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The Power of One

Alle können etwas zur Nachhaltigkeit beitragen – heißt es. Doch was können Einzelpersonen tatsächlich tun? „Eine Menge“, sagen Wissenschaftler. „Und doch nicht beliebig viel“.

In den Medien kursieren tagtäglich unzählige Ratschläge, was Menschen im Alltag zur Nachhaltigkeit beitragen können. Doch was sagen eigentlich Wissenschaftler dazu? Bringt ein nachhaltiger Lebensstil tatsächlich das, was viele sich davon versprechen? Oder wird der Einfluss des Alltagsverhaltens gar maßlos übertrieben?

Ulrich Brand ist Professor für Internationale Politik. Seit Jänner 2011 ist er Mitglied der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ des Deutschen Bundestages. „Zum einen kann über individuelles berufliches, politisches und alltägliches Handeln einiges verändert werden“, erläutert der Politikwissenschaftler. „Zum anderen sollte man immer wieder nachfragen, wer eigentlich was unter Nachhaltigkeit versteht. Denn hinter dem ‚Menschheitsinteresse‘ an Nachhaltigkeit“, warnt Brand, „verstecken sich allzu oft ökonomische und politische Interessen – etwa an der Einführung von gentechnisch verändertem Saatgut unter dem Deckmantel der nachhaltigen Technologie.“

„Mit etwas Bewusstsein kann jeder Einzelne und jede Einzelne sehr viel tun“, ist die Agrarökonomin Ika Darnhofer überzeugt, „ob es der Vorzug für Lebensmittel aus der Region ist, ob es das Ausschalten der vielen Geräte im Haushalt ist oder ob es die Verwendung der öffentlichen Verkehrsmittel ist.“ Es gehe darum, dass wir uns wieder bewusst werden, was wir brauchen, so Darnhofer. Denn die herrschende materielle Gier mache uns nur unzufrieden: „Eine Besinnung auf das, was wir wirklich brauchen – und uns tiefergehend glücklich macht –, wäre ein großer, großer Schritt in Richtung Nachhaltigkeit.“

Ähnlich sieht es Marina Fischer-Kowalski, Gründerin des Instituts für Soziale Ökologie an der Alpen-Adria Universität Klagenfurt. Zwar brächte ein nachhaltiger Lebensstil in Bezug auf die summarische Einsparung nicht viel, aber „das ist nicht der einzige Maßstab, weil letzten Endes jede Veränderung durch das Nadelöhr des Alltagsverhaltens geht.“ Ihrer Meinung nach muss es „Bevölkerungsgruppen und Leute geben, die glaubhaft machen – auch durch ihr persönliches Verhalten –, dass ihnen das wichtig ist und dass sie einen anderen Weg wollen. Sonst wird es auch politisch keinen anderen Weg geben, wenn es nicht Leute gibt, die das glaubhaft ausdrücken – nicht nur mit ihren Worten, sondern auch mit ihrem Leben.“

Für Franz Sinabell, Referent für Landwirtschaft am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO), sind die richtigen Konsumentscheidungen nur das Zweitwichtigste. „Das Wichtigste sind grundlegende Lebensentscheidungen: Wo wohne ich und arbeite ich, woran arbeite ich, wie verhalte ich mich.“

Das sieht auch Dietmar Kanatschnig so, Gründer und Direktor des Österreichischen Instituts für Nachhaltige Entwicklung (ÖIN). Er wolle das, „was man privat tun kann, gar nicht so sehr in den Mittelpunkt stellen“. Schließlich gehe der Einfluss von Einzelpersonen weit über das Private hinaus, „weil fast jeder von uns ja auch einen Beruf hat. Hier ist es schon so, dass man sagen muss: Wenn jemand die Werthaltung hat, die mit nachhaltiger Entwicklung übereinstimmt, dann geht es auch darum, sich diese Werthaltung im Beruf nicht abgewöhnen zu lassen“ – oder sich notfalls einen neuen Arbeitgeber zu suchen.

Michael Rosenberger ist Professor für Moraltheologie an der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz. Nachhaltige Lebensstile gehören zu seinen Arbeitsschwerpunkten. Was seiner Meinung nach jeder und jede Einzelne zur Nachhaltigkeit beitragen kann? „Eine Menge – da Nachhaltigkeit eindeutig drastische Änderungen unseres Lebensstils braucht. Und doch nicht beliebig viel – da viele Lebensstiländerungen sehr schwer bleiben, solange die Rahmenbedingungen unserer Marktwirtschaft umweltschädliches Verhalten belohnen und umweltfreundliches Verhalten schwer machen.“ Nachsatz: „Hier müssen einschneidende Änderungen geschehen.“