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Mit Wissen bewegen, aber wie?

Viele ForscherInnen, die sich dem Thema Nachhaltigkeit widmen, sind enttäuscht, weil ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse zu selten zu praktischem Handeln führen.

Die zahlreichen Versuche an praxisorientierter Forschung haben das Transferproblem der Wissenschaft bislang nicht lösen können. Daher gehen wir einen neuen Weg. Wir haben die wenigen bisher in der Praxis erfolgreichen Forschungsprojekte untersucht und den entscheidenden Erfolgsfaktor für Wissenstransfer in die Praxis gefunden: zwischen Forschung und Verwertung ist eine dritte Phase erforderlich, in der wissenschaftliches Wissen nach dessen potenziellem Beitrag zur Lösung von Problemen aus der Sicht bestimmter Akteure ausgewählt wird. Dieses Wissen wird dann mit der Kraft der Akteure in der Praxis durchgesetzt. Die bisher zu wenig beachtete Phase nennen wir „Integration“ und zeigen mit unserem FIV-Modell und Praxisbeispielen, wie diese mit Forschung und Verwertung zusammenhängt.

Die Nachhaltigkeitsforschung hat ein enormes Wissen erzeugt. Doch nach wie vor stellt sich die Frage, wie Forschungsergebnisse wirklich zu praktischem Handeln, z.B. der PolitikerInnen, führen. Für uns besteht erfolgreicher Wissenstransfer aus drei Bausteinen: Forschung, Integration und Verwertung.

Das FIV-Modell des Wissenstransfers. Quelle: Böcher/Krott 2012: 15.

Das FIV-Modell des Wissenstransfers. Quelle: Böcher/Krott 2012: 15.

Forschung
Für einen erfolgreichen Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis ist eine exzellente Wissensbasis Voraussetzung: Nur qualitativ hochwertige Forschung, die den „State of the Art“ des Wissensstandes in einem bestimmten Thema repräsentiert, kann einen Beitrag zur Lösung aktueller gesellschaftlicher Probleme wie Nachhaltigkeit liefern. Bestehen Zweifel an der wissenschaftlichen Qualität der Forschungsergebnisse, kann das schnell zu einem Vertrauensverlust in die Wissenschaft führen. Allerdings reicht es wiederum noch nicht aus, dass wissenschaftlich exzellente Ergebnisse vorliegen: sie müssen noch auf die Anforderungen der politischen AkteurInnen angesichts ihrer in der Praxis benötigten Problemlösungen gestellt werden. Wissenschaftliches Wissen wird nicht „automatisch“ umgesetzt. Dafür braucht es Prozesse der Integration.

Integration
Integration heißt Ausrichtung der Forschung auf ein Praxisproblem. Dieses soll erfolgreich gelöst werden und dafür wird wissenschaftliches Wissen benötigt. Integration funktioniert, wenn Forschungsprozesse und -ergebnisse so ausgestaltet werden, dass sie wissenschaftlich-fundierte Lösungen erarbeiten, die den konkreten Ansprüchen der PraktikerInnen an relevante Problemlösungen genügen. Die Ausrichtung der Forschung auf Praxisprobleme kann z.B. über den aktiven Einbezug der gesellschaftlichen AkteurInnen in den Forschungsprozess vonstattengehen. Dies ist bei der transdisziplinären Forschung der Fall, wenn PraktikerInnen aktiv im Forschungsprozess mitarbeiten und ihre Ansprüche an Problemlösungen gegenüber den WissenschafterInnen direkt äußern können. Da nicht alle zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Erkenntnisse tatsächlich praxisrelevant sind, wirkt die Integration auch wie ein „Relevanz-Filter“.

 BündnispartnerInnen
BündnispartnerInnen sind diejenigen politischen AkteurInnen, die durch ihre Machtposition in der Gesellschaft in der Lage sind, die Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse voranzutreiben. Interne BündnispartnerInnen sind solche AkteurInnen der Praxis, die sich selbst am Forschungsprozess und dessen Ergebnisverwertung beteiligen. Sie übernehmen die wissenschaftliche Lösung, weil diese ihnen Vorteile gegenüber anderen AkteurInnen verspricht. Externe BündnispartnerInnen sind solche, die sich nicht am Forschungsprojekt beteiligen, die aber von außen Druck auf AkteurInnen der Praxis ausüben, um diese dazu zu bewegen, die konstruktive Zusammenarbeit mit der Wissenschaft zu suchen. Das Suchen von geeigneten BündnispartnerInnen und die Erzeugung von wissenschaftlichen Informationen, die für diese wirklich relevant sind, stellt eine Aufgabe der Integration dar.

Verwertung
In der Verwertung werden konkrete Transferprodukte (Gutachten, Entwürfe für politische Richtlinien, Broschüren, usw.) in die Praxis bzw. Wissenschaft (Veröffentlichungen) abgegeben. Die Transferprodukte werden nun zum Teil zu Handlungen der politischen AkteurInnen und sind nicht länger der Bearbeitung durch die WissenschafterInnen zugängig.

Ein Beispiel: Verbesserung der ökologischen Gewässerqualität durch die EU-Wasserrahmenrichtlinie
In einem von uns untersuchten Erfolgsfall konnte wissenschaftliches Wissen sehr direkt Eingang in die politische Praxis finden. Zur Umsetzung der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie in Österreich griff das österreichische Lebensministerium auf zahlreiche selbst oder durch andere beauftragte Forschungsergebnisse, z.B. der BOKU Wien, zurück. Diese waren notwendig, um die Europäischen Vorgaben zu erfüllen: es fand Forschung statt, die in der Integration durch aktive Selektion auf die Ansprüche der politischen Praxis (was benötigen wir an wissenschaftlich fundierten Informationen zur Umsetzung der EU-Wasserrahmenrichtlinie?) ausgerichtet wurde. Als Verwertungsprodukt entstanden Expertisen zum Zustand der österreichischen Gewässer, die schließlich Eingang in den nationalen Gewässerbewirtschaftungsplan und die österreichische Nationale GewässerbewirtschaftungsplanVO fanden, die 2010 erlassen wurde. Externe Bündnispartnerin war hier die EU, die mit ihren verbindlichen Vorgaben der WRRL dafür sorgte, dass Österreich zur nationalen Umsetzung wissenschaftliches Wissen einsetzen musste.

Ergebnis von Forschung und Integration: der Nationale Gewässerbewirtschaftungsplan

Lebensministerium (2009): Nationaler Gewässerbewirtschaftungsplan 2009 – NGP 2009

Die entsprechende Verordnung dazu

Nationaler Gewässerbewirtschaftungsplan VO 2009 (NGPV 2009)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ergebnis von Forschung und Integration: der Nationale Gewässerbewirtschaftungsplan und die entsprechende Verordnung dazu

In einem durch das BMWF geförderten proVISIONForschungsprojekt haben wir sieben weitere solcher Erfolgsfälle untersucht, die das FIV-Modell des Wissenstransfers empirisch belegen. Die Ergebnisse erscheinen 2013 als Buch unter dem Titel „Mit Wissen bewegen“.

Michael Böcher und Max Krott
Georg-August Universität Göttingen, Deutschland

 

Quellen
Böcher, Michael/Max Krott (2012): Professionelle Integration als zentraler Baustein zur Qualitätssicherung von Politikberatung. In: Zeitschrift für Politikberatung 5, S. 13-22.

Lebensministerium (2009): Nationaler Gewässerbewirtschaftungsplan 2009 – NGP 2009 (BMLFUW-UW.4.1.2/0011-I/4/2010), Wien: BMLFUW.

Nationale GewässerbewirtschaftungsplanVO 2009 (NGPV 2009), BGBl. II Nr. 103/2010, ausgegeben am 30. März 2010.