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Ref-NEKP als Beitrag zur klimagerechten Zukunft

Der Referenzplan als Grundlage für einen wissenschaftlich fundierten und mit den Pariser Klimazielen in Einklang stehender Nationaler Energie- und Klimaplan für Österreich gewinnt den 1. Platz des Sustainability Award 2020 in der Kategorie KOMMUNIKATION UND ENTSCHEIDUNGSFINDUNG. Mathias Kirchner (Wissenschaftlicher Koordinator des Ref-NEKP) spricht über die Inhalte des Plans und den Dialog zwischen der Klimawissenschaft und Politik.

 

Ref-NEKP zur Erreichung des 1,5°C-Klimaziels

Der Referenzplan als Grundlage für einen wissenschaftlich fundierten und mit den Pariser Klimazielen in Einklang stehenden Nationalen Energie- und Klimaplan für Österreich (Ref-NEKP) wurde beim diesjährigen Sustainability Award ausgezeichnet. Mit der Präsentation von Umsetzungswegen für eine nachhaltigen Erreichung des Pariser 1,5°C-Klimaziels und einem klimaneutralen Österreich bis 2050 überzeugte er die Jury in der Kategorie KOMMUNIKATION UND ENTSCHEIDUNGSFINDUNG.

 

Umsetzungswege für eine klimagerechte Zukunft

Auf Initiative des Vertreters der Wissenschaft im Nationalen Klimaschutzkomitee (NKK) Gottfried Kirchengast (Uni Graz, ÖAW) und von Helga Kromp-Kolb (BOKU), Karl Steininger (Uni Graz) und Sigrid Stagl (WU) wurde unter der wissenschaftlichen Koordination von Mathias Kirchner (BOKU) ein Referenzplan als Grundlage für einen wissenschaftlich fundierten und mit den Pariser Klimazielen in Einklang stehenden Nationalen Energie- und Klimaplan für Österreich (Ref-NEKP) erstellt. Darin werden mögliche Umsetzungspfade unter Einhaltung des Pariser Klimaziels aufgezeigt, um Österreich klimaneutral zu gestalten. Über 70 ExpertInnen begutachten den Ref-NEKP und stellen damit sicher, dass die Erkenntnisse und Umsetzungspfade auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft basieren.

 

“Policy relevant, not policy prescriptive”

Beim Ref-NEKP handelt es sich im Sinne wissenschaftlicher Praxis im Wissenschaft-Politik Dialog um keinen Plan, welcher vorgibt, was politisch zu machen sei. Vielmehr geht es um das Darstellen möglicher Umsetzungswege, mit denen Österreich seinen fairen und angemessenen Beitrag zu den Pariser Klimazielen erreichen kann.

 

Im Gespräch mit Mathias Kirchner

Mathias Kirchner ist wissenschaftlicher Koordinator des Ref-NEKP. Er spricht über die Inhalte des Referenzplans, den Dialog zwischen der Klimawissenschaft und Politik in Österreich, sowie die Umsetzungswege und einen Ausblick in die Zukunft.

 

OS4S: Warum ist der Ref-NEKP entstanden – Welche Notwendigkeit und Motivation gab es dafür?

Kirchner: Entstanden ist der Ref-NEKP Anfang April 2019 auf Initiative von Prof. Gottfried Kirchengast von der Uni Graz, Em.Prof.in Helga Kromp-Kolb, ehemalig an der BOKU, Prof.in Sigrid Stagl von der WU Wien und Prof. Karl Steininger von der Uni Graz. Sie alle forschen seit Jahrzehnten zu den Aspekten des Klimawandels. Sie sahen damals zu Recht eine Notwendigkeit für einen wissenschaftlich fundierten Ref-NEKP. Denn der offizielle österreichische NEKP (Anm.: Nationalen Energie- und Klimaplan für Österreich) in seiner damaligen Form – und leider auch in seiner derzeit aktualisierten Fassung – genügt nicht den Ansprüchen für die von Österreich gesetzten Klimaziele 2030.

Dabei rede ich gar nicht von den eigentlich viel ambitionierten Pariser Klimazielen, zu denen sich Österreich ebenfalls bekannt hat, und die einen weitaus ambitionierten Reduktionspfad benötigen würden. Es bedarf einer Reduktion von 50 bis 60 Prozent gegenüber 2005. Helga Kromp-Kolb kam damals im April auf mich zu und fragte, ob ich die Koordination eines solchen Plans übernehmen wollte. Diese Chance habe ich damals gerne ergriffen, da ich darin eine Möglichkeit sah, auch die Third Mission der Universitäten wahrzunehmen, das heißt wissenschaftliche Erkenntnisse zum Umgang mit gesellschaftlichen Herausforderungen zu vermitteln. In diesem Fall zur Klimakrise.

OS4S: Auf der Webseite des CCCA steht geschrieben: „Es handelt sich dabei im Sinne guter wissenschaftlicher Praxis im Wissenschaft-Politik Dialog um keinen Plan, der vorgibt, was politisch zu machen sei, sondern um das Darstellen möglicher Umsetzungswege, mit denen Österreich seinen fairen und angemessenen Beitrag zu den Pariser Klimazielen erreichen kann“. Wie gelingt der Dialog zwischen der Klimawissenschaft und Politik in Österreich; eventuell auch im internationalen Vergleich?

Kirchner: Meine persönlichen Erfahrungen zum Dialog zwischen der Klimawissenschaft und Politik sind relativ jung. Da können versiertere Personen, wie zum Beispiel die bereits genannten InitiatorInnen des Ref-NEKP, bessere Einschätzungen bringen. Im Zuge der Erstellung des ersten NEKP gab es zwar einen Dialog und Einbindungen wissenschaftlicher ExpertInnen. Die Ergebnisse dieser fanden jedoch nur wenig Eingang im ersten offiziellen Entwurf Ende 2018. Zudem gibt es im Nationalen Klimaschutzkomitee (NKK) nur einen Vertreter der Wissenschaft und das ist Gottfried Kirchengast.

Der Ref-NEKP war dann sozusagen die wissenschaftliche Replik auf dieses Nicht-Miteinbeziehen wissenschaftlicher Expertise. Leider fanden sich auch in der überarbeiteten Fassung des NEKP Ende 2019 nur ein paar Empfehlungen des Ref-NEKP wieder. Dazu zählen zum Beispiel die Aufstockung der Fördermittel für Wohnbausanierungen und die Andeutung einer möglichen öko-sozialen Steuerreform, die es dann tatsächlich in das türkis-grüne Regierungsprogramm geschafft hat, jedoch spät umgesetzt werden wird. Die Einschätzungen aller Beteiligten am Ref-NEKP ist aber, dass Österreich mit dem derzeitigen NEKP zwar besser unterwegs ist, aber jedenfalls nicht die Ziele für 2030 erreichen wird.

OS4S: Welche Lichtblicke bzw. Highlights erkennen Sie im Rückblick?

Kirchner: In vielen Bereichen sind wir auch auf offene Ohren gestoßen. So wurde das Ref-NEKP Team zu einer LandesklimaschutzreferentInnen-Konferenz eingeladen. Karl Steininger wurde als unabhängiger Klimaexperte in das Verhandlungsteam der Grünen eingeladen, als es um die Koalitionsverhandlungen ging. Ob der Ref-NEKP einen kleinen aber feinen Einfluss auf die Nationalratswahlen 2019 gehabt hat, wird sich nur schwer feststellten lassen. Auf Initiative von Fridays for Future wurde er immerhin dafür verwendet, um die Klimaprogramme der Parteien zu bewerten. Und auch in den Medien stieß der Ref-NEKP vor den Wahlen auf viel Resonanz. Wahrscheinlich ist uns der Dialog zwischen Wissenschaft und Zivilgesellschaft mit dem Ref-NEKP am Ende besser gelungen, als jener zwischen Wissenschaft und Politik.

Da viele zivilgesellschaftliche Initiativen oft einen besseren Zugang zu politischen EntscheidungsträgerInnen haben, sollte dieser Weg sicherlich auch gesucht werden. Ein direkter Dialog zwischen Wissenschaft und Politik ist aus unserer Sicht trotzdem wünschenswert. Am Ende hoffen wir auf ambitioniertere Umsetzungen seitens des neuen Klimaschutzministeriums und auf die Fokussierung auf die Pariser Klimaziele. Im internationalen Vergleich stehen wir zumindest mit dem Klimaschutznetzwerk CCCA sehr gut da. Das CCCA setzt sich zum Ziel, den Dialog zwischen Politik und Wissenschaft zu verbessern. Es besteht jedoch noch viel Potential für Verbesserungen. Zum einen von Seiten der Politik, mehr evidenzbasierte Politik zu betreiben. Zum anderen auch von Seiten der WissenschaftlerInnen, die Third Mission ernster zu nehmen und auch ohne diese gegen notwendige Grundlagenforschung auszuspielen.

OS4S: Im Ref-NEKP werden unterschiedliche wertebasierte Umsetzungswege aufgezeigt. Welche sind das? Skizzieren Sie die bitte kurz.

Kirchner: Wir wollten mögliche Umsetzungswege skizzieren, um aufzuzeigen, dass das Pariser Klimaziel auch mit unterschiedlichen Wertvorstellungen erreicht werden kann. Zusammen mit vielen anderen ExpertInnen haben wir in einem Workshop vier Umsetzungswege identifiziert, die sich in ihrer Steuerung durch „top-down“ oder „bottom-up“ und dem Fokus ihrer technischen oder sozialen Innovation unterscheiden.

Der erste Pfad „Klimaschutz durch Technik und Regulierung“ setzt am meisten auf Technik – sprich: technische Innovation – und Regulierung – sprich: top-down Steuerung. Das bedeutet, dass ordnungspolitische und förderpolitische Ansätze, welche schädliches Verhalten einschränken und Anreize für umweltfreundliches anbieten, im Vordergrund stehen.

Der zweite Pfad, die „Mehr-Ebenen-System Innovation“ setzt ebenfalls auf technische Innovation, entwickelt diese aber zum Großteil aus der Bevölkerung heraus – sprich: bottom-up Steuerung. Das heißt, dass hier Technik vor allem auf Basis von BürgerInnen-Bewegungen verbreitet und umgesetzt wird, womit eine hohe soziale Akzeptanz gegeben ist, die auch Veränderungen in Praktiken, Normen und Institutionen bewirken wird.

Der dritte Pfad ist der „Sozial-ökologische Transformationspfad“. Dieser geht wie der zweite Pfad von starken sozialen Veränderungen aus, die hier hauptsächlich von oben herab initiiert werden. Das bedeutet, dass die Regierung vor allem ordnungspolitische Maßnahmen verwendet, um soziale Transformation in Gang zu setzen. Zudem ist die Bevölkerung gewillt, solche Veränderungen auch mitzutragen.

Im vierten Pfad, jener des „Up-Scaling sozialer Innovationen“, kommt es durch eine Vielzahl an experimentelle Graswurzelbewegungen zu sozialen Veränderungen im großen Rahmen. Das heißt, hier wird der große Hebel durch zivilgesellschaftliche Initiativen getätigt. Diese vier Pfade zeigen somit eine gute Bandbreite an möglichen Umsetzungspfaden an und sollen auch kein Entweder-Oder darstellen. In Wirklichkeit kann und sollte man aus allen diesen Möglichkeiten schöpfen.

OS4S: Was sind Ihre Lehren beziehungsweise Ihr Fazit aus dem Projekt, welches zwischen April 2019 und Jahresende 2019 realisiert wurde?

Kirchner: Die wichtigste Lehre ist wohl, dass es sich auszahlen kann, vom typischen wissenschaftlichen Pfad abzukommen, um stärker Publikationen zu forcieren, die sich mehr an Politik und Gesellschaft richten, als an ein wissenschaftliches Fachpublikum. In meiner relativ jungen Karriere hatte ich noch keine andere Publikation beziehungsweise ein Projekt, das so viel Resonanz in Gesellschaft, Medien und Politik gefunden hat. Ich kann anderen WissenschaftlerInnen also durchaus empfehlen, Chancen zu solchen Projektarbeiten, wie es der Ref-NEKP ist, wahrzunehmen.

Man lernt dabei auch sehr viel über Medien und Medienkommunikation beziehungsweise wie wissenschaftliche Botschaften aufgenommen werden und noch besser kommuniziert werden können. Schön zu sehen war im Projekt auch, wie breit der Ref-NEKP von der österreichischen Wissenschaftsgemeinde mitgetragen wurde. Dass sich hier über 70 ExpertInnen unbezahlt Zeit genommen haben, Textstücke zu schreiben, an Workshops teilzunehmen und den Ref-NEKP zu begutachten, muss wirklich hervorgehoben werden. Das zeigt auf, wie dringend die Klimakrise als solche in der Wissenschaft wahrgenommen wird.

OS4S: Bitte geben Sie einen Ausblick in die Zukunft. Wie geht es mit dem Ref-NEKP weiter beziehungsweise wird es ähnliche Publikationen geben?

Kirchner: Wie es mit dem Ref-NEKP weitergeht ist noch offen. Zurzeit sind keine weiteren Publikationen geplant. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es irgendwann wieder eine aktualisierte Version geben könnte. Bedarf gibt es dafür wohl leider sicherlich. Jede und Jeder ist herzlich eingeladen, hier weiterzuarbeiten und den Ref-NEKP zu verbessern. Da er in erstaunlich kurzer Zeit erstellt worden ist, gibt es noch viele Stellen nachzubessern. Dazu zählen zum Beispiel Bereiche wie Bildung, nachhaltiger Konsum und besonders die Notwendigkeit einer sozial-ökologischen Transformation.

OS4S: Welche Entwicklungen im österreichischen Hochschulsektor sehen Sie exemplarisch im Zusammenhang mit den Ref-NEKP?

Kirchner: Es gibt zurzeit mit dem Projekt UniNEtZ ein Universitäts-übergreifendes Projekt, das sich der Implementierung der UN-Nachhaltigkeitszielen der Agenda 2030 widmet, zu denen natürlich auch der Klimaschutz zählt, und in dem einige Akteure des Ref-NEKP beteiligt sind. Hier wird ein größerer Bogen gespannt. Unsere heutigen globalen Herausforderungen lassen sich ja nicht nur auf den Klimaschutz beschränken, sondern schließen auch Themen wie etwa Ungleichheit, Biodiversitätsverlust, Armut ein. Maßnahmen in diesen Bereichen können sich gegenseitig beeinflussen – zum Guten wie zum Schlechten. Hier gilt es Synergie-Effekte zu identifizieren. Dieser große Kontext hat im Ref-NEKP gefehlt.

Und bald startet auch der APCC (Austrian Panel on Climate Change) Special Report: Challenges and opportunities in reaching the Paris Agreement, der sich der sozial-ökologischen Transformation widmet. Es wird in Zukunft also viele weitere Publikation zur Klimakrise geben. Diese werden auch den Dialog zwischen Wissenschaft und Politik sowie Wissenschaft und Zivilgesellschaft im Blickpunkt haben.

OS4S: Gibt es abschließend noch etwas, was Sie der Leserin und dem Leser mitteilen möchten? ​

Kirchner: Auch wenn die Herausforderungen, die Pariser Klimaziele zu erreichen, immens erscheinen, übe ich mich in realistischem Zweckoptimismus. Nicht nur, weil ich soeben Papa geworden bin, und meine Tochter die Entwicklung des Klimawandels viel stärker mitbekommen wird als ich, sondern auch weil eine sozial-ökologische Transformation mitunter schneller stattfinden kann als wir uns das meistens vorstellen können. Vielen von uns sind die Kipppunkte des Klimasystems bekannt, die eine steigende Temperaturspirale auslösen können, wie beispielsweise Methan und Permafrost.

Man kann aber auch soziale Kipppunkte identifizieren, die gegenseitig eine sozial-ökologische Transformation beschleunigen, wie es eine vor kurzem erschienene Publikation in PNAS (Anm.: hier abrufbar) aufzeigt. Dazu zählen Elemente, die auch wir im Ref-NEKP identifiziert haben. Eine öko-soziale Steuerreform, hocheffiziente Energiesysteme mit Sektorkopplung und die Etablierung von Klimaschutz in allen Curricula gehören beispielsweise dazu. Diese Elemente können sich alle gegenseitig bestärken und letztlich auch die Werte und Normen ändern, die wir für eine klimaneutrale und klimagerechte Gesellschaft benötigen.

Schlussendlich macht mir die junge Generation am Ende die meisten Hoffnungen. Zum einen zeigten unsere engagierten studentischen MitarbeiterInnen, dass sie nicht nur großartige Recherche und Schreibarbeit leisten können, sondern sich auch mit Begeisterung für eine klimagerechtere Welt einsetzen. Dazu zählen etwa Christoph Ambach, Julia Grohs, Andrea Gutsohn, Jonas Peisker und Birte Strunk. Und zum anderen ist das insbesondere Fridays for Future. Die Bewegung schaffte etwas, was wir KlimawissenschaftlerInnen in 30 Jahre vergeblich versucht haben. Sie brachten die Klimakrise ins Zentrum der Gesellschaft und Politik. Genau dort wird sie, trotz und vielleicht auch wegen Corona, noch so lange bleiben, bis wir sie bewältigt haben. Fangen wir also am besten gleich damit an.

Hier sollte die Krise als Veränderung genutzt werden, die Wirtschaft und unsere Gesellschaft klimafreundlicher zu gestalten. Der Ref-NEKP bietet dafür eine Orientierungshilfe und zeigt die wichtigsten Hebel für Klimaschutz auf, die die Wissenschaft identifiziert hat.

OS4S: Vielen Dank für das Gespräch.

Kirchner: Danke auch.

 

Weiterführende Information

  • Homepage des CCCA: hier
  • Referenzplan: hier
  • Broschüre Executive Summary: hier
  • Broschüre Vision 2050 und Umsetzungspfade: hier
  • Pressereaktionen: hier
  • Publikation “Social tipping dynamics for stabilizing Earth’s climate by 2050” in PNAS: hier
  • Fridays for Future: hier

 

Beitrag 7 der Serie „Das war der Sustainability Award 2020“.