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Wie nachhaltig sind Schutzgebiete?

Jeder vierte Quadratmeter in Europa gehört zu einem Schutzgebiet. Aber was tragen Schutzgebiete eigentlich zur Nachhaltigkeit bei?

Europa besteht zu 25 Prozent aus Schutzgebieten, weltweit sind es immerhin 12 Prozent. Doch welchen Beitrag leisten Schutzgebiete zur Nachhaltigkeit? Erfüllen sie tatsächlich ihren Zweck oder handelt es sich dabei nur um Lippenbekenntnisse, mit denen Politiker sich schmücken wollen?

Seit seiner Diplomarbeit beschäftigt sich Michael Jungmeier mit Schutzgebieten. Als Gründer mehrerer Unternehmen berät er seit vielen Jahren Schutzgebiete in Sachen Planung und Management – erst in Österreich, dann auch international. Mittlerweile reicht sein Aktionsradius vom Kaukasus über die Philippinen bis nach Äthiopien. Darüber hinaus leitet er seit 2004 an der Alpen-Adria Universität Klagenfurt den internationalen Lehrgang „Management of Protected Areas“. Michael Jungmeiers Antwort auf die Frage, was Schutzgebiete zur Nachhaltigkeit beitragen, fällt vielschichtig aus.

„Da gibt es mehrere Antworten“, erläutert der Schutzgebiet-Experte. „Die eine Antwort ist die formal-definitorische, wonach viele Schutzgebiete von sich selbst behaupten, dass sie Einrichtungen der Nachhaltigkeit sind. Naturparks sagen, dass ihr Konzept der nachhaltigen regionalen Entwicklung Bestandteil der Schutzidee ist.“ Ähnlich verhält es sich mit vielen Nationalparks, die im Kern zwar eine Naturschutzaufgabe haben, sich aber eigentlich als Nachhaltigkeitspromotoren verstehen. Biosphärenparks sind laut UNESCO sogar per definitionem Modellregionen der Nachhaltigkeit.

„Die zweite Antwort begründet sich darauf, dass so große Flächen ja betreut werden müssen“, fährt Michael Jungmeier fort. Beispiel Biosphärenpark Wienerwald: Bei der Planung eines Gebiets mit über eintausend Quadratkilometern, 750.000 Einwohnerinnen und Einwohnern sowie zig Gemeinden gebe es geradezu einen Zwang zu nachhaltigen Lösungen, erklärt der promovierte Humangeograf: „Das heißt, dass ich ganze Systeme und Landschaftsräume so entwickeln muss, dass der Bauer gut leben kann, der Bürgermeister sich freut und auch eine ökonomische Entwicklung möglich ist. Ich kann auf der großen Fläche nur scheitern, wenn ich sie nicht im Nachhaltigkeitsdreieck Ökonomie, Ökologie und Soziales aufspanne.“

Der dritte Aspekt ergibt sich aus dem ökologischen Akzent, „der sonst in keiner anderen Institution so vertreten ist“, erklärt Michael Jungmeier: „Wenn irgendwo auf der Welt Elefanten Rübenfelder oder Zuckerrohr zertrampeln und daraus ein Konflikt entsteht, dann wäre die normale Lösung: Weg mit den Elefanten. Wenn ich dort aber ein Schutzgebiet habe, sage ich: Naja, ich verstehe schon, dass der Elefant nicht auf deinem Acker herumtrampeln darf, aber wir können ihn nicht einfach erledigen. Wir müssen eine andere Lösung finden. Damit erzwingt diese ökologische Betrachtungsweise Lösungen, die sonst gar nicht notwendig wären.“

Somit ermöglichen Schutzgebiete eine systemische Betrachtungsweise, die auch auf andere Regionen übertragen werden können. „In den 90er Jahren – damals war das sehr revolutionär – haben wir im kleinsten Rahmen in der Gemeinde Mallnitz in Kärnten ein Projekt gemacht, das sich Kulturlandschaftsprogramm genannt hat“, schildert der Schutzgebiet-Experte. „Die Bauern bekommen ein bisschen Geld, damit sie gewisse Wiesen mähen. Das war damals eine irrsinnige Aufregung.“ Doch bereits im Jahr danach gab es ein Kärntner Kulturlandschaftsprogramm. „Die Idee ist innerhalb von einem Jahr auf ganz Kärnten übertragen worden. Das hat zwar nicht ganz funktioniert, aber die Idee ist dagewesen.“

Mit dem EU-Beitritt 1995 wurden die Kulturlandschaftsprogramme eingestellt, dafür wurde das Österreichische Agrarumweltprogramm ins Leben gerufen, erläutert Michael Jungmeier: „Da hat man glatt einige der Kernideen aus dem Kärntner Programm übernommen.“ Auch durch die Berufung Franz Fischlers zum EU-Agrarkommissar hinterließ das Kulturlandschaftsprogramm seine Spuren: „Man kann heute noch auf EU-Ebene homöopathische Spurenelemente von Mallnitz nachweisen.“ Genau darin offenbart sich der Wert von Schutzgebieten: Um Ideen auszuprobieren und Impulse zu setzen. „So verstehen auch viele Schutzgebiete ihre Funktion.“

Es gibt allerdings noch einen Punkt, der Schutzgebiete so wertvoll macht, erläutert Michael Jungmeier. „Wir machen jetzt vom Wissenschaftsministerium ein sehr großes Projekt, wo es darum geht, wie Nachhaltigkeitswissen zwischen Kulturen transferiert werden kann. Wenn ich heute irgendwas als nachhaltig erachte – was heißt das für einen Nepalesen? Versteht der das oder nicht?“ In Form von Wissensbilanzen wurde dabei eruiert, was über diese Schutzgebiete an Wissen verfügbar ist. „Und wir sagen jetzt nach diesem Wissenscheck, dass es in den Schutzgebieten dieser Welt das meiste flächenbezogene Nachhaltigkeitswissen gibt. Es gibt keine Art von Institution, wo ich so viel Nachhaltigkeitswissen habe. Es wird eine große Aufgabe sein, in der Zukunft das systematisch verfügbar zu halten.“