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Winkel ohne Seen

Seit Wochen macht der Nationalpark Neusiedlersee-Seewinkel mit niedrigen Wasserständen auf sich aufmerksam. Was sind die Ursachen und wie wird es mit den burgenländischen Salzlacken weitergehen?

„Wenig Wasser im Neusiedler See“, „Seichtes Wasser, und jetzt?“, „Lacken im Seewinkel ausgetrocknet“ – Schlagzeilen zum Nationalpark Neusiedlersee-Seewinkel im Burgenland fielen in den vergangenen Monaten alles andere als positiv aus. Besonders deutlich wurde das am Beispiel des Zicksee, der normalerweise in den Sommermonaten von Badegästen und Campern belagert wird.

Zunächst enthüllte ein Bericht der EU-Kommission, dass der Zicksee 2011 nicht die von der EU vorgeschriebenen Mindestkriterien in Bezug auf Escherichia-coli-Bakterien erfüllte. Kurz darauf folgte geradezu eine Hiobsbotschaft: Dem Zicksee drohe „ein Sommer ohne Wasser“. Schwimmen und Surfen war unmöglich geworden, sogar die Wasserrutsche musste gesperrt werden. Von einem Wasserwart war die Rede, der im Vorjahr eineinhalb Monate lang vergessen hatte, die Grundwasserpumpe abzudrehen. Dadurch sei das dem Zicksee zustehende Grundwasserkontingent für dieses Jahr nahezu ausgeschöpft, hieß es. Andere hingegen meinten, dies sei bestenfalls eine Ausrede.

Nicht rosig, aber doch etwas besser steht es derzeit um den Neusiedlersee. Geringe Niederschläge im vergangenen Herbst ließen den Wasserstand gegenüber dem Vorjahr deutlich absinken, im kritischen Bereich soll er damit allerdings noch nicht liegen. Zahlreiche Lacken sind jedoch bereits ausgetrocknet. Ist das der Anfang vom Ende des Seewinkel? Oder handelt es sich bloß um ein kurzfristiges Phänomen, verursacht durch die Wetterlage in den vergangenen Monaten?

„Das Problem ist, dass man dort vor etwa hundert Jahren Kanäle erstellt hat, die aus Gründen der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung genau das zum Ziel hatten: Das Wasser schneller abzuführen, damit es keine lang andauernden Hochwasserphasen gibt“, erklärt Klaus Peter Zulka vom Umweltbundesamt. „Das hat sich über die letzten 50 Jahre sehr negativ ausgewirkt, weil damit die aufsteigende Wasserbewegung unterbunden wurde.“ Diese aufsteigende Wasserbewegung ist aber notwendig, um die Seen mit Salz zu versorgen. „Der Zicksee ist einer dieser salzigen Seen“, so Klaus Peter Zulka, „es gibt aber andere, die noch viel stärker salzhaltig sind und regelmäßig im Sommer austrocknen.“

Einst hatte der hohe Grundwasserspiegel dazu geführt, dass das Salz im Boden nach oben abgegeben wurde. Das hinderte das Regenwasser am Absickern. Durch jahrelange Entwässerungsmaßnahmen ist die natürliche Wasserbewegung jedoch umgekehrt worden. Wenn es im Sommer schüttet, wird das Salz nun eher ausgewaschen, es kann sich Humus bilden und die freien Stellen wachsen zu. „Je öfter es passiert, dass die Salzlacken früh austrocknen und ausgewaschen werden, umso leichter wandelt sich so eine ursprüngliche Salzstelle in einen Schilfsumpf um“, erläutert Klaus Peter Zulka. „Das ist eigentlich das große ökologische Problem vom Nationalpark Seewinkel.“

Mittlerweile ist die Anzahl der Salzlacken im Seewinkel stark gesunken. „Seit den letzten hundert Jahren sind sicher dutzende Salzlacken verloren gegangen“, beklagt Zulka. „Wenn der Trend so weitergeht, dann haben wir in ein paar Jahrzehnten gar keine Salzlacken mehr.“

Gegenmaßnahmen zeigten bislang wenig Wirkung. „Eine Idee war, die Drainagegräben abzudämmen.“ Bis jetzt sei es allerdings nicht gelungen, den Trend umzukehren. „Eine andere Idee ist, dass man dort künstlich wieder Salz ausbringt. Es ist aber umstritten, ob das nicht auch ausgewaschen wird.“

Auch der Klimawandel dürfte dem Seewinkel zusetzen. So ergab eine Studie der BOKU im Auftrag der Burgenländischen Landesregierung zum Wasserhaushalt des Neusiedlersee, dass in den kommenden Jahrzehnten wohl mit vermehrten Niedrigwasserständen zu rechnen sei. „Die Ergebnisse der Studie zeigen grundsätzlich die große Sensitivität der Wasserbilanz des Neusiedlersees zum Jahresniederschlag auf“, heißt es im Endbericht aus dem Jahr 2009. „Bereits geringfügige Änderungen von 5-10 Prozent unter den derzeitigen Klimaverhältnissen haben einen deutlichen Effekt auf die Auftrittswahrscheinlichkeit von Niedrigwasserständen.“ Hinzu komme das größere Verdunstungspotenzial durch steigende Temperaturen.

St. Andrä am Zicksee kann indes zumindest kurzfristig wieder aufatmen: Es wird wieder Wasser in den See gepumpt. Unumstritten ist diese Maßnahme allerdings nicht.