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Mit Global Citizenship Education die Welt verändern?

SA2018_Global Citizenship Education_OS4S

“Global Citizenship Education” gewinnt den 1. Platz des Sustainability Award 2018 in der Kategorie LEHRE UND CURRICULUM. Werner Wintersteiner (Alpen-Adria-Universität Klagenfurt) spricht mit uns über den Universitätslehrgang (ULG), Bildung für nachhaltige Entwicklung und seine persönliche Motivation als wissenschaftlicher Leiter des ULG.

Universitätslehrgang “Global Citizenship Education”

Der dreijährige Universitätslehrgang (ULG) an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt bietet den Studierenden ein interdisziplinär ausgerichtetes und ganzheitliches Bildungskonzept zur Förderung einer verantwortungsbewussten Haltung als Weltbürgerinnen und Weltbürgern. Beim Sustainability Award 2018 wurde der ULG mit dem Gewinn in der Kategorie LEHRE UND CURRICULUM ausgezeichnet. Werner Wintersteiner ist wissenschaftlicher Leiter des ULG. Er hat mit uns über die Hintergründe des Lehrganges, Bausteine einer Bildung für nachhaltige Entwicklung und seine persönliche Motivation gesprochen.

 

Wenn Sie an den ULG denken, was kommt Ihnen als Erstes in den Sinn? Bitte beschreiben Sie das Projekt kurz in eigenen Worten.

Wintersteiner: Global Citizenship Education ist ein Universitätslehrgang mit Master-Abschluss. Er verankert die UN-Nachhaltigkeitsziele, die sogenannten Sustainable Development Goals, im Bildungsbereich. Dieser Lehrgang wird bereits zum zweiten Mal durchgeführt und soll Multiplikatorinnen und Multiplikatoren ausbilden, die in den Bereichen LehrerInnenbildung, Öffentlichkeitsarbeit, Jugendbildung und Erwachsenenbildung tätig sind. Dementsprechend nehmen beispielsweise auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Pädagogischen Hochschulen und Universitäten sowie Mitglieder einschlägiger NGO´s daran teil.

 

Was bedeutet Nachhaltigkeit für Sie persönlich?

Wintersteiner: Das Wort Nachhaltigkeit wurde in letzter Zeit stark überstrapaziert. Es ist meiner Meinung nach, sehr oft eine Leerformel. Also eine Formel, mit der man eine Quadratur des Kreises  zu beschreiben versucht. Es soll Alles ein bisschen nachhaltiger werden, aber so wie wir leben soll sich nichts ändern. Im Gegenteil dazu, ist Nachhaltigkeit für für tatsächliche eine Lebensform.

 

Was meinen Sie konkret damit?

Wintersteiner: Damit meine ich die Notwendigkeit einer Wirtschaftsform sowie einer politischen Demokratieform, die es einerseits uns in unserem eigenen Umfeld ermöglichen, zukunftsfähig zu agieren und andererseits weltweit ermöglichen, die Lebensgrundlagen, welche die Menschen zum Leben brauchen, zu schützen und zu erhalten. Das ist gegenwärtig nicht der Fall. Es gibt einige symbolische Aktionen bei denen man sieht, wie viel Ressourcen eine Nation innerhalb eines Jahres verbraucht. Diese ergeben, dass wir global bereits im August natürliche Ressourcen aufgebraucht haben und wir ab diesem Zeitpunkt auf kosten zukünftiger Generationen leben. Nachhaltigkeit bedeutet für mich demnach, nicht mehr auf Kosten der Zukunft und auf Kosten anderer zu leben.

 

Warum ist Bildung für nachhaltige Entwicklung wichtig?

Wintersteiner: Wir können eben nicht so weiter leben wie bisher. Diese Tatsache wird von der Fachwelt und Wissenschaft klar belegt. Auch die Gesellschaft ist sich bewusst, dass etwas getan werden muss. Doch es ändert sich offensichtlich nichts. Wie soll man aber nachhaltige Veränderungen erreichen, ohne ein Umdenken und eine neue Kultur zu entwickeln? ­Da ist Bildung essentiell. Bildung für nachhaltigeEntwicklung ist ein Baustein in dem großen Puzzle der Transformation. Jeder muss dort ansetzen, wo er glaubt, maximal etwas erreichen zu können. Da ich vom Beruf her in diesem Bereich tätig bin, kann ich mein professionelles Wissen im Rahmen des Lehrganges optimal einsetzen.

 

Was hat Sie dazu bewogen, ihr Projekt beim Sustainability Award 2018 einzureichen?

Wintersteiner: Wir haben uns für den Sustainability Award beworben, weil, wir denken, dass man dadurch eine größere Sichtbarkeit bekommt und vielleicht auch eine größere Legitimität für sein eigenes Anliegen. Der Sustainability Award ist vor allem ein symbolisches Kapital, das man erlangen kann, wenn man damit ausgezeichnet wird.

 

Welche Idee steckt hinter dem Lehrgang?

Wintersteiner: Die Idee des Lehrgangs ist direkt mit der Idee der Nachhaltigkeit verbunden. Wir sind gewohnt, nationale oder ähnliche Kategorien als etwas Natürliches zu betrachten. Global Citizenship Education ist der Versuch, ein anderes Denken zu entwickeln. Es geht um ein Denken, das eine politische Verantwortung für die ganze Erde übernimmt. Auch wenn es gegenwärtig keine politischen Strukturen gibt, in denen das voll zum Ausdruck kommen kann, ist es wichtig daran zu arbeiten. Ganz entscheidend ist, hier ein paradigmatisches Umdenken zu erzielen und das auch in politische Handlungsoptionen zu übersetzen. Das eine der Aufgaben von dem Lehrgang.

 

Was erwartet die Studierenden während des ULG und welche weiterführenden Chancen haben sie?

Wintersteiner: Global Citizenship Education ist ein dreijähriger Lehrgang. Ich bin schon sehr lange in der Bildung für Lehrerinnen und Lehrer und auch in der Ausbildung anderer Fachkräfte tätig. Dabei habe ich gelernt, wenn man individuelle Werte- und Verhaltensänderungen im Sinne der Nachhaltigkeit erzielen möchte, geht das nur mit einem längerfristigen Lehrgang. Das ist nicht möglich, wenn der Fokus alleine auf Wissensvermittlung gelegt wird. Die Menschen müssen die Gelegenheit haben, dieses Wissen zu reflektieren. Sie müssen in ihrer Lebenssituation und auch ihrer professionellen Situation eine Reflexion anstellen können, die nachhaltig wirkt. Das ist unser Ziel.

 

Was können wir uns inhaltlich darunter vorstellen?

Wintersteiner: Inhaltlich setzen wir uns mit der Entwicklung und Kritik an der Globalisierung, mit Fragen einer global ungerechten Weltordnung, Wirtschafts- und Politikordnung, bis hin zu konkreten Bildungsfragen im Kontext der Nachhaltigkeit auseinander. Es geht auch um eine Bildungssystemkritik, sozusagen eine Ideologiekritik. All das wird gleichzeitig sehr konkret auf die jeweilige Situation der betroffenen Personen heruntergebrochen und versucht, erlebbar zu gestalten. Das ist meist ein langer Prozess mit verschiedenen Formen der Intervention. Es wird in diesem Masterlehrgang erwartet, anhand eigener Texte, sich intensiv mit Inhalten und der eigenen Persönlichkeit auseinanderzusetzen. Neben Vorträgen und Gruppenarbeiten, stehen auch Studienreisen im Lehrplan.

 

Global Citizenship Education ist in sich sehr nachhaltig, langfristig und tiefgreifend gedacht. Woher nehmen Sie Ihre persönliche Energie und das Durchhaltevermögen in Ihrer Arbeit?

Wintersteiner: Ich weiß es ehrlich gesagt nicht [lacht]. Ich mache zahlreiche Sachen. Man sollte eigentlich viel weniger machen. Ganz speziell, ich vielleicht sogar nur diesen einen Lehrgang. Vielleicht ist es bei mir ein nicht eingestandener Größenwahn, dass man dann doch etwas bewirken kann auf dieser Welt [lacht erneut]. Es kommt beim Lehrgang sehr viel Energie von den teilnehmenden Studierenden zurück. Wenn eine Arbeit befriedigend ist, dann macht man sie auch sehr gerne. Diese Freude gibt mir Energie!

 

Danke für das Gespräch.

Wintersteiner: Ich danke.

 

Weiterführende Informationen

SA2018_Global Citizenship Education_OS4S

Beitrag 3 der Serie “Das war der Sustainbility Award 2018”, verfasst von Bianca Blasl und Florian Leregger vom Institut für Umwelt, Friede und Entwicklung (IUFE) für openscience4sustainability.