiedenen Kommunen?

Ivanceanu: Die Studierenden konnten an einem realen und praxisbezogenen Projekt mit partizipativen Methoden teilnehmen, es mitgestalten, mit professioneller Unterstützung Ideen entwickeln und sie auch umsetzen. Die verschiedenen Disziplinen haben sich dabei gegenseitig inspiriert. 

Die Gemeinden haben wiederum von den innovativen Ideen und frischen Ansätzen der Studierenden profitiert. Wir sind sehr froh darüber, dass auch die GemeindevertreterInnen so offen waren für den Ansatz, den wir vorgeschlagen haben.

Damit eine Zusammenarbeit zwischen so unterschiedlichen AkteurInnen funktionieren kann, müssen alle Beteiligten viel Zeit und Energie einbringen – das gegenseitige Vertrauen braucht Zeit, um zu wachsen, und alle müssen auf Augenhöhe kommunizieren.

OS4S: Das Projekt endete bereits. Soll es weiterführende Aktivitäten geben beziehungsweise womöglich ein Nachfolgeprojekt geben?

Ivanceanu: Ein Folgeprojekt ist bereits entwickelt und steht schon in den Startlöchern. Wir suchen dafür noch nach finanzieller Unterstützung.

OS4S: Gibt es abschließend noch etwas, was Sie der Leserin und dem Leser mitteilen möchten?

Ivanceanu: Wir sollten die Zukunft nicht als Verlängerung der Gegenwart sehen, sondern die Gegenwart von der Zukunft heraus denkend verändern. Für eine nachhaltige Zukunft ist es auch wichtig, den ländlichen und städtischen Raum gemeinsam zu denken. Erst dann sind nachhaltige Szenarien überhaupt erst denkbar.  Bei einem Projekt wie der Zukunftskarawane mit einem experimentellen Ansatz weiß man am Anfang natürlich nicht, worauf man sich tatsächlich einlässt. Daher ist es wichtig, aus den Fehlern lernen zu können. Es braucht auch den Mut, vielleicht zu scheitern. Am Ende noch ein großes Danke an die Austrian Development Agency (ADA), der wichtigste Fördergeber des Projekts, und an das Land Niederösterreich für die Unterstützung.

 OS4S: Vielen Dank für das Gespräch.

Ivanceanu: Danke sehr.

 

Weiterführende Information

  • E-Book Grüße aus der Zukunft: hier
  • Oikodrom – Projektbeschreibung: hier
  • Oikodrom – the Vienna Institute for Urban Sustainability: hier
  • Beitrag im Magazin “Biorama”: hier
  • Beiträge im SDG-Nachhaltigkeitsblog “zukunftsrezepte” : hier

 

Beitrag 8 der Serie „Das war der Sustainability Award 2020“.