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„Wir stehen immer als die Abwiegler da, aber das stimmt nicht“

Reinhard Böhm von der ZAMG setzte sich gegen Vereinfachungen in der Klimadebatte ein. Im Interview legte er dar, was ihn am meisten stört, welche Punkte falsch dargestellt werden und wie er in einen Thriller von Michael Crichton kam. Reinahrd Böhm ist vor kurzem völlig überraschend im 65. Lebensjahr an den Folgen eines Herzinfarkts am Sonnblickgletscher gestorben. Sein Tod ist ein großer Verlust, für alle, die ihn kannten, und für die Wissenschaft.

Herr Dr. Böhm, Sie haben einmal in einem Zeitungskommentar geschrieben, dass Wissenschaftler sich mit einem „bedauernden Achselzucken aus der postnormalen Welt der Klimadebatte“ verabschieden würden. Was meinen Sie damit?

Böhm: Das ist sogar ein Originalzitat von einem deutschen Kollegen, einem fantastischen Statistiker, der irgendwann den Dialog mit der Öffentlichkeit überhaupt aufgegeben hat. Der publiziert seine Sachen in „Nature“ oder sonstwo und aus. Er ist nicht zart besaitet, aber er nimmt die Sachen sehr genau und ist dann ungehalten, wenn was nicht genau so rüberkommt. Das Zitat stammt nicht von mir, aber ich kann es nachempfinden. Ich selber bin nicht so weit, wie Sie sehen, und ich finde auch, das gehört sich nicht. Man hat ja schließlich auch einen öffentlichen Posten, der von der Allgemeinheit bezahlt wird. Aber wenn man schaut, wie die Diskussion beim Klimawandel momentan läuft, versteh ich‘s auch bei manchen.

Was ärgert Sie denn am meisten?

Böhm: Mich ärgert, dass die verschiedenen Herangehensweisen in der Wissenschaft so vermengt werden. Die Öffentlichkeit zu suchen ist auch notwendig, ich bin sogar sehr öffentlichkeitsfreudig, aber es darf darunter nicht die eigentliche Kernarbeit leiden. Und ich finde, momentan leidet gerade in meinem Fach die Kernarbeit dadurch. Ich würde nicht einmal sagen, dass die Leute daran schuld sind. Durch den Forschungsbetrieb, wie er heute funktioniert, ist es notwendig, viel im Marketing zu machen. Ich rege mich hier nicht so sehr über die Administration auf, die auch viel mehr geworden ist. Aber mich ärgert speziell, dass es so einen gewissen Rückkopplungsprozess gibt. Wenn du über die Forschungsarbeit überwiegend und notgedrungen verkürzt redest, ersetzt das früher oder später die Forschung selber. Das ist übrigens auch nicht von mir, das wurde einmal sehr klar von Konrad Paul Liessmann in seinem Buch „Die Theorie der Unbildung“ beschrieben. Besonders das Kapitel über „Wie messe ich Wissen“ ist sensationell gut. Da steht dieser Rückkoppelungsprozess genau drin.

Wie sieht dieser Rückkoppelungsprozess konkret aus?

Böhm: Wir züchten eine Generation von guten Projektantrag- und Endberichtschreibern, und die eigentliche Arbeit macht eigentlich gar keiner mehr. Das ist jetzt natürlich sehr übertrieben, aber auch die Tendenz dahin stört mich. Und mich stört auch, dass bereits am Anfang der Forschung oft der Anwendungszweck steht – und das ist etwas sehr Populäres, dagegen kommst du gar nicht an. Forschung muss immer konkret etwas bringen – möglichst etwas, was man im Voraus bereits geplant hat. Dieses Primat der Angewandtheit geht eine Zeit lang gut. Aber wenn du immer nur das in den Vordergrund stellst, beißt sich die Schlange irgendwann in den Schwanz und ich mache die eigentliche Forschung nicht mehr, die einen Fortschritt bringt, nämlich die Grundlagenforschung. Das ist ein hochtrabendes Wort, Grundlagenforschung ist aber bald einmal etwas – nennen wir es etwa „Forschung aus dem Motiv der Neugierde“. Nur das bringt die Forschung nachhaltig weiter, weil irgendwann den anwendungsorientierten Leuten die Luft ausgeht. Da sind dann plötzlich die im Vormarsch, die die Grundlagenforschung auch gemacht haben.

Das heißt, die Verzwecklichung ist schuld?

Böhm: Ja, ich glaube Liessmann sagt sogar, der Grundfehler ist der, dass die Regeln der Wirtschaftswissenschaft viel zu stark im Vordergrund stehen – er sagt das für die Geisteswissenschaft, ich sage es auch für die Naturwissenschaft. Man kann den Wissenschaftsbetrieb kaum messen, und damit muss man leben. Das gilt nicht nur, wie Liessmann beschreibt, für die Geisteswissenschaften sondern auch für die Naturwissenschaft. Bei uns ist es ganz genau gleich.

Der Wissenschaftsbetrieb selbst ist aber nicht der einzige Faktor, der in die öffentliche Debatte lenkt. Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach die Medien?

Böhm: Ich wäre in meiner Schulzeit selbst gerne Journalist geworden. Ich achte diesen Berufszweig immer noch, ich finde ihn auch extrem wichtig, aber es ist halt schon so, dass es einen Teufelskreis gibt, der zur Überbetonung des Außerordentlichen, des noch nie Dagewesenen und der Katastrophen führt. Ich glaube es ist sogar eine Erfolgsgeschichte, warum das jetzt so passiert in den Medien. Es gibt einen weltweiten Verbund, blitzartig bekommt man alle Meldungen. Das führt dazu, dass man den Eindruck bekommt, dass es drunter und drüber geht. Und das ist ja nicht nur beim Klima so. Von wirklichem Gräuel anderswo hat man vor 100 Jahren kaum etwas erfahren. Jetzt ist alles sofort im Fernsehen, wenn etwas passiert.

Gleichzeitig gibt es aber auch die Tendenz, dass Journalisten immer weniger Zeit bleibt, sich Untersuchungen auch wirklich durchzulesen …

Böhm: Die Journalisten sind zum Teil ja nicht selber schuld. Wenn ich mit jemandem ein Interview mache, ist es meistens ein sehr ersprießliches Gespräch mit sehr intelligenten Zwischenfragen, doch im Artikel stehen dann total verkürzt nur ganz kleine Teile davon – vor allem mit einer Überschrift, wo mir ganz schlecht wird. Mittlerweile habe ich gelernt, dass das meistens nicht der Journalist macht, sondern irgendjemand anderer ober ihm. So sind halt die Medien. Vielleicht kommt jetzt eine Besserung durchs Internet, denn schließlich hat man dadurch die Möglichkeit auf einen direkten Zugriff – obwohl ich da auch meine Bedenken habe. Wir haben hier eine ellenlange Klimawandel-Informationsplattform gemacht. Wir wissen schon, wie viele Zugriffe es gibt, aber man bekommt nicht so richtig mit, wie da die Wirkung ist. Hat das einen Sinn oder nicht? Aber immerhin, die Möglichkeit hat man jetzt. Ich brauche jetzt nicht mehr zu warten, bis ein Zeitungsartikel wo erscheint. Dass im Internet auch viel Trash steht, damit muss man leben.

Im Internet finden Sie einerseits den state of the art der Wissenschaft, andererseits aber auch die Verschwörungstheoretiker, die an Ufo-Komplotte glauben und so weiter. Überwiegen insgesamt die Vorteile?

Böhm: Das ist immer so. Auf der einen Seite gibt es fantastische Möglichkeiten, auf der anderen Seite große Gefahren. Es ist zu hoffen, dass die Menschheit lernt damit umzugehen und nicht am Ende ein total internetgesteuerter Dodel herauskommt, sondern ein immer mündiger werdender Bürger, der auf Informationen aus der ganzen Erde Zugriff hat und der sich die Freiheit nehmen kann, wirklich selbst zu entscheiden. Die zweite Möglichkeit fordere ich eben ein. Nicht in allem – wenn man sich nicht interessiert für das Leben einer kalifornischen Schauspielerin, muss man es ja nicht durchlesen. Aber wenn du dich zum Beispiel angeblich interessierst für das immer größere Problem Klimawandel, dann musst du dich schon damit befassen. Und dann verlange ich auch, dass du ein bisschen Zeit aufwendest und nicht nur Überschriften nachläufst.

Sie sagen, es gibt zwei Extrempositionen, die Alarmisten und die Kalmierer, die sich in dieser Debatte sehr engagieren, wenn auch in Form einer sehr selektiven Wahrnehmung. Wie kann man denn dem begegnen?

Böhm: Ich tue mich selber schwer. Meistens ärgere ich mich eben, weil beides überzeichnet dargestellt wird. Ich stelle es so dar, wie ich glaube, dass es besser ist, und ich hab das gleiche Medium zur Verfügung, wenn ich will. Ich gehe eben auch ins Internet und vertrete meine Meinung auch in Zeitungen und so weiter. Momentan merke ich, dass es bei uns in Europa halt eher so ist, dass es in die Richtung der Alarmisten geht. In den USA eher nicht, was man so hört. Da ist eher die Ableugnerversion im Übergewicht. Aber es ist bei fast allen Themen so. Es gibt sehr wenige Themen, wo man sagen kann, über „eins und eins ist zwei“ diskutieren wir nicht. Es ist ja nicht einmal so, dass man sagt, bei der Evolutionstheorie diskutieren wir nicht, wie man sieht.

Bei welchem Punkt wird Ihrer Meinung nach denn am meisten übertrieben?

Böhm: Es wird natürlich am meisten übertrieben bei den Extremwerten und bei der automatischen Gleichsetzung Klimawandel ist gleich Katastrophe. Klimawandel ist ja auch bereits ein falscher Ausdruck, es geht um den anthropogenen Klimawandel. Da ist bereits die erste unnötige Streiterei. Das ist ja das Dumme daran: Beide Taktiken liefern immer den anderen den Zündstoff. Wenn ich auf der einen Seite übertreibe, werde ich sofort unglaubwürdig und die andere Seite reibt mir das sofort rein. Auf beiden Seiten, wie gesagt. Klüger wäre es, bei der Seriosität zu bleiben, und beide Seiten haben auch seriöse Argumente. Manchmal allerdings eigentlich nur deswegen, weil sie sich dadurch abheben von den stärkeren Unseriositäten der anderen Seite. Das sind auch nicht zwei erratische und homogene Blöcke. Da gibt es ja auch viele innerhalb der Lager, die zum Teil auch ganz anders reden, als es nach außen hin durchklingt. Aber das kommt eben auch – glaub ich – von diesem Circulus vitiosus, den wir vorhin genannt haben. Du brauchst öffentliche Aufmerksamkeit, weil so jemand wie ich, der in einem Forschungsinstitut zu arbeiten beginnt und dann dort eine lebenslange Anstellung hat, immer seltener wird. Jetzt musst du alle paar Jahre ein Projektansuchen begründen und alle möglichen Gründe suchen, damit du überhaupt einen Job hast.

Inwiefern wird übertrieben?

Böhm: Es wird besonders bei den Punkten übertrieben, die mit Extremwerten zusammenhängen. Gerade Extremwerte sind die weichsten aller Fakten, weil sie extrem selten sind und daher die Beobachtung schwierig ist. Und was in der Öffentlichkeit vielleicht nicht so bekannt ist: Extremwerte sind meistens auch etwas sehr Kleinräumiges und sehr kurz Andauerndes. Was brauchst man daher, um Extremwerte überhaupt zu erkennen? Man braucht eine lange Zeitspanne und ein sehr dichtes Messnetz. Die Klimamodelle, die das Ganze für die Zukunft simulieren, sind bei den Extremwerten auch am schwächsten. Und gerade das steht so im Vordergrund. Wenn du eine Untersuchung machst über ein extremes Klimaereignis, deckt man zunächst auch oft Fehler auf. Selbst in wissenschaftlichen Jahrbüchern, die gedruckt vorliegen, ist da eben einmal ein Druckfehler passiert und der Starkniederschlag war halt um 100 Millimeter weniger, weil ein  Einser zuviel eingetippt worden ist. Also zuerst kommst du wieder auf die Fehlerkorrektur, und das ist einer unserer Schwerpunkte hier in der Abteilung. Wir machen viel zur Qualitätssteigerung in den Datensätzen. Daher weiß ich, wovon ich da spreche, das ist unsere Kernkompetenz. Und gerade auf dem Gebiet kenne ich die wundersamsten Geschichten.

Was stört Sie so an Übertreibungen in den Medien? Man könnte doch argumentieren: Das ist doch gut, dann werden die Leute wenigstens auf das Problem aufmerksam gemacht.

Böhm: Ich finde nicht, weil wenn man die Strategie der Dauerübertreibung fährt, stumpfen erstens die Leute mit der Zeit ab. Zweitens werden die wahren Probleme in den Hintergrund gedrängt, und die gibt es und sind meistens langfristig. Ich zähle sie auf: Der Meeresspiegelanstieg. Das ist das wichtigste Problem weltweit, wo man noch lange nicht alles weiß. Das ist einmal das schwerwiegendste globale Problem, alles andere sind lokale Probleme. Zum Beispiel die Austrocknung des Subtropengebiets – betrifft uns in Österreich auch nicht direkt, aber ich mach mir sehr wohl weltweit Gedanken. Und dann ist da noch die Frage der Landwirtschaft, die die Menschheit ernährt – wie wird die betrieben? Wie empfindlich ist sie auf Austrocknungstendenzen?

Welche Themen sind Ihrer Meinung nach weniger wichtig?

Böhm: Im Verhältnis dazu unwichtig sind alle kleinräumigen Ereignisse – so tragisch sie in den meisten Fällen auch sind, aber die gibt es im normalen Klima auch – Überschwemmungen und so weiter. Auch wenn man sehr viel in Eindämmungsmaßnahmen der Treibhausgasemissionen investiert, wird auf diesem Gebiet wenig erreicht werden. Es wird immer noch Extremwerte geben, auch wenn man die Emissionen wieder senkt. Da täte man gut daran, wenn man mehr auf Anpassungsstrategien setzt. Nicht ausschließlich natürlich – es bringt ja auch etwas nicht nur aus klimatologischen Gründen, wenn man etwas gegen die fossilen Energieträger tut, da die ja begrenzt sind. Das sollte übrigens zumindest ein gleichwertiges Argument sein, finde ich, und nicht nur die Klimaschiene.

Wie groß sollte Ihrer Meinung nach der Stellenwert von Vermeidung sein?

Böhm: Bei der Vermeidung bin ich ganz stark Pragmatiker. Wunderschön, wenn sie gelingt, ich bin sofort dafür. Wenn weltweit alle Länder unterschreiben und in gleichem Ausmaß auf erneuerbare Energien umzustellen versuchen, also auf Solar-, Wind- und Bioenergie und Wasserkraft, habe ich sofort das Argument der Industrie vom Tisch, die natürlich richtigerweise sagt, wir haben einen Nachteil, wenn nur wir das machen. Daher muss es global akkordiert geschehen, sonst geht es einfach nicht. Also wenn ich jetzt einer wäre, der glaubt, die Welt geht durch den Klimawandel unter, würde ich sagen, jetzt muss ich‘s aufgeben, weil es funktioniert ja nicht, wie wir sehen. Die globalen Treibhausgasemissionen steigen trotz aller nicht so geringen Anstrengungen beispielsweise in der EU. Deswegen ist es sehr sinnvoll, wenn man auch auf Anpassungsstrategien setzt. Selbst wenn wir jetzt die CO2-Emissionen auf Null reduzieren, gibt es aus verschiedenen Gründen im Klimasystem – speziell die Ozeane haben ein langes Gedächtnis – noch auf zig Jahre hin weitere Temperatursteigerungen. Die entsprechenden Null-Experimente in den Klimasimulationen kommen immer noch auf plus zwei Grad gegen Ende des Jahrhunderts, auf die man sich sowieso einstellen muss.

Es heißt, wenn sich die Erwärmung zwei Grad nähert, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Tipping Points angestoßen werden, und das sei sehr gefährlich. Wie sehen Sie das?

Böhm: Das ist eine reine Strategie, das ist meiner Ansicht nach eine von diesen Marketingzahlen – nur gibt’s keiner zu. Das darf man nach außen hin natürlich nicht zugeben, da muss man dann sagen „irgendetwas Furchtbares passiert bei den zwei Grad“. Das ist ein Blödsinn. Es gibt sehr wohl diese Tipping Points, sie werden nur meist zu einfach dargestellt. Es gibt Kipp-Punkte insofern, als es Rückkopplungen im Klimasystem gibt – positive und negative. Die positiven verursachen, dass es mal Eiszeiten und Zwischeneiszeiten gegeben hat wegen der Löslichkeit von den Treibgasen im Ozean, der hohen Reflexion des Sonnenlichts durch Schnee und aus anderen Gründen, da gibt es sehr viele. Das ist ein unheimlich kompliziertes vernetztes System, das in Wirklichkeit keiner so ganz versteht. Daher macht man große Simulationsmodelle, lässt sie durch den Computer laufen und schaut, was dabei herauskommt. Ich hab noch nirgends das Ergebnis gesehen, dass irgendwas plötzlich passiert, wenn zwei Grad überschritten werden. Das stimmt so einfach nicht.

Aber was heißt das dann konkret, wenn zum Beispiel das Grönlandeis abschmilzt?

Böhm: Das ist eine der wichtigsten Fragen. Wir haben ein großes Potenzial im Festlandeis in Grönland und in der Antarktis zur Veränderung des Meeresspiegels. Das Potenzial von Grönland liegt bei rund sechs Metern Meeresspiegelanstieg, das ist dort das Eis, das auf Grönland obenauf sitzt. In der Antarktis liegt es bei rund 60 Metern Meeresspiegelanstieg. Wir wissen aus der Vergangenheit, dass es Eiszeiten gegeben hat, da war der Meeresspiegel 120 Meter tiefer, weil größere Teile der Nordhalbkugel vereist waren. Diese Meeresspiegelschwankungen sind also realistisch. Jetzt muss man versuchen, das zu simulieren. Nämlich nicht nur, was im Extremfall passieren kann à la Al Gore – sechs Meter Meeresspiegelanstieg hat er gesagt, weil Grönland dieses Potenzial hat – sondern der Auftrag der Wissenschaft ist zu sagen, ob das in 10.000 Jahren, 1.000 Jahren, oder in 100 Jahren kommt, also die Geschwindigkeit der Änderung. Im vergangenen IPCC-Report steht, dass durch Abschmelzprozesse im zukünftigen Klima etwas in der Gegend von plus 39–59 Zentimeter bis Ende des Jahrhunderts zu erwarten ist. Das ist immer noch die gültige Zahl. Aber es ist auch dabeigestanden, dass es eine große Unsicherheit gibt.

Inwiefern?

Böhm: Es könnte sein, dass sich die Kalbungsrate der grönländischen und antarktischen Gletscher so stark vergrößert, dass da zusätzlich Eis nachgeliefert wird, das dann im Meer schmilzt. Da sind vor einigen Jahren sehr schnell ein paar Arbeiten erschienen, die mag ich wirklich nicht, die mit recht primitiven Ansätzen interessanterweise bis in „Science“ gekommen sind und sehr schlechte Abschätzungen gemacht haben. Salopp formuliert ist rausgekommen: „Na werden halt eineinhalb oder zwei Meter sein“. Und dann kamen wieder viele Leute, die auf das Problem seriös reagierten, das war so um das Jahr 2000 herum. Da haben großangelegte Messprojekte gezeigt, dass hinter dieser Furcht tatsächlich ein realer Hintergrund steckt. Der ist allerdings nicht so ganz einfach zu verstehen und zu modellieren. Bei Grönland z.B. gibt’s Barrieren von Gebirgen und es gibt einige Outlets, wo die Gletscher wirklich ins Meer kalben. Und diese Gletscher haben tatsächlich ihre Geschwindigkeit stark gesteigert, also wurde es langsam ernst. Da hat man dann wirklich sehr viele Forschungsanstrengungen unternommen. In einigen Fällen hat sich herausgestellt, dass diese Beschleunigung von Outlet-Gletschern eher vom Ozeanwasser kommt, das wärmer geworden ist. Also schon anthropogen, aber von außen her und nicht vom Landesinneren her. Man hat bei ein/zwei von diesen wirklich wichtigen Gletscherzungen schon festgestellt, dass das jetzt auch schon wieder vorbei ist. Die haben die im Meer aufschwimmenden Teile ihrer Zungen verloren und sind jetzt weiter Fjord-einwärts wieder stabil.

Das heißt, man weiß eigentlich sehr wenig, wie es mit dem Grönlandeis weitergeht?

Böhm: Naja, die Eisdynamik des Kalben kann man mit Modellsimulationen nicht lösen – noch nicht, würde ich sagen, einfach weil die Computerpower im Verhältnis zur hohen räumlichen Auflösung noch nicht ausreicht. Es ist aber eine clevere Arbeit von Tad Pfeffer erschienen, einem Kollegen aus Boulder/Colorado. Der hat gesagt: Machen wir eine Maximalabschätzung. Nehmen wir einmal an, diese Outlet-Gletscherzungen verdoppeln oder beschleunigen sich auf das Mehrfache von dem, wie die derzeit Schnellsten sich jetzt schon ins Meer bewegen. Sehr unrealistisch, einfach zwei Hausnummern, aber sehr hohe, eben zum  Zweck einer Maximalabschätzung. Und dann ist er seriös weitergegangen und hat berechnet, was bei diesen unrealistischen Erhöhungen der Fließgeschwindigkeit bei Grönland maximal in den nächsten hundert Jahren überhaupt an Eis herausgepresst werden kann. Das waren dann eben die erwähnten zwei Meter. Eine tolle Untersuchung, aus der man viel lernen kann. Gut gemacht, clever, aber eben eine Maximalabschätzung. Die Zahl ist seither fix in den Medien verankert als das, was tatsächlich passieren wird.

Der von Ihnen kritisierte Alarmismus wurde also direkt aus der Scientific Community genommen?

Böhm: Ja klar, nur hat man den Ansatz dieser cleveren Arbeit weggelassen, dass es sich um eine unrealistische Maximalabschätzung handelt, damit wir zumindest einmal eine Obergrenze haben. Also sechs Meter gehen nicht, diese Menge quetscht das Eis nicht heraus, aber ein bis zwei Meter sind mit diesen unrealistischen Annahmen möglich. Seitdem sind ein bis zwei Meter die gängige Medienmeinung. Man sollte schon genauer lesen. Das heißt, man muss damit leben, dass wir manches noch nicht genauer wissen. Es deutet außerdem viel darauf hin, dass das verstärkte Kalben von außen her angestoßen worden ist, aber dafür ist noch kein geschlossenes Nachweissystem da. Und ob die Gefahr eines „Ausrinnens“ Grönlands von innen her ganz unrealistisch ist, das können wir noch nicht sagen.

Wie können Menschen mit solchen Unsicherheiten umgehen?

Böhm: Man kann verschieden darauf reagieren. Ich habe zum Beispiel in Bremerhaven etwas sehr Cleveres auf einem Plakat gelesen, als ich vor zwei Jahren in Norddeutschland Urlaub gemacht habe. Wie reagiere ich auf diese Unsicherheit, ein halber Meter oder zwei Meter? Ich reagiere, indem ich zunächst keine Erhöhungen der Deiche mache. Sie machen dort allerdings etwas, das jetzt schon was bringt, denn bei Sturmfluten haben sie an der Nordseeküste schon immer Probleme gehabt. Je flacher ein Deich ist, desto besser hält er diesen Belastungen stand. Also verbreitern sie die Deiche jetzt schon, vermindern damit die Gefahr der Schäden durch „heutige“ Sturmfluten bereits jetzt, und für den Fall, dass sich später die höhere Anstiegsrate des Meeresspiegels eintritt, ist es leichter, noch etwas draufzusetzen. Das ist eine sinnvolle Investition und ein Beispiel für den Umgang mit Unsicherheit.

Worauf wird man sich in Österreich einstellen müssen?

Böhm: Wir haben gewisse Regionen, die sensitiv sind. Es wird aber immer kumulativ so gesagt, wie zum Beispiel: Es gibt bereits mehr Stürme und wird in Zukunft noch mehr geben (zwischen Gegenwart und Zukunft wird meistens nicht unterschieden), es gibt mehr Hochwasser, es gibt mehr Trockenheit. Das sind so die drei Aussagen, die immer wieder vorkommen, von denen ich Ihnen zum Beispiel zeigen kann, dass sie alle drei nicht stimmen. Stürme sind nicht mehr geworden, die hat es früher auch schon in zumindest derselben Häufigkeit und Stärke gegeben. Das haben wir publiziert, in Vorträgen und auf unserer Website dargestellt, aber man kann machen, was man will, derartiges ist nicht ausrottbar. Und es gibt auch die Simulationen der Zukunft – im Fall der Stürme der mittleren Breiten kaum eine Änderung. Zweitens Hochwasser: Das ist keinräumig und komplett abhängig vom Flussgebiet. Es gibt nirgends eine einheitliche Struktur, es nehmen bei uns nirgendwo generell die exzessiven Niederschläge zu – und da haben wir eine 200-jährige Reihe als Nachweis, das ist ganz was Seltenes. Und wir haben auch nirgends den parallel behaupteten Anstieg der exzessiv trockenen Ereignisse. Also das ist schon faszinierend, denn es würde ja genügen zu sagen: OK Leute, in der Vergangenheit hat‘s das nicht gegeben, aber für die Zukunft erwarten wir die Katastrophen. Aber es wird ja immer behauptet, das gibt’s jetzt schon. Und ich rede jetzt nur von den großen Flusshochwässern, und ich sage der Ordnung halber auch dazu: Über die kleinräumigen Muren, Bachüberflutungen, Hagel und Gewitter kann niemand etwas sagen, weil die zwischen die Gitterpunkte auch unseres dichten Messnetzes fallen. Und in den Modellsimulationen für die Zukunft sind sie ebenfalls (noch) nicht physikalisch sauber dargestellt.

Und welche sensiblen Bereiche gibt es?

Böhm: Also die Gletscher werden weiter stark zurückgehen – auch ein Schwerpunktthema unserer Abteilung. Sie werden nicht ganz verschwinden bis Ende des Jahrhunderts, aber sie werden ungefähr zu 80 Prozent verschwinden. Jetzt muss man sich überlegen, was bewirkt das. Trinkwassernot? Nein, haben wir schon gezeigt. Auch das berühmte „Flusswasser ist so gletscherabhängig in Österreich“ stimmt überhaupt nicht. Auch für die Energieerzeugung ist der Beitrag der Gletscher verschwindend klein. Aber natürlich sind die Gletscher eine Zierde der Landschaft, finde ich. Die ist dann weg, wir haben dort dann Schutthalden. Bis darüber Wälder wachsen, dauert es hunderte von Jahren. Außerdem sind die Gletscher für Skigebiete sehr nützlich, weil sie den Wärmestrom vom Boden abpuffern und weil sie eine ebene Oberfläche bieten, die leicht bearbeitet und befahren werden kann. Andere sensible Bereiche sind landwirtschaftliche Probleme wahrscheinlich im Südosten und Osten Österreichs und forstwirtschaftliche in geringeren Seehöhen.

Wieso?

Böhm: Der Niederschlag ist durch Langfrist-Klimasimulationen fast unvorhersagbar. Aber es ist wegen der steigenden Temperaturen fast egal, wie der Niederschlag fallen wird. Die Temperatur wird weiter steigen, best guess für Österreich bis Ende des Jahrhunderts größenordnungsmäßig vier Grad gegenüber dem Ende des vorigen Jahrhunderts. Das ist gut simuliert und eines der härtesten Fakten im Klimawandel, und das ist viel. Und da wird dann durch Verdunstung die Bodenfeuchte ziemlich stark zurückgehen. Wo wir jetzt schon geringe Bodenfeuchte haben, wird man sich in der Landwirtschaft etwas überlegen müssen – sag ich. Ich glaube aber auch, dass sich die Landwirtschaft darauf einstellen wird können. Die Landwirtschaft kann sich innerhalb eines Jahres einstellen. Die wirklichen Probleme werden die Forstwirte haben, weil dort die Umlaufzeit unglaublich lang ist. Das ist auch die einzige Community, die sich schon wirklich derart langfristige Gedanken macht. Die haben diese 100-jährige Perspektive, die sonst eigentlich niemand hat. Alle anderen können schneller reagieren.

Vor kurzem ist von Ihnen eine Studie erschienen, wonach Extremereignisse nicht häufiger geworden sind…

Böhm: …so typisch, das Paper hat sich mit der Frage beschäftigt, ob die Variabilität des Klimas gestiegen ist oder nicht. Das ist in meinen Augen das, was immer behauptet wird – es wird immer verrückter. Die Arbeit ist auch in der Öffentlichkeit recht intensiv eingeschlagen, viele Zeitungen haben darüber berichtet, aber einiges davon ist missverständlich rübergekommen. Die Hauptüberschrift, dass diese Arbeit nachweist, dass die Wetterkapriolen nicht steigen (und nicht die Klimavariabilität), war falsch – aber das geht leider auf unsere eigene Kappe. Ich hab unsere Aussendung selber kontrolliert, ich war in Eile und habe auf alles geschaut, nur nicht auf die Überschrift. Es hat aber noch ein anderes grundlegendes Missverständnis gegeben. Viele haben gesagt: Was? Ich hätte nachgewiesen, dass die Temperatur zurückgeht? Habe ich natürlich nicht. Wir haben gesagt, wir wollen nur das Auf und Ab untersuchen, ob dieser Range breiter oder schmäler wird. Weil ein verrückteres Klima ist ja eines, wo dies Ausschläge von Jahr zu Jahr oder Monat zu Monat stärker werden. Um das sauber zu machen, muss man die Langfrist-Trends, die natürlich eine Erwärmung zeigen, erst einmal herausnehmen. An der vollständigen Zeitreihe sieht man zunächst, dass es sehr wohl bei uns um zwei Grad wärmer geworden ist – und dann enttrende ich die, und untersuche nur nach das „Auf- und Ab“. Und dieser Trend der Variabilität war Gegenstand der Untersuchung.

Was war dann das Ergebnis dieser Studie?

Böhm: Da ist eben herausgekommen, dass bei den Temperaturen die Variabilität des Klimas vom 19. zum 20. Jahrhundert abgenommen hat. Beim Niederschlag ist es regional unterschiedlich, die Abnahme ist aber auch hier eher typisch. Beim Luftdruck gibt es kaum eine Änderung, aber bei allen drei Klimaelementen – das ist wissenschaftlich außerordentlich interessant – ist eine gut erkennbare zweihundertjährige Welle herausgekommen. Um die Mitte eines Jahrhunderts kommt immer raus, dass wir eine stärkere Variabilität hatten, und zu Ende eines Jahrhunderts hatten wir immer weniger Variabilität. Das ist ein Thema, das es wert ist, zu untersuchen. Hier fängt die Wissenschaft eigentlich erst an – was der Grund für dieses Langfristverhalten ist sollten wir verstehen. Die Studie ist allerdings insgesamt missverstanden worden. Wir standen wieder einmal als die Abwiegler da, aber das stimmt nicht. Zwar war in diesem Fall die Überschrift der Presseaussendung missglückt, und die öffentliche Apperzeption war halt eindeutig. Wir hätten wieder einmal bewiesen, dass der ganze Klimawandel ein Blödsinn ist – so wird dann meistens vereinfacht (lacht).

Unter anderem kritisieren Sie auch die Gleichsetzung von Umweltschutz mit Klimaschutz. Was stört Sie so daran?

Böhm: Ich war immer sehr für den Umweltschutz. Ein sehr breites Thema, Artenvielfalt und was weiß ich was alles. Jetzt – und das sage ich bewusst als Klimatologe – wird dieses breite Umweltthema in der medialen Öffentlichkeit auf einen kleinen Teil davon reduziert, auf den Klimaschutz. Und da brockt man sich unheimliche Probleme ein. Ich nenne ein jetzt nur paar. Was für den Klimaschutz irrsinnig gut ist: Kernkraftwerke. Für den Umweltschutz nicht. Was für den Klimaschutz unheimlich gut ist: Biodiesel. Allerdings kommt dadurch ein gehöriger Druck auf den Regenwald. Und dann gibt es noch viele andere Themen. Das sollte man sich vorher genau überlegen.

Führen die erhobenen Daten dazu, dass sie manchmal auch Ihr eigenes Weltbild überdenken müssen?

Böhm: Ich habe den Leopold Kohr sehr geschätzt – Schlagwort „small is beautiful“. Es scheint so zu sein, dass das für den Klimawandel überhaupt nicht funktioniert. Erneuerbare Energiequellen sind zu unregelmäßig. Wir haben soeben eine Studie mit dem Energieinstitut der TU Wien fertiggestellt. Die Frage dieser Studie war: Können wir hoffen, dass in Österreich in gewissen Regionen gerade Wind ist, wenn auf der anderen Seite keine Sonne scheint etc. – also gleicht sich das aus? Das ist fast null in Österreich, dazu ist Österreich zu klein. Aber wenn du ganz Europa nimmst, gleichen sich die klimatologischen Unterschiede auf plus/minus zwei Prozent aus. Was heißt das aber? Dann musst du B sagen mit einem gesamteuropäischen Verbund und den berühmten Gleichspannungsnetzen, wo die Windenergie aus Norddeutschland überall hingeliefert wird und die Solarenergie aus dem Süden. Dann freue ich mich aber jetzt schon darauf, was die Tiroler dazu sagen werden, wenn diese Stromleitungen über die Brennerschneise gehen. Man könnte sie im Boden vergraben, aber da höre ich immer, es sei zu teuer. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber das wäre die einzige Lösung, die ich sehe. Weil der andere Ansatz – große Speichermedien zu haben, die diese Unterschiede ausgleichen –, ist momentan eher nicht von Erfolg gekrönt.

Sie wurden auch einmal in einem Thriller des mittlerweile verstorbenen Bestseller-Autors Michael Crichton zitiert…

Böhm: Ja, und er hat mich auf eine raffinierte Art und Weise falsch zitiert. Das ist ja ein cleverer Mensch gewesen. „State of Fear“ hat das Buch geheißen. Michael Crichton entlarvt darin die Klimapolitik, er war ein totaler Leugner des Klimawandels und sagt, das ist nur eine Erfindung dieser Umweltorganisationen – die müssen sich ja selber finanzieren und haben dadurch ein ursächliches Interesse, das möglichst dramatisch darzustellen. Er geht sogar noch einen Schritt weiter und sagt, sie verursachen sogar solche Umweltkatastrophen…

Aber es handelt sich doch nur um fiktiven Stoff, oder?

Böhm: Natürlich, ich kenne dieses Argument von Ilija Trojanow. Mit ihm bin ich einmal gemütlich zusammengesessen, als er auch ein Klimawandelbuch geschrieben hat und ein paar Fragen über Gletscher geklärt haben wollte. Er meinte: Bitte, das ist ein Roman! Mein Held glaubt, es ist so und so, und deshalb kann man‘s schreiben. Ich finde trotzdem, Romane, die so nahe an der Wirklichkeit liegen und auch damit spielen, sollten schon danach trachten, möglichst bei der Wirklichkeit zu bleiben…

Und inwiefern hat Sie Michael Crichton falsch zitiert?

Böhm: Ich habe vor Jahren in „Climatic Change“, einer amerikanischen Zeitschrift, in einem Artikel über das Stadtklima, dargestellt, wie die Urbanisierung und Stationsverlegungen die Messkurven beeinflussen. Das heißt, wir müssen (nicht nur in diesem Fall) diese Reihen homogenisieren, damit wir alte Messungen mit neuen vergleichbar machen. Das ist eine unheimlich arbeitsaufwendige Geschichte. Wann ist die Station verlegt worden? War die Umgebung urban? Ist es eine Stadtstation oder ist es eine Überlandstation? Die Arbeit ging also darum, wie diese Urbanitätsprobleme – wenn man nicht homogenisiert – die Temperaturkurve verfälschen kann, was ja klar ist. Michael Crichton oder irgendeiner seiner Berater hat das anscheinend gelesen. Daraus wurde dann: Wie der Böhm gezeigt hat, ist das mit dem Klimawandel alles ein Blödsinn. Das Argument dazu lesen Sie übrigens auch anderswo immer noch: „Es gibt ja gar keinen Klimawandel, das ist ja nur deswegen, weil die Stationsreihen früher eher auf dem Land waren und jetzt in der Stadt sind.“ Dann ging Crichton einen Schritt weiter – das konnte er aber nur, weil die NASA eine sehr offene Politik betreibt in Sachen Datenweitergabe. Von der NASA kannst du dir alle Zeitreihen der Erde runterladen wie sie so sind, auch ohne jede Bearbeitung, und das hat er gemacht…

…das heißt, die Sache mit der totalen Transparenz hat auch einen Haken?

Böhm: Wir sind eher dagegen, und deshalb sind wir auch am Pranger. Alles nur offenlegen, dann ist alles OK. Dieses Hauptargument der Hacker aus der „Climategate“-Affäre stimmt aber nicht, weil vor der Analyse so viel Arbeit reingesteckt werden muss in dieses sinnvolle Qualitätsmanagement der Zeitreihen, die dann jeder wieder neu machen müsste, wenn wir unsere Originaldaten für jeden zum freien Runterladen zur Verfügung stellen. Auf Anfrage kriegt er sie eh, aber so zum Runterladen möchte ich das nicht unbedingt, weil dann passiert genau das, was Crichton gemacht hat: Er hat sich von der Nasa drei Stadtreihen und drei Überlandreihen rausgesucht. Sie unterschätzen das vielleicht auch: Du kannst alle Klimatrends erzeugen, wenn du geschickt mit Originaldaten arbeitest. Der Einfluss von allen möglichen nichtklimatologischen Einflüssen auf die Messreihen ist einfach viel zu groß. Natürlich hat Crichton sich solche genommen, wo die Temperatur besonders stark in einer Stadt zugenommen hat und wo sie bei Freilandreihen gar nicht zugenommen hat. Also herrlich, da hab ich schon fast nicht mehr böse sein können, weil das so intelligent untergriffig war.

Reinhard Böhm ist Meteorologe an der Abteilung für Klimaforschung der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG).