Back to list

SUNDERPUR: Nachhaltige Dorfgestaltung in Indien

SUNDERPUR housing gewinnt den 1. Platz des Sustainability Awards 2018 in der Kategorie INTERNATIONALE KOOPERATION. Ulrike Schwantner (Kunstuniversität Linz – Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung) spricht mit uns über das Projekt, Nachhaltigkeit und Architektur.

Nachhaltige Architektur zur Verbesserung der Wohn- und Lebenssituation in Indien

Beim Sustainability Award 2018 wurde „SUNDERPUR housing“ mit dem Gewinn in der Kategorie INTERNATIONALE KOOPERATION ausgezeichnet. Hinter dem Kooperationsprojekt steht BASEhabitat, das Projektstudio der Architekturausbildung an der Kunstuniversität Linz, sowie Sunderpur, ein indisches Dorf im Norden des Bundesstaats Bihar. Auf Anfrage des Vereins Little Flower im Jahr 2012 begann die erfolgreiche Zusammenarbeit zur Verbesserung der Wohn- und Lebenssituation der rund 800 Bewohner/innen, in dem von Lepra gekennzeichneten Dorf. Das Projekt umfasst neben der Errichtung von Wohnungen auch die Verbesserung der sanitären Infrastruktur, seismologische Begutachtungen, sowie die Ausbildung von lokalen Arbeitern samt Arbeitszeugnis und Studierenden vor Ort in Form von Baupraktika. Projektansprechperson ist Ulrike Schwantner, Teammitglied bei BASEhabitat (Kunstuniversität Linz). Sie hat mit uns über das Projekt, Nachhaltigkeit und Architektur gesprochen.

 

Welches Ziel steckt hinter dem Projekt SUNDERPUR housing?

Schwantner: BASEhabitat ist Teil der Kunstuniversität Linz. Unser Hauptauftrag ist die Lehre. Das Ziel ist, mittels praxisnaher Projekte ein anderes Architekturverständnis zu vermitteln. Es soll die Studierenden darauf vorbereiten, sich in fremden kulturellen Kontexten zurecht zu finden und passende Lösungen zu entwickeln, welche die verschiedenen Kriterien der Nachhaltigkeit erfüllen. Das Projekt in Sunderpur war eines von mehreren Vorhaben in den letzten 15 Jahren.

 

Warum wird in diesem Kontext Wert auf Nachhaltigkeit gelegt?

Schwantner: Meiner Meinung nach, ist Nachhaltigkeit ein wichtiger Faktor in der Architektur. Damit kann global etwas zum Besseren verändert werden. Weltweit wird enorm viel gebaut. Die Bevölkerung wächst. Wir von BASEhabitat wollen die Studierenden anleiten und befähigen, in ihren Konzepten nach Nachhaltigkeit zu trachten. Dazu zählt etwa die Wahl der Baumaterialien, die notwendige Raumgröße oder aber auch die Ausrichtung von Gebäuden, um mithilfe der Bauweise ein passendes Raumklima zu schaffen, um den Energieverbrauch reduzieren zu können. Unser Fokus liegt dabei nicht ausschließlich auf weitentfernten Ländern. Ebenso beschäftigen wir uns projektbezogen in Österreich und Europa.

 

Was bedeutet der Gewinn des Sustainability Award 2018 für das Projekt?

Schwantner: Wir haben uns sehr darüber gefreut. Diese Art von Projekten braucht eine große Menge an Engagement. Die Auszeichnung hat uns in unserem Vorhaben bestätigt und für all die Arbeit belohnt.

 

Was bedeutet Nachhaltigkeit für Sie persönlich?

Schwantner: Nachhaltigkeit ist eine Aufgabe, die jedem persönlich gestellt ist und die im globalen  Zusammenhang gesehen werden muss. Für uns in Europa bedeutet das vor allem Suffizienz, unseren Lebensstil zu hinterfragen, uns bewusst zu werden, wie überdimensional viele Ressourcen wir für uns beanspruchen, und welche Spuren wir auf unserem Planeten hinterlassen. Globale Ungerechtigkeit ist tief in unseren Systemen verwurzelt. Nachhaltigkeit erfordert radikale Veränderungen, Kooperation und Kreativität.

 

Aus welchen Beweggründen wurde das Projekt „SUNDERPUR housing“ gestartet?

Schwantner: Wir hatten vor dem Projektstart bereits Kontakt zum Lepradorf in Sunderpur. In früheren Jahren wurde dort von BASEhabitat ein Wohnhaus für Lehrerinnen und Lehrer geplant und gebaut. In dieser Zeit haben wir gelernt, dass im Wohnbereich ein dringender Handlungsbedarf besteht. Die Wohnungen im Dorf sind über die Jahre hinweg in einen sehr schlechten Zustand geraten. Einerseits ist das Dorf gewachsen, andererseits gab es sehr wenig Neubau. Die Wohnungen sind dadurch extrem überbelegt. Daraufhin haben wir gemeinsam mit Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohnern die Situation analysiert und nach günstigen Möglichkeiten gesucht, um die Neubauten zu schaffen. Idealerweise können diese Neubauten auch von den Menschen vor Ort nachgeahmt und selbst gebaut werden. Das Ziel war es, kostengünstig nach allen Kriterien der Nachhaltigkeit und mit vorhandenen Materialien und Know-How Wohnraum zu schaffen, der möglichst alle Anforderungen im Dorf erfüllen kann.

 

Was sind die großen Herausforderungen bei der Schaffung von neuem Wohnraum vor Ort?

Schwantner: Der Zustand bestehender Wohnungen ist desolat. Damals wurde billig gebaut, viele der Decken wurden beispielsweise zu dünn geplant und sind mit der Zeit eingebrochen. Die Belagsdichte in den Häusern ist enorm, private Räume sind rar. Das gilt es zu ändern. Zudem gibt es immer wieder Erdbeben und Überschwemmungen in dem Gebiet.

 

Welche Technik haben Sie bei der Errichtung angewandt?

Schwantner: Wir haben qualitätsvolle einfache Häuser aus Lehmbauweise entwickelt. Dadurch schaffen wir trotz hoher Luftfeuchtigkeit, extremer Hitze und kalten Winternächten ein angenehmes Raumklima. Dabei war es selbstverständlich, mit der lokalen Bevölkerung gemeinsam zu bauen. Die Menschen vor Ort haben über die Jahre hinweg sehr viel Wissen gesammelt und zu den Planungen beigetragen. Der Lehmbau ist in diesem Kontext sehr spannend. Lehm ist ein zu 100% recyclebares und recht einfach verfügbares Material, das man auflösen und wieder neu verbauen kann. Wenn man Lehm richtig verarbeitet, ist er robust gegen Witterung und Frost. Er kann Wärme bestens isolieren. In Österreich ist Lehmbau eine absolute Alternative. In Europa und weltweit gewinnt er an Bedeutung.

 

Gemeinsam mit der Universität für Bodenkultur (BOKU) wurde für Sunderpur ein System zur getrennten Klärung von Grau- und Schwarzwasser entwickelt. Inwiefern spielt die sanitäre Infrastruktur eine Rolle?

Schwantner: Sie ist sehr wichtig. Im ganzen Dorf gibt es bis dato keine Kläranlagen. Es gibt Senkgruben, die entweder überlaufen oder versickern. Es gibt kein System, sie zu entleeren und in Stand zu halten. Dadurch ist das Grundwasser, welches überwiegend als Trinkwasser dient, gefährdet. Als Reaktion darauf wurde ein staatlicher Wassertank zur Trinkwasserversorgung installiert, damit die Menschen nicht mehr so stark vom Grundwasser abhängig sind. Als nächsten Schritt pocht die Dorfleitung auf einen Abwassertank. Mit dem Entwurf der BOKU haben wir aufgezeigt, welche Alternativen es im Trink- und Abwasserbereich gibt. Wir haben der Dorfleitung die Pläne für eine entsprechende Kläranlage vorgelegt. Jetzt liegt es in deren Händen, die Pläne eigenverantwortlich umzusetzen.

 

Wie geht es weiter in Sunderpur?

Schwantner: Wir haben mit BASEhabitat die Finanzierung für das gesamte Projekt aufgestellt. Wir haben geplant und gemeinsam mit den Bewohnerinnen und Bewohnern gebaut. Die fertiggestellten Häuser wurden bereits der Dorfleitung übergeben. Es gibt nun auch ausgebildete Arbeiter vor Ort, die das Handwerkszeug besitzen, die Häuser in Stand zu halten. Welche Personen einziehen dürfen und wie die Häuer erhalten werden, liegt nun in der Hand der Dorfleitung. Wenn es Probleme oder Fragen geben sollte, stehen wir natürlich jederzeit bereit.

 

Danke für das Gespräch.

Schwantner: Ich danke.

 

Weiterführende Informationen

(c) Kurt Hoerbst

Beitrag 9 der Serie “Das war der Sustainbility Award 2018”, verfasst von Bianca Blasl und Florian Leregger vom Institut für Umwelt, Friede und Entwicklung (IUFE) für openscience4sustainability.