Back to list

Open Innovation: Experten orten Kulturwandel und warnen vor PR-Schmäh

Das Öffnen von Innovationsprozessen ist ein Konzept der Stunde: Politik, Forschungsinstitute oder Firmen setzen große Hoffnungen in solche Initiativen. Unter dem Modewort “Open Innovation” habe bereits ein Wandel in Richtung mehr Teilhabe bei der Schaffung von Neuem eingesetzt, hieß es bei einer Diskussion in Wien. Eine Missinterpretation als PR-Maßnahme wäre aber fatal.

Damit das Einbinden von Leuten außerhalb einer Institution oder Menschen, die sich innerhalb einer Einrichtung mit anderen Themen beschäftigen, gelingt, brauche es vor allem den ehrlichen Willen, “Open Innovation” (OI) anzugehen sowie klare und verständliche rechtliche Rahmenbedingungen und Kommunikation auf Augenhöhe zwischen allen Beteiligten. So lautete der Tenor der von APA-Science, der Wissenschaftsplattform der APA – Austria Presse Agentur, veranstalteten Podiumsdiskussion.

Dass sich vor allem Unternehmen über ihr Marktumfeld hinaus mit Ideen von anderen beschäftigen oder eigene Mitarbeiter dazu motivieren, sich an Innovationen zu beteiligen, sei nicht unbedingt neu, erklärte OI-Experte Karl-Heinz Leitner vom Austrian Institute of Technology (AIT). Laut einer aktuellen Erhebung verfolge bereits knapp ein Viertel der österreichischen Firmen eine explizite OI-Strategie. Die sozialen Medien hätten in den vergangenen Jahren aber als “Turbo” gewirkt. Es werde nun sichtbarer, wie viele Teile der Gesellschaft – oder neudeutsch “Crowds” – sich an etwas Neuem beteiligen wollen und das OI-Konzept breite sich von der Wirtschaft in Richtung Wissenschaft oder Politik aus.

 Bei aller Euphorie müsse man aber behutsam und überlegt vorgehen, denn ein schlecht aufgesetzter Ideenwettbewerb könne zum Bumerang werden. “Die Crowd kann dann auch etwa gegen ein Unternehmen mobilisieren”, so Leitner, etwa wenn eine Initiative den Ruch einer reinen PR- oder Marketing-Aktion bekommt.

 Für Barbara Weitgruber, Sektionschefin im Wissenschaftsministerium, ist der Versuch, Wissenschaft zu öffnen, auch eine Chance, der Forschungs- und Technikskepsis in Österreich entgegenzuwirken. Es sei bereits ein Kulturwandel spürbar. Seitens der Politik will man das mit einer eigenen “Open Innovation”-Initiative verstärken. Dabei ist die Bevölkerung aufgerufen, sich an der Ausarbeitung der OI-Strategie der Bundesregierung zu beteiligen, die Mitte nächsten Jahres präsentiert werden soll.

 Die Ludwig Boltzmann Gesellschaft (LBG) habe mit ihrem “Open Science”-Projekt “Reden sie mit” gute Erfahrungen gemacht, erklärte LBG-Geschäftsführerin Claudia Lingner. Dabei waren Experten, Betroffene und Laien dazu aufgerufen, neue Ideen zur Forschung über psychische Erkrankungen zu entwickeln. Die vielen hochqualitativen Einsendungen – auch von Fachleuten aus anderen Forschungsgebieten – hätten sie darin bestärkt, dass viele Experten aus dem “Silodenken” heraus und den Wissenschaftsbetrieb öffnen wollen, sagte Lingner.

 Klaus Schuch, Geschäftsführer des Zentrums für Soziale Innovation (ZSI), sieht im Bereich “Citizen Science” Laien derzeit eher als Datensammler eingesetzt. Zukünftig gelte es, sie auch stärker bei der Frage einzubinden, in welche Richtung Forschung gehen sollte und wie Wissenschaft wirksame Akzente in der Gesellschaft und im Sozialbereich setzen kann.

 Die Motivation der Menschen, sich an derartigen Prozessen oder Wettbewerben zu beteiligen, sei jedenfalls vielschichtig, erklärte Michael Heiss, der als OI-Experte bei Siemens bereits viel Erfahrung auf dem Gebiet gesammelt hat. Viele verbinde der starke Wunsch “wahrgenommen zu werden und etwas zu verändern – vielleicht sogar die Welt”.