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„Digitalisierung verändert unsere Art zu leben“

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OS4S-Interview mit Michael Bauer-Leeb, Unternehmensberater und FH-Lektor, über Chancen und Herausforderungen des digitalen Wandels. Wir sprachen über Energie- und Ressourcenverbrauch, gesellschaftliche Fragen des Zusammenlebens und Digitalisierung in Unternehmen.

Herr Bauer-Leeb, Sie sind Unternehmensberater für CSR und Nachhaltigkeit. Der Begriff Digitalisierung ist allgegenwärtig. Was bedeutet er für Sie persönlich?

Bauer-Leeb: Digitalisierung stellt einen echten Innovationssprung für die Menschheit dar. Das Innovationspotential ist mit jenem des Buchdrucks, der Dampfmaschine, der Glühbirne und des Telefons vergleichbar. Mit dem digitalen Wandel verbinde ich Entwicklungen, wie etwa Virtual Reality, Production-on-Demand, 3D-Druck, Industrie 4.0, aber auch mit Geräten wie dem Smartphone. Man hört immer: „Digitalisierung verändert unsere Art zu leben“. Dem stimme ich voll zu. Sie wird in Zukunft noch stärker Einfluss bzw. Auswirkungen auf mich, auf uns alle, haben.

Inwiefern werden wir den Einfluss erleben?

Bauer-Leeb: Ganz besonders gilt das, wenn ich an unsere Kommunikation denke. Ein Beispiel dafür ist das Smartphone. Beispielsweise in der U-Bahn ist es omnipräsent. Wir erleben jetzt schon die Digitalisierung unseres Alltags. Wenn ich mein eigenes Verhalten mit dem Smartphone beobachte, erkenne ich die Herausforderung, das Handy wegzulegen oder abzuschalten. Der Switch von der Offline- in die Online-Welt und wieder retour ist oft nicht leicht. Ich denke, so geht es mittlerweile vielen Personen. Allerdings erleichtert das Smartphone aber auch wahnsinnig das Leben. Ich kann beispielsweise Ausflugsziele, Urlaubsorte, Mobilitätsrouten leicht abrufen. Online-Bankgeschäfte problemlos von Zuhause erledigen zu können und die schnelle Kommunikation, die mit dem Smartphone möglich ist, sind ebenso riesengroße Vorteile.

In Ihrem jüngst erschienen Artikel in „Die Wirtschaft“ (2018) vergleichen Sie und Ihre Kollegin Alexandra Adler die Digitalisierung mit einem Italo-Western aus den 1960er Jahren, vor allem deshalb weil darin traditionelle Werte in Frage gestellt werden. Welche gesellschaftlichen Werte werden durch neue Technologien in Fragen gestellt?

Bauer-Leeb: Eine komplexe Frage. Ich habe in der Vergangenheit intensiv darüber nachgedacht und bin auf eine Antwort gekommen, die für mich in der Kurzform lautet: Freiheit und Verantwortung. Ich denke, Freiheit und Verantwortung sind die beiden Kernwerte, die in unserer Gesellschaft momentan zur Neuverhandlung anstehen. Sie werden von der Digitalisierung massiv beeinflusst. Im Magazin „enorm“ habe ich kürzlich den Satz „Die Digitalisierung verspricht zwar Freiheit und Demokratie, aber in Wahrheit hat sie uns als Konsumenten im Blick“, gelesen. In Anbetracht mancher aktueller Entwicklungen bringt dieser Satz meine vielen Gedanken auf den Punkt. Ich betrachte die Digitalisierung mittlerweile als eine Projektionsfläche – wie Nachhaltigkeit im Übrigen auch – für tiefergehende gesellschaftliche Fragen. Diese Fragen lauten: Wie wollen wir als Menschheit miteinander umgehen? Wozu und welchen Interessensgruppen soll Digitalisierung dienen? Welches Menschenbild soll durch den digitalen Wandel gefördert werden?

Wie wollen Sie leben und wie kann die Digitalisierung dazu beitragen?

Bauer-Leeb: Das Potential der Digitalisierung für eine nachhaltige Veränderung unserer Welt, so dass es möglichst allen Menschen auf diesem Planeten gut geht, ist absolut vorhanden. Dabei zeichne ich gerne das Bild einer Gesellschaft, in der sich Menschen frei von ökonomischen Zwängen jenen Dingen, die ihnen wirklich am Herzen liegen, hingeben können. So hat es bereits John Maynard Keynes in den 1930er Jahren vorhergesehen. Demnach arbeiten wir im Jahr 2030 nur noch 15 Stunden, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Der Rest wird von Maschinen erledigt und wir werden Zeit für die sogenannten Muße-Tätigkeiten haben. Mit Entwicklungen wie etwa Robotik, künstliche Intelligenz und 3D-Druck wäre das theoretisch möglich. Entscheidend dabei ist die Art und Weise, wie wir dieses Potential letztendlich nutzen. Dabei steht nicht das „Was?“ im Mittelpunkt, sondern das „Wie?“. Was ich damit meine, ist die Entscheidung, wie wir Digitalisierung einsetzen wollen. Das ist eine essentielle gesellschaftliche Frage unserer Zeit. Positive Beispiele, die Hoffnung machen, gibt es zuhauf, etwa die Verbesserung der medizinischen Behandlungen von frühgeborenen Babys, neue Prognosemodelle als Beitrag zum effektiven Klimaschutz, körperliche Entlastung vieler Menschen in ihren Jobs durch Automatisierungsschritte sowie vereinfachte Kommunikation im Privat- und Berufsleben.

Zu Ihren Kernkompetenzen als Lektor an der FH-Krems zählen zukunftsfähige Geschäftsmodelle sowie Vision- und Strategieentwicklung in Unternehmen. Welche Rolle spielen dabei der digitale Wandel und die neuen Technologien?

Bauer-Leeb: Ich nehme wahr, dass Digitalisierung und neue Technologien in fast allen Unternehmen auf dem Tapet stehen. Womöglich beschäftigt sich jeder in irgendeiner Art und Weise damit. Die Entwicklungen werden in den Führungsebenen erkannt.

Wie gehen die Ihnen bekannten Unternehmen mit den Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung um?

Bauer-Leeb: Für Unternehmen bieten Aspekte der Digitalisierung viele Chancen. Gleichzeitig bergen sie zahlreiche Herausforderungen. Als Beispiel nenne ich Videokonferenzen. Die eine Seite der Medaille ist, dass Videokommunikation Zeit und Geld spart. Wenn jedoch Face-to-Face-Meetings fehlen, stellt sich in einigen Unternehmensbereiche die Frage, wie Kunden- und Teambeziehungen im virtuellen Raum erfolgreich zu schmieden und langfristig zu halten sind.

Sind Ihnen Unternehmen innovativ genug, um die Potentiale der Digitalisierung auszuschöpfen?

Bauer-Leeb: Ich sehe eine gewisse Diskrepanz zwischen den Möglichkeiten und den tatsächlichen Anwendungen auf betrieblicher Ebene. Ich bin mir sicher, dass hier noch viel mehr möglich ist. Unternehmen könnten noch mutiger, innovativer und vor allem experimenteller agieren. Ein Knackpunkt dabei ist, dass die Entwicklungen viele Menschen in ihren Ressourcen überfordert. Die Menge an technologischen Entwicklungen und die Fülle an Knowhow dahinter sind enorm. Das Tempo des digitalen Wandels ist wirklich hoch. Die Zeit, sich damit zu beschäftigen ist in Unternehmen kaum gegeben. Einerseits erkenne ich, dass vielerorts experimentiert wird. Es ist natürlicherweise ein großer Trial-and-Error-Prozess im Gange. Andererseits wird dabei oftmals nur an der Oberfläche gekratzt und das tatsächliche Potential der Digitalisierung somit nicht ausgeschöpft.

Welche Chancen der Digitalisierung für Unternehmen sehen Sie im Kontext der Nachhaltigkeit?

Bauer-Leeb: Einige der bestehenden Chancen möchte ich an Beispielen erläutern. Ein österreichisches Bauunternehmen arbeitet seit einiger Zeit mit dem Building Information Modeling (BIM), also einer digitalen Bauwerksdatenmodellierung. Dabei macht das Unternehmen das Wissen der Holzhochhaustechnologie virtuell verfügbar. Ein Kryptomodell eines Neubaus wird angelegt, bei dem Architektinnen, Ingenieure, Lieferantinnen, Spengler, Baumeister und andere bauverantwortliche Personen Zugang erhalten und mitarbeiten können. Gemeinsam wird somit das virtuelle 3D-Modell eines Neubauprojektes entwickelt, bevor es auf der Baustelle Realität wird. Dadurch können in der Planungsphase zahlreiche Fehler vermieden werden, die üblicherweise erst in der Bauphase auftreten. Die Folge sind erheblich verkürzte Bauzyklen, ein geringerer Ressourcenverbrauch und Energiebedarf sowie reduzierte Emissionen im gesamten Bauprojekt. Als ein weiteres Beispiel nenne ich einen österreichischen Büromöbel-Hersteller. Das Unternehmen hat es mithilfe des Umstieges auf automatisierte und vertriebsgesteuerte Teilefertigung geschafft, die Produktionszyklen ihrer Produkte deutlich zu reduzieren. Ein weiteres Beispiel sind benutzerfreundliche Apps, die Besuche von Sehenswürdigkeiten und Kulturstätten interaktiv, individuell und spannend gestalten und somit zu einem Erlebnis machen.

Welche gesellschaftlichen Herausforderungen der Digitalisierung im Kontext der Nachhaltigkeit sind zu erkennen?

Bauer-Leeb: Hier sehe ich Parallelen zwischen Entwicklungen der Digitalisierung und des Klimawandels. Die Auswirkungen der Digitalisierung, etwa der dafür notwendige Energie- und Ressourcenverbrauch, sind für den Otto-Normalverbraucher oftmals nicht ersichtlich und kaum greifbar. Es gibt in den meisten Fällen keine Unmittelbarkeit und es besteht eine hohe Latenzzeit, bis die negativen Auswirkungen tatsächlich spürbar werden.

Wie ist das zu verstehen?

Bauer-Leeb: Ein Risiko dabei ist der Rebound-Effekt. Die Ersparnis als Folge von Effizienzsteigerung mithilfe neuer Technologien in neue Produkte umzusetzen, stellt aus Sicht der Nachhaltigkeit nicht den richtigen Weg dar. Zu den größten ökologischen Herausforderungen der Digitalisierung zählen der Emissionsausstoß und Energieverbrauch. Die Rechenleistungen steigen. Der Umstieg auf digitale Kommunikation stellt Serverkapazitäten auf die Probe. Jede Information, die du online produzierst, und jede Spur, die du im Internet hinterlässt, benötigt Energie. Eine aktuelle Studie des TV-Senders ARTE besagt, dass eine E-Mail in etwa 10g CO2-Äquivalente entspricht. Das ist die CO2-Bilanz eines durchschnittlichen Plastiksackerls. In Deutschland werden an einem Arbeitstag durchschnittlich 88 E-Mails pro angestellter Person empfangen bzw. versendet. Das entspricht einer 11km langen Autofahrt. Die globale Jahresproduktion von Bitcoins beträgt laut Digitalexperte Alex de Vries rund 33 TWh Energie. Diese Zahl ist mit dem jährlichen Energieverbrauch Dänemarks zu vergleichen. Zu bedenken gebe ich, dass es sich bei diesen Zahlen lediglich um den Energieverbrauch, der sich aus der reinen Operation heraus ergibt, handelt. Umgekehrt bedeutet das, dass hier die Energie, die in der Infrastruktur steckt, die bei der Herstellung von Endgeräten verbraucht wird oder jene, die bei der Entsorgung anfällt, noch nicht berücksichtigt ist. Weltweit gibt es rund 45 Mrd. Server. Der Stromverbrauch dieser Rechenzentren wird auf rund 416 TWh geschätzt. Vergleichsweise dazu wird der Stromverbrauch Deutschlands im Jahr 2016 auf 516 TWh beziffert.

Welche Erkenntnisse ziehen Sie daraus?

Bauer-Leeb: In diesem Zusammenhang stellen sich zwei wesentliche Fragen: Wie entwickelt sich der Stromverbrauch in Zukunft? Woher kommt der Strom und welche Energiequellen stecken dahinter? Die Kapazitäten der weltweit erneuerbaren Energiequellen reichen zur Deckung des Strombedarfs nicht aus. Ich habe recherchiert und stellte fest, dass weltweit im Jahr 2013 mithilfe erneuerbarer Energien 1,56 TWh produziert wurden, der größte Teil durch Wasserkraft Die Lücke zwischen Energieangebot und -nachfrage im Zuge der Digitalisierung klafft also eklatant auseinander. Die Zukunft dahingehend sieht vor dem Hintergrund aktueller Tatsachen düster aus. Einsatz neuer Technologien, Datenmengen und Energiebedarf werden zunehmen. Gleichzeitig werden die installierten Kapazitäten erneuerbarer Energien positiv wachsen, jedoch voraussichtlich nicht in jenem Ausmaß, so dass der erforderliche Bedarf nur mit emissionsintensiven Energieträger abgedeckt werden kann. Digitalisierung könnte damit einen massiven Treiber des Klimawandels darstellen. Das ist ein wesentlicher ökologischer Risikopunkt, über den wir in der Gesellschaft vermehrt sprechen sollten.

Wie erleben Sie den digitalen Wandel in Ihren persönlichen Lebensbereichen?

Bauer-Leeb: Bei mir spüre ich den digitalen Wandel bereits in vielen Lebensbereichen. Beispielsweise bei meinem Mobilitätsverhalten. Meine Familie besitzt kein eigenes Auto und wir nutzen Car Sharing-Angebote. Ich beziehe keine CDs, sondern kaufe Musik als Download online. Ich nutze praktische Apps auf meinem Smartphone, um Transparenz beim Einkaufen zu schaffen und somit Konsumentenverantwortung wahrzunehmen. Da gibt es eine tolle App, die nennt sich „Codecheck“. Damit können via EAN-Strichcode Informationen über das gescannte Produkt abgerufen werden. In Folge kann jeder von uns mit seinem Einkauf entscheiden, ob nachhaltige Produkte gekauft werden oder nicht. Zudem benutze ich die Suchplattform ECOSIA, bei der die Einnahmen aus Suchanzeigen verwendet werden, um Bäume zu pflanzen. Ich erledige Bankgeschäfte und buche meine Urlaube online. Was ich nicht mache, ist, Lebensmittel, Kleidung und andere Produkte des Alltags online einzukaufen. Ich kaufe ausschließlich im stationären Handel ein.

Warum kaufen Sie nicht online ein?

Bauer-Leeb: Um einerseits persönliche Beziehungen im Geschäft zu erleben und andererseits die lokale Wirtschaft zu stärken. Onlinehandel produziert hohe Emissionen, etwa durch das irrsinnige Transportaufkommen aufgrund der hohen Zahl an retourgesendeten Waren. Zudem sind die sozialen Arbeitsbedingungen bei großen Online-Versandhändler nicht zufriedenstellend. Das möchte ich mit meinen Kaufentscheidungen nicht fördern. Aus Sicht der ökologischen Nachhaltigkeit lautet für mich persönlich eine wesentliche Frage in diesem Zusammenhang: Wie möchte ich leben bzw. was möchte ich erleben? Das ist eine Frage des eigenen Lebensstils und der Konsumgewohnheiten. Meiner Meinung nach braucht es in vielen Lebensbereichen eine neue Bescheidenheit. Dabei geht es nicht um Verzicht. Es ist lediglich ein anderes Leben, bei dem man andere Eindrücke, Freiheiten und Qualitäten gewinnen kann. Ich merke es bei mir, dass mir Tools der analogen Welt im Gegensatz zu Tools der digitalen Welt im Alltag gut tun. Möglicherweise beschert uns ein achtsamer Umgang mit der Digitalisierung neue, teils verlorengegangene Lebensqualität.

Zum Abschluss bitte ein kurzer Ausblick. Mit welchen Eindrücken der aktuellen digitalen Entwicklung blicken Sie in die Zukunft?

Bauer-Leeb: Ich blicke mit einer großen Ambivalenz in die Zukunft. Digitalisierung erleichtert unser Leben. Dieser digitale Wandel wird disruptiv erfolgen. Die Frage „Wie gestalten wir diesen Wandel?“ wird entscheidend sein. Die existenten Chancen und Risiken sind uns weitgehend bekannt. Auf der einen Seiten gilt es das positive Potential auszuschöpfen, auf der anderen Seite sind derzeitige negative Entwicklungen zu stoppen. Nachhaltige Digitalisierung, die sozial und ökologisch verträglich ist, verlangt unausweichlich Spielregeln. Es braucht einerseits eine verantwortungsvolle Politik, die adäquate Rahmenbedingungen im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung festlegt. Denn die Strukturen, die wir erschaffen, beeinflussen unser persönliches Verhalten. Andererseits setze ich auf die Eigenverantwortung und Kompetenz der Bevölkerung, den digitalen Wandel als Konsumenten möglichst nachhaltig mitzugestalten. Dafür braucht es Grundlagen. Transparente Information und hochwertige Bildung, sowie persönliche Unabhängigkeit und Zeit sind nur einige Aspekte, die ich dazu zähle.

Danke für das Gespräch.

Bauer-Leeb: Ich sage danke.

Das OS4S-Interview führte Florian Leregger, Geschäftsführer des Instituts für Umwelt, Friede und Entwicklung (IUFE) für openscience4sustainability.