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Betriebswirtschaftliche Nachhaltigkeit

Interview mit Kerstin Neumann

OS4S-Interview mit Kerstin Neumann, Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Innsbruck, über betriebswirtschaftliche Nachhaltigkeit in Unternehmen, das Innovation Lab for Sustainability und die Sustainable Development Goals.

 

Was bedeutet Nachhaltigkeit aus der Managementperspektive für Sie?

Neumann: Eine Organisation oder ein System nachhaltig zu managen bedeutet, ganz allgemein gesprochen, die Bedürfnisse der jetzigen Generation, also nicht nur Einzelner, so zu erfüllen, dass auch die kommenden Generationen ihre Bedürfnisse ohne Einschränkungen befriedigen können. Also einzelne Gruppen leben heute nicht auf Kosten anderer oder späterer. Wenn man dies konkret auf Unternehmen anwendet, heißt dies, nicht ausschließlich ökonomisches, kurzfristiges Wachstum in den Mittelpunkt der Unternehmensführung zu stellen, sondern langfristige ökonomische Prosperität, die nicht auf Kosten ökologischer und sozialer Ziele von Stakeholdern und Gesellschaft passiert.

Sie sind Professorin am Institut für Strategisches Management, Marketing und Tourismus an der Universität Innsbruck und beschäftigen sich mit Fragestellungen des nachhaltigen Ressourcenmanagements. Warum ist Nachhaltigkeit für österreichische Unternehmen wichtig?

Neumann: Unternehmen haben, ob sie wollen oder nicht, einen starken Einfluss auf das Wohlergehen des sie umgebenden Systems und ihrer Stakeholder. Folgerichtig sehen sich auch österreichische Unternehmen verstärkt dem Druck verschiedener Stakeholdergruppen, einschließlich der Gesetzgebung, ausgesetzt, nachhaltiger zu wirtschaften. Dies reicht vom stärkeren Bewusstsein von Kunden und Kundinnen für die Produktionsweise von Produkten bis zu Anstrengungen z.B. auf Ebene der Kommunen, den vielfach belastenden Individualverkehr anzugehen. All diese Entwicklungen erfordern von den Unternehmen nicht nur Produktinnovationen, sondern eine Umstellung der gesamten Prozesse, Strukturen und insbesondere des Entscheidungsverhaltens in Richtung langfristiger Integration von Stakeholderinteressen. Und dies ist unglaublich komplex.

Das Innovation Lab for Sustainability wurde Ende 2016 gegründet. Sie sind angetreten, um unter anderem die Forschung zu neuen, nachhaltigen Unternehmenstypen und Unternehmenstheorien voranzutreiben. Welche dieser Typen und Theorien stehen derzeit im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Betrachtungen?

Neumann: Es geht darum, empirisch belastbare Theorien dafür zu entwickeln, wie diese Transformation zu nachhaltigen, Stakeholder orientierten Unternehmen aussehen kann. Wir wissen mittlerweile sehr genau, dies ist empirisch mehrfach belegt, dass eine nachhaltige Unternehmensführung langfristige ökonomische Vorteile bringt. Wie allerdings der Wandel zu nachhaltigen Unternehmen bzw. Institutionen gelingt ist weniger klar, da komplexe, dynamische Interaktionen zwischen mehreren Ebenen bestehen: der individuellen, der organisationalen und der systemischen.

Welche Ansatzpunkte bestehen hierbei?

Neumann: Dies kann schwer von einer Disziplin allein getragen und gelöst werden. Ich freue mich daher, dass es immer mehr in Richtung Interdisziplinarität geht. Es ist wichtig, dass sich Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen ganz verschiedener Disziplinen zusammenfinden, um ihre vielfältigen Theorien, aber insbesondere auch, verschiedene Methoden einzubringen. Ein Beispiel ist der aktuelle Fokus auf die sogenannten micro-foundations of decision-making. Dabei geht es darum, individuelle Charakteristiken von Manager und Managerinnen und deren Einfluss auf Entscheidungen zu verstehen. Auch ist das Innovation Lab selbst interdisziplinär aufgesetzt worden. Neben mir sind zwei weitere Kollegen dabei, die formal an der Geographie angesiedelt sind. Da es um das Verstehen komplexer Ursache-Wirkungsketten mit mehrdimensionalen Zielgrößen geht, werden in jüngster Zeit in der Managementforschung – endlich – auch verstärkt experimentelle Methoden und Simulationsmodelle angewendet.

Bestehen Kooperationen zwischen dem Innovation Lab for Sustainability und der österreichischen Wirtschaft?

Neumann: Es geht uns mit dem Innovation Lab for Sustainability darum, neben unserer eigenen Forschung auch als eine Art Plattform zu wirken. Einerseits nach innen, um den vielen hochrangigen Nachhaltigkeitsforschungen verschiedener Disziplinen der Universität Innsbruck die Möglichkeit zu geben, noch stärker miteinander in Kontakt zu treten. Andererseits nach außen, um Spillover-Effekte in die Gesellschaft zu erreichen. Und hier spielen Unternehmen, aber auch Institutionen, eine entscheidende Rolle. Dabei muss man im Kopf haben, dass dies ein wenig Zeit braucht. Das Lab ist erst vor etwas mehr als einem Jahr gegründet worden. Trotzdem ist es uns bereits gelungen, zu wichtigen regionalen Unternehmen in Tirol und darüber hinaus Kontakte zu knüpfen.

Wie sehen die Kooperationen aus?

Neumann: Die Zusammenarbeiten sind vielfältig gestaltet. Diese reichen von Kooperationen in der Lehre (field trips mit Studierenden, Masterarbeiten, Teilnahme von Managern und Mangerinnen in Lehrveranstaltungen), über den Austausch jüngster Forschungsergebnisse und forschungsgeleitete Hilfestellung für konkrete unternehmerische Probleme, bis hin zu Vorträgen, wie beispielsweise geplant im diesjährigen Forum Alpbach. Der Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis ist wichtig.

Sie sind ein Mitglied im internationalen Forschungsprogramm „GOLDEN for Sustainability“ der Bocconi University Mailand. Woran arbeiten Sie in dem Programm?

Neumann: GOLDEN steht für Global Organizational Learning und Development Network – for Sustainability. Das Programm ist an der Bocconi University, wo ich einige Jahre verbracht habe, gegründet worden und genau dafür angetreten, was ich bereits beschrieben habe. Es ist ein multidisziplinäres, internationales Netzwerk von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Aber auch Institutionen und Unternehmen sind an Bord, um die Transformation von Unternehmen in Richtung Nachhaltigkeit zu verstehen und zu unterstützen. Dies versuchen wir in einem sogenannten Engaged Scholarschip Ansatz umzusetzen. Dabei gilt es die Forschung aus ihrem oft kritisierten Elfenbeinturm herauszuholen. Zudem sehen wir Unternehmen im besten Fall nicht nur als unsere Datenlieferanten. Mittels experimenteller Designs sollen sie den Wandel möglichst effektiv implementieren. Weiterhin arbeiten wir an Executive Teaching Programs im Bereich Corporate Sustainablity, denn wir müssen die Entscheidungsträger und Entscheidungsträgerinnen einbeziehen.

Beschäftigen Sie sich in Ihrer Arbeit im Bereich Corporate Sustainability mit der Umsetzung der Sustainable Developmen Goals (SDGs)?

Neumann: Die verbindliche Vereinbarung der SDGs war enorm wichtig, um die internationale Zusammenarbeit für Nachhaltigkeit nicht nur zu stärken, sondern stärker zielgerichtet zu gestalten. Trotzdem können die SDGs nur relativ stark aggregierte Zielgrößen sein.

Welchen Einfluss haben die SDGs auf Ihre Arbeit?

Neumann: Die SDGs haben insofern Einfluss auf meine Arbeit, als sie in vielen Punkten konkrete Bereiche aufzeigen, zu deren Verbesserung – und aber auch Verschlechterung – Unternehmen konkret und sehr stark beitragen können. Hier besteht also Verantwortung. Denken wir nur an ökologisch relevante SDGs, aber auch an solche, die auf Arbeitsbedingungen abzielen.

Wo sehen Sie wesentliche Stellschrauben zur Umsetzung der SDGs in Österreich?

Neumann: Österreich hat die Pariser Vereinbarung ebenfalls unterzeichnet. Ich hoffe, dass Österreich seiner Verantwortung weiterhin gerecht wird und dafür Sorge trägt, dass die SDGs erreicht werden können. Dies könne etwa auf nationaler Ebene durch entsprechende Gesetzgebungen und politische Entscheidungen, sowie auf supranationaler Ebene, beispielsweise durch die enge dahingehende Kooperation mit der EU, geschehen. Zudem könnten ganz gezielt Investitionen in diesen zukunftsträchtigen Bereichen getätigt und gefördert werden.

Möchten Sie den Leserinnen und Lesern abschließend weitere wichtige Aspekte der Nachhaltigkeit aus Ihrer Sicht mitteilen?

Neumann: Nachhaltigkeit ist ein Multi-Akteure-Problem. Es bedarf einer gemeinsamen Anstrengung aller in der Gesellschaft, nicht nur der Unternehmen, nicht nur der Politik. Sondern jede und jeder Einzelne hat hier eine Aufgabe. In meinen Lehrveranstaltungen versuche ich meinen Studierenden zu vermitteln, dass Entscheidungen ganz allgemein immer bedeuten, dass man eine Wahl hat. Man kann zwischen mehreren Alternativen wählen. Dies gilt für Topmanager und Topmanagerinnen, für politische Entscheidungsträger und Entscheidungsträgerinnen, aber auch für jede und jeden von uns bei der nächsten Konsumentscheidung. Man hat immer eine Wahl und Verantwortung für die nächste Generation.

 

Kerstin Neumann

Univ.-Prof. Dr. Kerstin Neumann – (c) Universität Innsbruck

Zur Person:

Kerstin Neumann ist seit 1. September 2016 Professorin für BWL (Schwerpunkt: Nachhaltiges Ressourcenmanagement) an der Universität Innsbruck. Zuvor war sie 4 Jahre Senior Researcher am ICRIOS Forschungszentrum der Bocconi Universität, Mailand. Sie promovierte und habilitierte an der WU Wien und war als Gastprofessorin u.a. an der University of Illinois, Purdue University und ETH Zürich.

Ihre Forschung liegt an der Schnittstelle von Strategie, Organisation und Corporate Sustainability. Sie untersucht, wie Unternehmen strategische Entscheidungsprozesse und Strukturen so verändern können, dass sie einen positiven Einfluss auf ihr sozioökonomisches Umfeld haben. Dafür verbindet sie kooperative Strategie, Stakeholder- und Organisationstheorie mit der Corporate Sustainability-Literatur. Ihr aktueller Fokus liegt auf der individuellen Analyseebene, um zu verstehen, wie Charakteristiken von Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern nachhaltiges Verhalten im organisationalen Kontext bedingen.

Seit 2010 wirkt sie als zentrales Mitglied im internationalen Projekt “GOLDEN for Sustainability” mit. Zudem übt sie Tätigkeiten in Editorial Boards und als Reviewerin führender Zeitschriften aus. Sie tritt als Organisatorin von zahlreichen thematischen Workshops und Tracks sowie auf, mit regelmäßigen Präsentationen ihrer Arbeiten auf den Hauptkonferenzen ihres Fachs. Ihre Forschungsarbeiten sind in renommierten Fachzeitschriften erschienen, u.a. in Strategic Management Journal, Global Strategy Journal, Management Accounting Research und Organization & Environment.

Sie verfügt seit 2003 über Lehrerfahrung in Diplomstudiengängen bzw. Bachelor- und Masterprogrammen, in der Betreuung von Bachelor-, Master- und Diplomarbeiten, seit 2012 im Doktorat/PhD und seit 2013 im Executive Teaching. Im Mittelpunkt ihrer Lehre stehen Kurse im Bereich Strategie, Nachhaltigkeit und Organisation, Projektkurse zu spezifischen Themen in den genannten Bereichen sowie Kurse zu Forschungsdesign und akademischem Schreiben.

 

Das OS4S-Interview führte Florian Leregger, Geschäftsführer des Instituts für Umwelt, Friede und Entwicklung (IUFE) für openscience4sustainability.