Back to list

Uniclub Plus an der Universität Wien: Kinder an die Macht

SA2018_KinderUni_OS4S

Das Kinderbüro der Universität Wien gewinnt den 1. Platz des Sustainability Award 2018 in der Kategorie STUDENTISCHE INITIATIVEN. Karoline Iber spricht mit uns über soziale Nachhaltigkeit und ihr Projekt Uniclub Plus, in dem Kindern und Jugendlichen mit Fluchterfahrung Bildungschancen ermöglicht werden.

Nachhaltige Bildungsangebote für Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrung

Das Kinderbüro der Universität Wien startete im Jahr 2003 die erste KinderUniWien mit dem Ziel, Kinder zwischen 7 und 12 Jahren für Universität und Wissenschaft zu begeistern. Seit dem wurden zahlreiche Schritte zur Förderung von Inklusion von Kindern mit Behinderungen und zur Unterstützung von Kindern, die von Armut betroffen sind, gesetzt. Seit einigen Jahren werden auch gezielt Kinder mit Fluchterfahrung unterstützt. Im Herbst 2015 entstand – aus diversen Vorgängerprojekten und auf den Bedürfnissen der betroffenen Kinder konzipiert – Uniclub Plus. Im Rahmen dieses Vorhaben werden Lernräume, Vermittlung von Studierenden, Lernunterstützung, Workshops und vieles mehr geboten. Beim Sustainability Award 2018 wurde Uniclub Plus mit dem Gewinn in der Kategorie STUDENTISCHE INITIATIVEN ausgezeichnet. Karoline Iber ist eine der Ansprechpersonen dieses Projektes an der Universität Wien. Sie hat mit uns über soziale Nachhaltigkeit und ihre Anliegen zur Unterstützung von Kindern und Jugendlichen mit Fluchterfahrung gesprochen. Für das Kinderbüro der Universität Wien ist es bereits die zweite Auszeichnung mit dem Sustainability Award innerhalb weniger Jahre.

Welche Anliegen stecken hinter Ihrem Projekt Uniclub Plus?

Iber: Uns geht es um erleichterte Zugänge zum Bildungssystem, um Chancengerechtigkeit und darum, allen Kindern und Jugendlichen Einblicke in die Wissenschaft zu ermöglichen. Wir wollen mit Uniclub Plus besonders jene unterstützen, die unter Rahmenbedingungen aufwachsen, bei denen die Familie auf dem Bildungsweg nicht so gut unterstützen kann. Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrung wachsen oft genau in solchen Verhältnissen auf, in denen es schwer für sie ist. Wir erleben, dass die Kinder sehr interessiert sind, Teil unseres Bildungssystems zu werden, um die Angebote, die es bietet, nutzen zu können. Diese Kinder brauchen Unterstützung.

Wie ist Uniclub Plus entstanden?

Iber: Ein großer Teil von Uniclub Plus ist im September 2015 entstanden. Seit 2010 begleiten wir mit den KinderUni-Tagestickets Kinder mit Fluchterfahrung. Damals war das Europäische Jahr zur Bekämpfung der Armut und wir haben das Projekt KinderUni-Tagestickets ins Leben gerufen. Das hat damit zu tun, dass unsere Programme einerseits zwar sehr offen und für alle teilnehmenden Kinder kostenlos gestaltet sind, wir andererseits vorwiegend jene ansprechen, die ohnehin mit Bildung viele Berührungspunkte haben. Wir haben uns also damals die Frage gestellt, ob wir tatsächlich alle Kinder erreichen, eben auch jene, die nicht aus einem akademischen Umfeld kommen. Viele Jahre lang haben wir die unterschiedlichsten Maßnahmen getestet, um Kinder zu erreichen und um auf Menschen zuzugehen, die die Universität noch nicht kennen. So haben wir beispielsweise unsere Informationsmaterialien mittlerweile in 20 verschiedenen Sprachen entwickelt.

Ein weiteres Angebot, welches wir entwickelt haben, ist eine Art „Full Service“. Mit diesem Programm bieten wir seit 2010 an, Kinder von zuhause abzuholen und einen Tag an die KinderUni zu bringen. Dort verbringen wir den Tag mit ihnen und bringen sie dann wieder nachhause. Mit vielen der seit 2010 teilgenommen Kinder sind wir bis heute in Kontakt geblieben. Viele dieser Kinder sind heute Jugendliche und damit zu alt für die KinderUni. Dennoch bestand das Bedürfnis, gemeinsam in Kontakt zu bleiben. So entstand aus dem Projekt KinderUni-Tagestickets der erste Uniclub für Jugendliche. Im Jahr 2015 war für uns klar: es gibt in Österreich sehr viele junge Menschen, die zu uns ins Land kommen und der Universität nahe sein wollen. Sie möchten sich mit unserem Bildungssystem auseinandersetzen. Daraufhin haben wir ein größeres Projekt gestartet und konnten auf den Erfahrungen der vorangegangenen Projekte KinderUni-Tagestickets und Uniclub aufbauen. Wir starteten Uniclub Plus.

Seit rund drei Jahren läuft das Projekt. Ein Erfolg also?

Iber: Seit der Gründung ist ein erfolgreiches Lernhilfeprojekt entstanden, das es bis heute gibt. Mittlerweile sind es mehr als 400 Studierende, die die Jugendlichen in ihrem Lernen begleiten. Zuerst ging es eher darum, Deutsch zu lernen. Doch nach und nach wurde auch Unterstützung bei der Schulsuche benötigt. Mittlerweile sind viele in das Schulsystem integriert und freuen sich über die Unterstützung.

In welche Berufsbereiche zieht es Ihre Absolventinnen und Absolventen?

Iber: Viele von ihnen ergreifen den Lehrberuf an Schulen. Dort können sie die wertvollen Erlebnisse ihres eigenen Bildungsweges miteinbringen. Das ist positiv.

Was hat Sie dazu bewogen ihr Projekt beim Sustainability Award 2018 einzureichen?

Iber: Wir haben den Sustainability Award im Jahr 2010 schon einmal in der Kategorie „Regionale Initiativen“ gewonnen. Damals wurden wir für das Projekt ausgezeichnet, mit dem wir die KinderUni in Parks und benachteiligte Gebiete abgehalten haben. Mit dieser Erfahrung haben wir heuer wieder teilgenommen. Acht Jahre später wieder zu gewinnen, freut uns natürlich sehr. Wir entwickeln ständig Projekte neu. Für Nachhaltigkeit ausgezeichnet zu werden, bestätigt uns in unserem Handeln. Durch die erneute Auszeichnung, sehen wir die Grundidee „Chancengerechtigkeit für alle“ nachhaltig verankert.

Was bedeutet Nachhaltigkeit für Sie?

Iber: Wir haben Nachhaltigkeit schon immer eher als soziale Nachhaltigkeit verstanden. Wir kommen weniger aus der Umweltecke, da gibt es andere, die das viel besser können [lacht]. Darum haben wir uns damals sehr über den ersten Sustainability Award gefreut. Wir haben uns gedacht, das ist genau das, was wir tun: wir agieren nachhaltig! Denn wenn man Kinder und deren Familien begeistert und dann viele Jahre später merkt, dass genau diese Kinder an die Uni gekommen sind, dann erinnern sie uns daran, dass wir langfristig etwas bewirkt haben. Es fängt beim einzelnen Menschen an, etwas zu verändern und zu bewirken. Jetzt, im Zuge der Entwicklung neuer Projekte, merken wir, dass Projekte wie dieses nicht nur für die Jugendlichen nachhaltige Veränderungen mit sich bringen, sondern auch für die Studierenden, die sie betreuen. Das alles wirkt bis ins Studium, in die Uni und in die Bereiche, in denen unsere Studierenden nachher arbeiten.

Warum ist ein Bildungsangebot, wie Ihres, für Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrung so wichtig?

Iber: Erfahrungsgemäß haben die betroffenen Kinder ganz wenig, was in ihrem Leben langfristig definiert ist. Sie wissen, dass sie womöglich einen befristeten Aufenthalt hier haben. Sie haben sehr viel Bewegung und Veränderung in ihrem Leben. Was sie brauchen ist Stabilität. Mit diesen Jugendlichen nachhaltige Perspektiven zu entwickeln ist eine große Herausforderung, da ihre Lebensrahmenbedingungen eigentlich kaum Nachhaltigkeit zulassen. Trotz dieser Dynamiken und Unsicherheiten hat der Weg, den man hier im Rahmen der KinderUni gemeinsam geht, Bestand. Das ist schön.

Kinder sind unsere Zukunft…

Iber: Richtig. Sie sind die nächste Generation! Was wir jetzt verändern, wird in Zukunft auf die Kinder wirken. Was die Politik heute entscheidet, beeinflusst das Leben derer, die jetzt Kinder sind maßgeblich. Wir können jetzt die Zukunft der Kinder gestalten. Kinder sind auch Gegenwart, weil man ihnen im Jetzt gut zuhören kann und sie als gegenwärtigen Teil der Gesellschaft mit ihren Perspektiven und Wahrnehmungen sehen muss. Da lohnt es sich, zuzuhören.

Danke für das Gespräch.

Iber: Vielen Dank.

 

Weiterführende Informationen

 SA2018_KinderUni_OS4S

 Beitrag 5 der Serie “Das war der Sustainbility Award 2018”, verfasst von Bianca Blasl und Florian Leregger vom Institut für Umwelt, Friede und Entwicklung (IUFE) für openscience4sustainability.