Back to list

Trump, die Zukunft der Arbeit und Verteilungsgerechtigkeit

Eine Nachlese zur Dialogkonferenz “Verteilungsgerechtigkeit” an der WU Wien

Am 10. November 2016 wurde an der WU Wien eine Dialogkonferenz zum Thema „Verteilungsgerechtigkeit“ abgehalten. Die Veranstaltung – die nur zwei Tage nach der Wahl zur US-Präsidentschaft stattgefunden hat – stand stark unter dem Eindruck der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten. Unter anderem wurde darauf hingewiesen, dass seine Wahl auch durch die große Unzufriedenheit in der Bevölkerung zu erklären sei, die in engem Zusammenhang mit der enormen Zunahme der Ungleichverteilung in den USA stünde.

Ein halber Tag – dichtes Programm

Tatsächlich ist das Thema der Ungleichverteilung nicht nur in den USA ein beträchtliches: auch hierzulande bewegt es die Gemüter – und wirft etliche Fragen für die Forschung auf. Da es unmöglich ist, bei einer halbtätigen Veranstaltung das ganze Spektrum der Fragen zur „Verteilungsgerechtigkeit“ zu behandeln, haben wir uns im Vorfeld der Veranstaltung für ein spezifisches Feld entschieden, nämlich für Verteilungsfragen den Arbeitsmarkt betreffend.

Dort finden zeitgleich unterschiedliche und teils widersprüchliche Entwicklungen mit massiven Konsequenzen für die Verteilung statt: Die Zahl der Erwerbstätigen nimmt etwa genauso zu wie die Zahl der Arbeitslosen. Die Zahl der atypisch Beschäftigten nimmt zu und separiert die Beschäftigten immer stärker in eine Gruppe der insider und outsider, mit unterschiedlichen Konsequenzen die Arbeitssicherheit betreffend, aber auch die aktuellen und künftigen Erwerbs- und Sozialstaatseinkommen der Betroffenen.

Jobwunder Deutschland?

Zu Beginn der Veranstaltung fokussierte der bekannte deutsche Soziologe Prof. Klaus Dörre auf derartige Verteilungskonflikte in einer prekären Vollerwerbsgesellschaft. Er zeigte am Beispiel Deutschlands auf, daß – trotz konstantem Arbeitsvolumen – die Erwerbsarbeit auf deutlich mehr Köpfe verteilt worden ist. Das hat zwar einerseits dazu geführt, dass die Zahl der Arbeitslosen abgenommen hat (was als Jobwunder Deutschlands gefeiert wird) – allerdings auf Kosten einer deutlichen Zunahme prekär Beschäftigter. Tatsächlich hat

Deutschland den zweitgrößten Niedriglohnsektor in Europa: nicht zuletzt die Angst vor Stigmatisierung durch den Bezug von Hartz IV führt dazu, dass vermehrt prekäre Jobs angenommen werden. Diese, aber auch andere Entwicklungen führten zu einer deutlichen Auseinanderentwicklung der Erwerbseinkommen innerhalb Deutschlands: Unterschiede zwischen Spitzeneinkommen und Durchschnittseinkommen, die so ausgeprägt sind, dass sie mit einem hohen unternehmerischen Risiko oder einer hohen unternehmerischen Verantwortung schlicht nicht mehr begründbar sind – und zu Unzufriedenheit ob der Ungerechtigkeit führen.

Industrie 4.0

Erweitert wurde Dörres Analyse durch kurze Inputs zum Thema Verteilungsgerechtigkeit in der Arbeitswelt. Stella Zilian vom Forschungsinstitut Economics of Inequality fokussierte auf den Diskurs zur Thematik „Industrie 4.0“ und beklagte, dass sich die Debatte aktuell vor allem um die quantitativen Dimensionen drehen würde, wohingegen qualitative Aspekte zu wenig berücksichtigt würden. Dabei geht es ihrer Ansicht nach darum, vor allem auch derartige Herausforderungen im Zusammenhang mit Industrie 4.0 zu beachten, etwa welche Personengruppen betroffen sind, wie Weiterbildungsmaßnahmen abhängig vom Wandel definiert werden könnten oder auch, ob und wie sich die Machtverhältnisse zwischen Arbeitsnehmer/innen und Arbeitgeber/innen durch Industrie 4.0 verschieben könnten.

Sigrid Stagl vom Forschungsinstitut Economics of Inequality diskutierte Verteilungsfragen des Arbeitsmarktes vor der Herausforderung ökologischer Veränderungen und der Notwendigkeit einer Gegensteuerung. Sie argumentierte, dass im Diskurs zum Klimaschutz vornehmlich aufgezeigt wird, dass Wachstum behindert und Arbeitsplätze gefährdet wären: statt Wachstum als Mittel zu sehen, wird es – vor allem von der orthodoxen Ökonomie aber auch von weiten Teilen der Politik – als Ziel definiert.

Im Hinblick auf den Arbeitsmarkt bedeute ein Umdenken eine Stärkung des Konzepts der „sustainable work“, das sich u.a. durch einen breiteren Arbeitsbegriff auszeichnet (unter Berücksichtigung von Gesellschafts- und Subsistenzarbeit), einer gleichberechtigteren Aufteilung der (bezahlten und unbezahlten) Arbeitszeit zwischen den Geschlechtern, aber auch durch eine Verkürzung der Normalarbeitszeit.

Globalisierung und Freihandel

Alexander Egit, Geschäftsführer von Greenpeace Österreich, beleuchtete das Thema der Verteilungsgerechtigkeit aus Sicht der Zivilgesellschaft. Im Hinblick auf Arbeitsmarktfragen kritisierte er insbesondere den Freihandel, der in seiner aktuellen Form deutlich negative Konsequenzen aufweise. So entstehen durch Freihandel mehr Umweltschäden, es werden auch Standards gesenkt und Abhängigkeiten vergrößert.

Dies führt u.a. dazu, dass multinationale Konzerne zu den großen Globalisierungsgewinner/innen gehören, kleine Unternehmen in Abhängigkeit geraten und – oft etliche Teile der Bevölkerung eines Landes bzw. ganze Länder – zu Globalisierungsverlierer/innen werden. Er sieht vor allem in den diesbezüglichen Entwicklungen zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden eine der wesentlichsten Ursachen für die aktuellen Migrationsbewegungen.

Publikumsdiskussion und erarbeitete Beiträge der Teilnehmenden

Die auf die inhaltlichen Inputs folgende Diskussion mit dem zahlreich erschienenen Publikum war spannend und vielfältig. Unter anderem wurde moniert, dass eine Debatte zur Gerechtigkeit nicht nur national, sondern auch international fehle. Es wurde aber auch kritisch gesehen, dass die Wissenschaft vielfach über eine Diagnose des Problems (dass Ungleichheit besteht) nicht hinauskommt und wenig Gegenvorschläge zur Veränderung der Lage anbietet.

Ideen aus dem Publikumimage001

 

 

 

 

 

 

 

Auf die Frage, wie es nach den Befunden weitergehen kann oder sollte, wurden im Publikum in Kleingruppen viele wertvolle Ideen erarbeitet. Es wurde auch betont, dass Veranstaltungen wie diese Dialogkonferenz, den Austausch zwischen Wissenschaft/Politik/Verwaltung und Praxis verstärken und die Vernetzung, sowie das Voneinander-lernen der Teilnehmenden zu fördern. Bei der Schlussrunde am Podium stand einerseits wieder die Notwendigkeit von Informationen im Vordergrund – inkl. der Vorschläge, die Lufthoheit an den Social-Media Stammtischen zu erobern oder Bildungsziele zu verändern.

Klaus Dörre schloss mit der Forderung, dass es notwendig sei, die Schaltstellen zu finden, welche die Transformation steuern – auch wenn er anmerkt, dass (noch) eine große Vision einer alternativen, weniger ungleichen, Gesellschaft fehlen würde.

Karin Heitzmann