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Zusammenklänge – Musizieren mit Flüchtlingen

Das Projekt „Zusammenklänge – Musizieren mit Flüchtlingen“ gewinnt den 1. Platz des Sustainability Award 2018 in der Kategorie VERWALTUNG UND MANAGEMENT. Klara Harrer-Baranyi (Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien) spricht mit uns über das Projekt, sowie über Zusammenhänge zwischen Musik und Nachhaltigkeit.

Musikalische Begegnungen zwischen Studierenden und Flüchtlingen

Beim Sustainability Award 2018 wurde „Zusammenklänge – Musizieren mit Flüchtlingen“ an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien (mdw) mit dem Gewinn in der Kategorie VERWALTUNG UND MANAGEMENT ausgezeichnet. Seit März 2015 werden im Rahmen des Projektes Studierende der mdw mit jungen Flüchtlingen aus der lokalen Umgebung zusammengebracht. Musikalische Begegnungen in Form von Instrumental- und Gesangsunterricht stehen im Mittelpunkt. Einerseits haben die Studierenden dabei die Möglichkeit, ihr Wissen und Können anzuwenden und zu vertiefen und andererseits erhalten geflüchtete Jugendliche ein hochwertiges musikalisches Lernangebot. Eine der beiden Projektansprechpersonen ist Klara Harrer-Baranyi von der mdw. Sie hat mit uns über das Projekt, sowie über Zusammenhänge zwischen Musik und Nachhaltigkeit gesprochen.

 

Wie ist die Idee für das Projekt „Zusammenklänge – Musizieren mit Flüchtlingen“ entstanden?

Harrer-Baranyi: Die Idee hatte ich vor fünf Jahren, also noch vor der großen Flüchtlingsbewegung. Musik ist für Menschen, gerade für jene, die noch kein Deutsch sprechen, eine Art kleine Lebenshilfe. Anfänglich war es eine Privatinitiative. Zunehmend dachte ich, dass die Universität für Musik und darstellende Kunst Wien alle Ressourcen hätte, um hier in Aktion zu treten. Meine Suche nach Kollegen, die sich an dieser Initiative beteiligen könnten, war erfolgreich. Dr. Thomas Stegemann und Dr. Ursula Hemetek schlossen sich meiner Idee an. Wir nahmen Kontakt mit Betreuungsorganisationen, wie dem Integrationshaus, auf. Denn zu Beginn war die Beratung durch Expertinnen und Experten, wie man am besten in Aktion mit betroffenen Personen tritt, sehr wichtig für uns.

 

Was waren die ersten Aktivitäten?

Harrer-Baranyi: Zu den ersten Aktivitäten zählten die musikalische Mitgestaltung des Winterfestes im Integrationshaus und zwei Konzerte für geflüchtete Menschen. Die Programme gestalteten und spielten damals Studierende der Universität. Das Publikum kam direkt aus den Flüchtlingsheimen. Gut zwei Jahre danach, im Jahr 2017, fand an unserer Universität die 200-Jahresfeier statt. Bei dieser Feier spielte schon ein Orchester, bestehend aus geflüchteten Jugendlichen. In nur zwei Jahren ist es also möglich geworden, dieses Orchester auf die Beine zu stellen.

 

Wer unterstützt das Projekt?

Harrer-Baranyi: Das Projekt erfordert eine intensive Zusammenarbeit zwischen Hochschülerschaft der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien, einzelnen Instituten und dem Rektorat. Ganz essentiell ist die freiwillige Arbeit der Studierenden. Zuerst haben sich diese vollkommen unentgeltlich an der Initiative beteiligt. Heute ist das Ganze ein umfangreiches Projekt. Das Rektorat steht dahinter und wir haben eine offizielle Kooperation mit der Hochschülerschaft und mit der Universität. Dadurch ist es möglich, dass die Studierenden ECTS-Punkte für ihre Mithilfe an dem Projekt erhalten. Hier wird deutlich, dass wir es von einer kleinen Idee mit viel Engagement und Eigeninitiative zu einem großartigen Projekt geschafft haben, welches von vielen mitgetragen wird.

 

Wie kann Musik zur Integration und zum besseren interkulturellen Verständnis beitragen?

Harrer-Baranyi: Die Migrantinnen und Migranten bekommen bei uns Einzelunterricht und haben so die Möglichkeit, vertrauensvollen Kontakt zu jungen Studierenden aus Österreich aufzubauen. Sie können sich auch untereinander im Chor, Orchester und Ensemble austauschen. Leider müssen wir die Teilnehmerzahlen begrenzen, weil wir räumlich auf Kapazitätsgrenzen stoßen. Wir beobachten eine hohe Fluktuation aufgrund von Umsiedlungen der geflüchteten Personen. Auch Abschiebungen sind große Probleme für das Projekt. Manchmal sind unsere Schülerinnen und Schüler von heute auf morgen weg. Im Gegensatz dazu, lernen aber auch viele Personen mehrere Semester lang bei uns.

 

Wie erfahren die geflüchteten Personen von Ihrem Projekt?

Harrer-Baranyi: Die Schülerinnen und Schüler werden durch Betreuungsorganisationen an uns vermittelt. Oft sind wir mit langen Wartelisten konfrontiert. Viele wollen beispielsweise Gitarre oder Geige lernen. Leider haben wir nicht genügend viele Studierende, die diese Instrumente unterrichten, um die Nachfrage decken zu können. Zwar sind auch die Räumlichkeiten begrenzt, doch wir finden es großartig, dass wir überhaupt Räumlichkeiten für das Projekt nützen können. Momentan liegt die Obergrenze bei 35 bis 40 Schülerinnen und Schülern.

 

Was bedeutet Nachhaltigkeit für Sie?

Harrer-Baranyi: Hier unterscheide ich zwei Ebenen. Fachlich bedeutet Nachhaltigkeit, die Möglichkeit zu haben, sich mit einem Instrument zu beschäftigen, und zwar ein Leben lang. Menschlich bedeutet Nachhaltigkeit, dass sich die jungen Menschen bei uns mithilfe einzelner und gemeinschaftlicher Aktivitäten angenommen und sich langfristig als Teil unserer Gesellschaft fühlen können.

 

Was hat Ihr Projekt mit Nachhaltigkeit zu tun?

Harrer-Baranyi: Es ist ganz banal. Mit „Zusammenklänge – Musizieren mit Flüchtlingen“ lernen die geflüchteten jungen Menschen zum Beispiel Pünktlichkeit, aber auch bei Verhinderung, die Musikstunde abzusagen. Ja, in unserer Gesellschaft sind das Selbstverständlichkeiten. Bei uns lernen die Schülerinnen und Schüler auch etwas für das reibungslose Zusammenleben in der österreichischen Arbeitswelt.

 

Was bedeutet der Gewinn des Sustainability Award 2018 für das Projekt?

Harrer-Baranyi: Diesen Preis zu gewinnen, war sehr erfreulich. Zwar haben wir den Preis nicht für den ideellen Wert bekommen, sondern für die Organisation und das Management. Nichtsdestotrotz haben wir uns sehr gefreut. Die Auszeichnung hat uns zusätzlich zum Weitermachen motiviert.

 

Danke für das Gespräch.

Harrer-Baranyi: Besten Dank.

 

Weiterführende Informationen

SA2018_Zusammenklänge_OS4S

Beitrag 7 der Serie “Das war der Sustainbility Award 2018”, verfasst von Bianca Blasl und Florian Leregger vom Institut für Umwelt, Friede und Entwicklung (IUFE) für openscience4sustainability.