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„Diese Konstellation ist mit einem endlichen Lebens- und Ressourcenraum nicht kompatibel“

5 Fragen an Peter Biermayr

5 Fragen an Peter Biermayr, Leitender Wissenschaftler an der Energy Economics Group der TU Wien.

Wie sind Sie zu Ihrem Forschungsgebiet gekommen?
Zunächst brachte mich mein Interesse an der Elektrotechnik an die TU-Wien. Im Laufe meines Studiums begann ich mich mit den strukturellen Problemen der Menschheit zu befassen. Zahlreiche interdisziplinäre Projekte eröffneten mir einen methodisch breiten Zugang zur Thematik. Die kommenden Dekaden bis 2100 werden die spannendsten der gesamten Menschheitsentwicklung, da eine Fortschreibung der Geschichte innerhalb unserer Systemgrenzen nicht mehr möglich ist.

Was kann jeder und jede Einzelne zur Nachhaltigkeit beitragen?
Der individuellen Gleichgültigkeit (oder auch Resignation) ein Ende zu setzen – das wäre der wichtigste Beitrag. Bei Wahlen die Themen der Zukunft einzufordern. Langfristige Ziele in ihrer Bedeutung vor die Tages- bzw. Jahresziele zu reihen. Dies wäre aus meiner Sicht ein notwendiger Schritt, um eine mittelfristige globale sozio-ökologische Katastrophe zu verhindern.

Welche Herausforderungen stehen auf globaler Ebene an? Was müsste getan werden, um eine nachhaltige Entwicklung zu erreichen?
Globale Bildung. Und ich meine hier Bildung und nicht Ausbildung. Bildung wirkt im globalen Gesellschaftssystem an vielen Stellen. Angefangen vom Erkennen naturwissenschaftlicher Zusammenhänge, über die Kompetenz, sich global zu verständigen und auszutauschen bis zur Eindämmung der globalen Überbevölkerung.

Trotz aller Bemühungen ist der Ressourcenverbrauch höher als je zuvor. Woran liegt das?
Das liegt an den Zielfunktionen aller Menschen weltweit: Das Individuum maximiert seinen kurzfristigen Eigennutzen (Lustgewinn) auf Tages-, Wochen- o. Monatsbasis. Die Wirtschaft/Industrie maximiert das Jahresergebnis. Politische Instanzen in Demokratien maximieren die Wählerstimmen bei der nächsten Wahl (i.A. max. 4 Jahre).Die Nutzenfunktion des Individuums wird dabei stark durch die Interessen der Wirtschaft und der politischen Instanzen beeinflusst. Diese Konstellation ist mit einem endlichen Lebens- und Ressourcenraum nicht kompatibel.

Welche Ergebnisse Ihrer Forschung oder Erkenntnisse zu dem Thema möchten Sie mit den Besucherinnen und Besuchern von OpenScience4Sustainability teilen?

Ein geordneter und sozial verträglicher Übergang in ein nachhaltiges Energie- und Gesellschaftssystem erfordert einen sofortigen und umfassenden Paradigmenwechsel. Erfolgt dieser Paradigmenwechsel nicht oder nicht rechtzeitig, so wird der Übergang trotzdem stattfinden. Das Ausmaß der damit einhergehenden Umweltzerstörung und das Ausmaß der globalen sozialen Spannungen kann für die Menschheit dann jedoch zu einem existenziellen Problem werden.