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Nachhaltigkeit an Universitäten: Interview mit Ingrid Hemmer

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OS4S-Interview mit Ingrid Hemmer, der Sprecherin des “Netzwerkes Hochschule und Nachhaltigkeit Bayern”, über Nachhaltigkeitsforschung, die Rolle der bayrischen Hochschulen für die Gesellschaft und Erfolgsbeispiele aus ihrem Netzwerk.

Was bedeutet Nachhaltigkeit für Sie?

Hemmer: Unter nachhaltiger Entwicklung verstehe ich, in Übereinstimmung mit dem deutschen Rat für Nachhaltige Entwicklung, eine ökologisch, ökonomisch und sozial ausgewogene Entwicklung, die globale und intergenerationelle Gerechtigkeit berücksichtigt. Eine etwas ausführlichere Definition des Nachhaltigkeitsverständnisses unseres Netzwerks findet sich auf unserer Webseite im Abschlussbericht des Forschungsprojektes KriNaHo, auf das ich weiter unten noch eingehe.

Im Jahr 2016 erschien das Buch “Forschung für Nachhaltigkeit an deutschen Hochschulen” im Springer Verlag. Eine der Schlussfolgerungen darin bezieht sich auf die Vorbildwirkung von Forschungs- und Bildungsreinrichtungen. Wie schätzen Sie die Rolle von Hochschulen als Motor für Innovation und Nachhaltigkeit in einer Gesellschaft ein?

Hemmer: Ich schätze diese Rolle von Hochschulen als sehr hoch ein. Macht man dies an den drei Handlungsfeldern der Hochschulen, Forschung, Lehre und Campusmanagement, fest, so sollten Hochschulen wesentliche Forschungsergebnisse liefern, die dazu beitragen, die Transformation in eine nachhaltigere Gesellschaft zu unterstützen. Eine ganz erhebliche Bedeutung haben die Hochschulen hinsichtlich der Ausbildung der Studierenden, die optimalerweise alle als MultikatorInnen das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung in viele Berufs- und Lebensfelder hereintragen. Dabei ist nicht zuletzt die Lehrerbildung an Hochschulen zu nennen. Um eine Bildung für nachhaltige Entwicklung (Anm.: BNE) erfolgreich und glaubwürdig durchzuführen, ist es erforderlich, dass man sich auf dem Campus der Hochschule selbst um eine nachhaltigere Entwicklung bemüht. Darüber hinaus spielen die Hochschulen im Bereich Transfer eine große Rolle, sei es Transfer von nachhaltigkeitsrelevanten Forschungsergebnissen oder auch Lehrinnovationen.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Nachhaltigkeitsforschung in Bayern in den letzten Jahren? Welche Trends können beobachtet werden?

Hemmer: In Bayern gibt es eine große Vielfalt und Breite an Nachhaltigkeitsforschung. Schwerpunkte scheinen in den Bereichen Klima und Ressourceneffizienz und erneuerbare Energien zu liegen. An den Hochschulen für angewandte Wissenschaft (Anm.: HAW) und technischen Universitäten finden sich eher technologisch orientierte Forschungsfelder, an den Universitäten ist das Spektrum meist breiter. Biodiversität und CSR spielen eine gewisse Rolle an mehreren Standorten. Bioökonomie und ethische Fragestellungen rücken ins Zentrum. Insgesamt kann man in den letzten Jahren von einem Aufwind der Forschung für Nachhaltigkeit sprechen, unterstützt durch bestimmte Förderprogramme auf Bundes- oder Landesebene. Forschung zur BNE ist jedoch noch sehr schwach vertreten.

Wie viele Hochschulen sind aktuell am “Netzwerk Hochschule und Nachhaltigkeit Bayern” beteiligt?

Hemmer: Im Netzwerk sind Akteurinnen und Akteure von 17 Hochschulen für angewandte Wissenschaften und von 11 Universitäten Bayerns beteiligt. Die Hochschulen selbst sind nicht Mitglieder, sondern die einzelnen AkteurInnen. Diese kommen aus allen Gruppen, von VizepräsidentInnen über ProfessorInnen bis hin zu Angehörigen des wissenschaftsunterstützenden Bereichs und Studierenden.

Gibt es weitere Akteurinnen und Akteure, die im “Netzwerk Hochschule und Nachhaltigkeit Bayern” beteiligt sind? Wenn ja, welche und mit welchen Aktivitäten?

Hemmer: Ja, es gibt weitere Akteurinnen und Akteure, wie schon in der Antwort auf die vorige Frage erwähnt. Neben den VertreterInnen der Hochschulen sind es studentische Initiativen sowie Gäste von verschiedenen Ministerien und Gruppierungen. Die Aktivitäten erstrecken sich über Teilnahme an Netzwerktreffen bis hin zu gegenseitiger Beratung in speziellen Fragen, wie zum Beispiel zur Beschaffung oder zur Bedeutung eines EMAS-Prozesses, bis hin zur Teilnahme an einem gemeinsamen kleinen Forschungsprojekt.

Welche Good-Practice-Beispiele bzw. Projekte im Rahmen des “Netzwerkes Hochschule und Nachhaltigkeit Bayern” sollten unsere Leserinnen und Leser kennen?

Hemmer: Als erstes Beispiel für Good-Practice im Rahmen der Netzwetzwerkarbeit möchte ich unsere halbjährlichen Treffen anführen, die aus meiner Sicht vorbildlich sind, weil sie erstens die AkteurInnen aus den verschiedenen inneruniversitären Gruppen zum Austausch zusammenbringen und dadurch ermutigen, sich auf den Weg zu einer nachhaltigeren Hochschule zu begeben und weil sie zweitens durch gezielte Einbindung versuchen, politische Entscheidungsträger für die Nachhaltigkeit zu sensibilisieren. Dies führte ganz aktuell dazu, dass der bayerische Landtag 2017 eine erste Bestandaufnahme von Nachhaltigkeitsaktivitäten an bayerischen Hochschulen erstellen ließ (Details).

Als zweites Beispiel möchte ich das Projekt „Kriterienentwicklung zur Bestandsaufnahme von Nachhaltigkeitsaktivitäten an Hochschulen (KriNaHo)“ nennen, ein Projekt, das vom Bayerischen Umweltministerium finanziell unterstützt wurde. In diesem Projekt arbeiteten VertrerterInnen von sechs Hochschulen zusammen an der Definition eines gemeinsamen Nachhaltigkeitsverständnisses sowie an einem Kriterienkatalog. Um diesen zu erstellen, einigte man sich zunächst auf sechs Handlungsfelder, die eine Hochschule beachten muss, wenn sie sich auf den Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung begibt und einen whole institution approach anstrebt. Über die üblichen Handlungsfelder Forschung, Lehre und Campusmanagement hinaus wurden die Bereiche Governance, Transfer und studentische Aktivitäten identifiziert. Danach wurden für jedes Handlungsfeld gemeinsame Kriterien entwickelt und von vier der beteiligten Hochschulen bei ihrer Bestandsaufnahme angewendet (Details).

Als drittes Good-Practice-Beispiel möchte ich meine eigene Hochschule, die Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt (Anm.: KU), anführen, die in Bayern und im Netzwerk sicherlich eine gewisse Vorreiterfunktion einnimmt, weil sie bereits seit 2010 einen gesamtinstitutionellen Ansatz (Anm.: whole institution approach) verfolgt, wie ihn auch das BNE-Weltaktionsprogramm sowie der 2017 verabschiedete deutsche Nationale Aktionsplan BNE für Bildungsinstitutionen anstrebt (Details).

Bestehen Kooperationen mit Österreichischen Hochschulen sowie mit dem Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft? Wenn ja, wie sehen diese aus?

Hemmer: Ja, es bestehen seit ein paar Jahren Kooperationen mit der Allianz nachhaltiger Universitäten in Österreich. Wir entsenden jeweils Vertreterinen und Vertreter zu den Treffen und Tagungen, leisten gegenseitige Inputs, zum Beispiel durch Vorträge, und tauschen uns auch über Mailverteiler aus. Ein entscheidender Unterschied zwischen den beiden Netzwerken besteht darin, dass die österreichischen Universitäten sich als Institutionen zusammengeschlossen haben, während das bayerische Netzwerk, wie bereits beschrieben, ein Zusammenschluss von Akteurinnen und Akteuren ist. Im Sommer 2017 fand ein erstes gemeinsames Treffen beider Gruppierungen an der Universität Innsbruck statt. Erfreulich für uns war auch die engagierte Unterstützung der Vertreterin des österreichischen Bundesministeriums, Frau MRin Dr. Evi Frei, die uns mit Impulsvorträgen unterstützte, die Wege aufzeigten und uns ermutigten, unser ministeriellen und politischen Entscheidungsträger stärker mit ins Boot zu holen. Dabei waren für uns besonders die Thematiken Zielvereinbarungen und Anreize durch Awards interessante Themen.

Zum Abschluss die Frage an Sie: Gibt es weitere Punkte oder Informationen, die Sie unseren Leserinnen und Lesern mitteilen möchten?

Hemmer: Wir sind auf dem richtigen Weg! Gemeinsam sind wir stärker! Das Engagement unserer Hochschulen ist wichtiger denn je, damit die große Transformation gelingt!

 

Zur Person:

Ingrid Hemmer, Lehramtsstudium und Referendariat in Münster, Promotion in Bamberg in der Geographie, Habilitation in Augsburg in der Geographiedidaktik, seit 1991 Professorin für Didaktik der Geographie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU), seit 2010 Nachhaltigkeitsbeauftragte der KU, Ko-Begründerin und Sprecherin des Netzwerks Hochschule und Nachhaltigkeit Bayern, Mitglied in zahlreichen Arbeitsgruppen und Netzwerken zur Nachhaltigkeit und BNE. Engagiert für Nachhaltigkeit in Forschung und Lehre in den Bereichen Schule und Hochschule. Forschungsschwerpunkte: Bildung für nachhaltige Entwicklung (Implementierung, Kompetenzen); Nachhaltigkeitsbestandsaufnahme, -berichterstattung; Schülerinteresse am Geographieunterricht; Image der Geographie; Kompetenzorientierung im Schulfach Geographie; Studiengangsleiterin des Masters BNE seit 2010.

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Prof. Dr. Ingrid Hemmer (c) KU Eichstätt-Ingolstadt

Das OS4S-Interview führte Florian Leregger, Geschäftsführer des Instituts für Umwelt, Friede und Entwicklung (IUFE), für openscience4sustainability.at.