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Umweltgeschichte als Teil der Nachhaltigkeitswissenschaften

Interview mit Verena Winiwarter

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OS4S-Interview mit der österreichischen Umwelthistorikerin Verena Winiwarter über Umweltgeschichte, Soziale Ökologie, aktuelle Forschungsaktivitäten und notwendige Eigenschaften, welche Nachwuchswissenschafter/innen in Österreich mitbringen sollten. Das Gespräch fand im Complexity Science Hub Vienna statt.

 

Sie befinden sich derzeit auf Sabbatical, um hier am Complexity Science Hub Vienna zu forschen. Ursprünglich arbeiten Sie im Zentrum für Umweltgeschichte am Institut für Soziale Ökologie, welches seit 1. März 2018 Teil der Universität für Bodenkultur ist. Was kann man sich unter Umweltgeschichte vorstellen?

Winiwarter: Die Umweltgeschichte ist ein Kind der Umweltbewegung. Als Teil der Nachhaltigkeitswissenschaften arbeiten wir in der Umweltgeschichte an Wechselwirkungen zwischen Natur und Mensch. Die Vergangenheit zeigt uns augenscheinlich transformative Prozesse innerhalb von Gesellschaften. Diese gilt es zu erkennen, zu verstehen und daraus zu lernen. Ein Anspruch besteht darin, einen versachlichten Beitrag zum Nachhaltigkeitsdiskurs und zum Paradigmenwechsel in Richtung Post-Wachstums-Gesellschaft zu leisten. Ich selbst bin vorwiegend in der Grundlagenforschung tätig und beschäftige mich mit Fragestellungen, die bis zurück in die Antike reichen. Dabei geht es beispielsweise um Materialflüsse und gesellschaftliche Folgen von Landnutzung.

Wie spielen die beiden Wissenschaftsdisziplinen Umweltgeschichte und soziale Ökologie zusammen?

Winiwarter: Die Wiener Schule der sozialen Ökologie rund um Marina Fischer-Kowalski stellt im internationalen Kontext der politischen Ökologie eine Besonderheit dar. Weniger politisch und parteiergreifend für eine Sache, versucht die Wiener Schule ausschließlich empirisch materielle Wechselwirkungen und Zusammenhänge zwischen Umwelt und Gesellschaft zu analysieren und zu beschreiben. Die Umweltgeschichte stellt den historischen Teil der sozialen Ökologie dar und bringt eine essentielle Komponente zum besseren Verständnis von gesellschaftlichen Entwicklungen mit.

An welchen umwelthistorisch bedeutsamen Themen wird derzeit in Österreich gearbeitet?

Winiwarter: Da fallen mir spontan drei große Themenkomplexe ein: Wintertourismus in Zeiten des Klimawandels, Oberflächengewässer als Zeiger von Landnutzung und Klimawandelfolgen sowie Energienutzung und ihre Effekte auf die Menschen. Darüber hinaus gibt es natürlich noch eine Vielzahl an bedeutsamen Fragestellungen, wie etwa die Frage nach Materialflüssen in Agrargesellschaften oder die Transformation, die durch den Einsatz fossiler Energieträger ausgelöst wurde.

Der Boden zählt zu jener Ressourcen, denen Sie viel Zeit widmen. Welche Beobachtungen und Erkenntnisse hinsichtlich des Umgangs mit Boden prägen Sie?

Winiwarter: Aktuelle Bodennutzung und -verbrauch beunruhigen mich, nicht nur in Österreich sondern auch global betrachtet. Es braucht hier schnellstmöglich Maßnahmen, um quantitative und qualitative Verschlechterungen von fruchtbaren hin zu degradierten und versiegelten Böden zu stoppen. Gleichzeitig braucht es gezielte Verbesserungen von Böden, die bereits in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Das österreichische Forstgesetz schreibt dem Waldbesitzer eine Orientierung am Gemeinwohl vor. Dem Wald kommt durch seine multifunktionelle Wirkung hinsichtlich Nutzung, Schutz, Wohlfahrt und Erholung eine bedeutende Rolle zu. Diese Gemeinwohlorientierung wäre auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen wünschenswert.

Neben dem Boden spielt das Wasser, insbesondere im Donauraum, eine große Rolle in Ihren Forschungsaktivitäten. Mit welchen Aspekten des Wassers beschäftigen Sie sich in Ihrem aktuellen Projekt „Wasser-Stadt-Wien. Metropole im Wandel“?

Winiwarter: Wir beschäftigen uns dabei mit der Entwicklung von Wiener Gewässern, wie etwa mit jener der Donau, des Liesingbachs und des Alserbachs, bis zurück ins 16. Jahrhundert. Dahinter stecken rund sechs Jahre intensive Forschungstätigkeiten, die dankenswerterweise vom FWF ermöglicht wurden. Einerseits digitalisierten wir über 200 Gewässerkarten und andererseits rekonstruierten wir die Einflüsse der Gewässer auf das Leben, Stadtentwicklung und Wirtschaft in Wien.

Welche einschneidenden Ereignisse gab es für die Stadt Wien?

Winiwarter: Wien ist eine Wasserstadt. Sehen wir uns die Donau an, können wir neben vielen Entwicklungen von drei großen und bedeutenden Ereignissen sprechen, die das Leben der Stadt bis heute prägen. Dazu zähle ich das außergewöhnlich starke Hochwasser 1830, welches durch einen Eisstoß ausgelöst wurde. Großer Schaden entstand. Danach festigte sich der öffentliche Wunsch nach einem gesamtheitlichen Hochwasserschutz. 1870 bis 1875 folgte die Wiener Donauregulierung. Dadurch wurde der Flusslauf, so wie wir ihn heute kennen, maßgeblich gestaltet. In den 1970er und 1980er Jahren entstand die Donauinsel als Hochwasserschutz und Naherholungsgebiet. Die Donauinsel zeugt von stadtplanerischer Weitsicht. Nicht auszudenken welche ökologischen Langzeitfolgen entständen wären, wenn damalige Pläne wie etwa der Bau eines Wiener Hauptbahnhofes auf der Insel realisiert worden wären.

Sie wurden 2013 als „Österreichs Wissenschafterin des Jahres“ ausgezeichnet. Welche Eigenschaften sollten Nachwuchswissenschafter/innen im Nachhaltigkeitsbereich mitbringen, um in Österreich erfolgreich zu sein?

Winiwarter: Frei nach Thomas Alva Edison würde ich meinen: 99% Schweiß und 1% Inspiration. Meine Erfahrung zeigt mir, dass Eigenschaften wie Fleiß, Kreativität, Originalität und Durchhaltevermögen in der Wissenschaft gleich wichtig sind. Die Neugierde und der Wissensdurst sollten junge WissenschaftlerInnen antreiben und der Spaß an der Arbeit darf nicht zu kurz kommen. Wichtig erscheint mir dabei auch die persönliche Resilienz, also ein widerstandsfähiger Umgang mit schwierigen Situationen, wie beispielsweise mit vermehrt auftretenden prekären Arbeitsverhältnissen und dem wachsenden Wettbewerbsdruck, der systematisch gefördert wird. Mir ist bewusst, dass das oft nicht leicht fällt. Mit einem klugen Verhältnis zwischen Kooperation und Konkurrenz kann man viele der Herausforderungen meistern.

Danke für das Gespräch.

Winiwarter: Ich danke.

 

Zur Person:

Univ.-Prof. Ing. Dr.phil. Verena Winiwarter ist Leiterin des Zentrums für Umweltgeschichte am Institut für Soziale Ökologie. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen Umweltgeschichte von Agrargesellschaften, Umweltgeschichte Österreichs sowie Wissenschaftstheorie interdisziplinärer Forschung. Neben zahlreichen Mitgliedschaften wirkt sie auch als Präsidentin des International Consortium of Environmental History Organizations (ICEHO). Kontakt: verena.winiwarter@boku.ac.at

Verena Winiwarter - (c) Heribert Corn (FWF scilog)

Univ.-Prof. Ing. Dr.phil. Verena Winiwarter (c) Heribert Corn/FWF scilog

Weiterführende Informationen:

  • Complexity Science Hub Vienna: hier
  • Danube: Future: hier
  • Flugsimulationen über die Donau und den Wienfluss von Severin Hohensinner: hier
  • Umwelthistorische Datenbank Österreich: hier
  • Zentrum für Umweltgeschichte: hier

Das OS4S-Interview führte Florian Leregger, Geschäftsführer des Instituts für Umwelt, Friede und Entwicklung (IUFE) für openscience4sustainability.