Back to list

Nachhaltigkeit im Handumdrehen

Menschen zu nachhaltigeren Verhaltensweisen zu bewegen funktioniert nicht von heute auf morgen – sollte man meinen. Wie zahlreiche Untersuchungen belegen, stimmt das jedoch nur bedingt.

Ein umweltverträgliches Leben zu führen ist mühsam, langweilig und lustfeindlich. Daher braucht es Jahre bis Jahrzehnte – wenn nicht gar Generationen –, um Menschen auch nur zur kleinsten Verhaltensänderung zu bewegen. Diese Aussage würden viele Menschen wohl ohne zu zögern unterschreiben. Allerdings gibt es eine Vielzahl an Beispielen, die das glatte Gegenteil belegen.

Im Rahmen einer Studie wurden im kalifornischen San Marcos an die 300 Haushalte darüber informiert, wie viel Energie sie in letzter Zeit verbraucht hatten. Darüber hinaus wurde ihnen der durchschnittliche Energieverbrauch der Haushalte in ihrer Gegend mitgeteilt. Das Ergebnis: Jene Haushalte, die über dem Durchschnitt lagen, begannen daraufhin ihren Energieverbrauch deutlich zu drosseln. Offensichtlich war es ihnen peinlich, zu den Energieverschwendern zu zählen. Der umgekehrte Effekt offenbarte sich bei jenen, die zuvor unterdurchschnittlich viel Strom verbraucht hatten. Wie die Studie allerdings zeigen konnte, kann dieser Bumerang-Effekt vermieden werden, wenn die mustergültigen Haushalte zusätzlich mit einem Smiley belohnt werden.

Wie die Untersuchung veranschaulicht, müssen nicht immer Berge versetzt werden, damit Menschen ihr Verhalten ändern. Manchmal reicht schon das Gefühl, aus dem Rahmen zu fallen. Mit derlei Phänomenen beschäftigt sich die Verhaltensökonomie, ein vergleichsweise junger Teilbereich der Wirtschaftswissenschaften: Mit dem nicht selten wunderlichen Verhalten von Menschen in wirtschaftlichen Situationen.

„Das ist ein sehr spannendes Feld, das vor allem in den letzten 15 bis 20 Jahren sehr viele Forschungsergebnisse hervorgebracht hat und sich viel aus der Psychologie, der Sozialpsychologie und der Soziologie ausborgt“, erklärt die Umweltökonomin Sigrid Stagl von der Wirtschaftsuniversität Wien. „Es gibt viele spannende Ergebnisse; eine sehr grundlegende Erkenntnis lautet, dass es kaum Typen von Menschen gibt, die sich immer altruistisch oder immer egoistisch verhalten. Vielmehr hängt das sehr stark vom Kontext ab.“

Besonders anschaulich wird das am Beispiel der Organspendenbereitschaft: In Österreich beträgt der Anteil der Organspender über 99 Prozent. In Deutschland sind es nur rund 35 Prozent. Der Unterschied? Ganz einfach: In Österreich gilt ein sogenanntes Widerspruchsrecht – prinzipiell ist jeder Bürger und jede Bürgerin ein Organspender, es sei denn, er oder sie spricht sich ausdrücklich dagegen aus. In Deutschland gilt hingegen eine sogenannte Zustimmungsregelung. Wer im Fall der Fälle ein Organ spenden möchte, muss dies zuvor ausdrücklich kundgetan haben. Der Erfolg des Widerspruchrechts spricht für sich.

Oft kommt es eben weniger auf den persönlichen Charakter oder bestimmte Werthaltungen an als vielmehr auf die Rahmenbedingungen, erläutert Sigrid Stagl: „In dem institutionellen Setting, in dem man sich befindet, wird man sich in einer gewissen Art verhalten oder in einer anderen Art verhalten – also eher egoistischer oder eher altruistischer.“ Mit der richtigen Entscheidungsarchitektur können Menschen geradezu um Handumdrehen dazu gebracht werden, nachhaltiger zu handeln – ohne sie vorher langwierig überzeugen zu müssen oder sie in ihrer Handlungsfreiheit einzuschränken.

„Nicht-nachhaltiges Handeln sollte eigentlich die unattraktivere, schwierigere und teurere Option sein, wo man selbst rausfinden muss, wie man sie in die Tat umsetzt“, ist Sigrid Stagl überzeugt. „Da stehen die Anreize im Moment in fast allen Bereichen genau in die verkehrte Richtung.“ Ihre Forderung lautet daher: „Wir müssen daran arbeiten, Vorschläge zu machen, wie man Strukturen so verändern kann, dass es den Menschen leicht gemacht wird, sich nachhaltig zu verhalten.“