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„Manchmal hat man das Gefühl, dass es einfach darum geht, werbewirksame Arten auszuwählen“

Klaus Peter Zulka ist maßgeblich an der Erstellung des Einstufungsschlüssels für die Roten Listen gefährdeter Tierarten verantwortlich. Im Interview erklärt er ihren Nutzen und was Biokraftstoffe für die Biodiversität bedeuten.

Herr Dr. Zulka, wie sind Sie zu Ihrem heutigen Forschungsgebiet gekommen?

Zulka: Ich war ursprünglich in ein Kulturlandschaftsforschungsprojekt involviert, bei dem es um Fragen der Landschaftsstruktur ging – also um kleine Biotopinseln in der Agrarlandschaft und was sie für die Biodiversität in der Agrarlandschaft bedeuten. Bei einem anderen Kulturlandschaftsprojekt ging es um die Frage, wovon Biodiversität in der Agrarlandschaft überhaupt abhängt. Beide Kulturlandschaftsforschungsprojekte hatten einen ähnlichen Inhalt und eine ähnliche Zielrichtung. Das Ergebnis damals war, dass die Biodiversität sehr stark von nichtgenutzten Flächen abhängt. So um die Mitte 2000 herum wurde die Frage nach den erneuerbaren Energien virulent. Da gab es verschiedene Optionen. Ich habe mich damals für Wind- und Solarenergie zu interessieren begonnen. Die andere Möglichkeit war die Bioenergie. Zusammen mit den Ergebnissen aus der Kulturlandschaftsforschung stellte sich die Frage: Wenn man die Produktion aus der Landwirtschaft erhöht und versucht, mehr aus der Landschaft herauszuholen, was bedeutet das für die nichtgenutzten Flächen? Wie wirkt es sich aus? Ich habe damals das Gefühl gehabt, dass dieser Aspekt wenig berücksichtigt wurde.

Und wie wirkt es sich aus?

Zulka: Entscheidend war da eine Arbeit, die im Frühjahr 2008 in Science erschienen ist. Da ging es darum, zum ersten Mal zu quantifizieren, welche Kohlendioxidemissionen bei Landnutzung entstehen – auch bei indirekter Landnutzung, also zum Beispiel bei uns, wenn Ackerfelder in Biokraftstoffanbaufelder umgewandelt werden und dadurch über den Weltmarkt einen Nachfragedruck auf andere Flächen irgendwo in der Welt erzeugen. Die Idee ist, dass man einen Mittelwert der Kohlendioxidemissionen errechnet, die durch die Rodung entstehen, und diesen Mittelwert dann auf das Produkt umlegt. So etwas Ähnliches müsste man auch bei der Biodiversität versuchen. In diese Richtung haben wir in dem Projekt gearbeitet. Im Prinzip kann man analog vorgehen. Man kann also ungefähr sagen, dass wir in dem Projekt wir die Treibhausgasbilanzierung als Modell genommen und versucht haben, die Biodiversitätsbilanzierung in die Richtung hinzuentwickeln.

Und die Auswirkungen sind eher negativ?

Zulka: Im Durchschnitt wohl schon. Wenn man sich aber ein ganz eng begrenztes System hier bei uns anschaut und die Sache ganz genau modelliert, dann hat sich gezeigt, dass das kein genereller Effekt ist. Wir haben zum Beispiel in einer Studie im Rahmen des Biokraftstoffprojekts die Antwort des Ziesels genau modelliert. Wir haben virtuell existierende Brachen in Biokraftstoffflächen umgewandelt und sind davon ausgegangen, dass das Ziesel mit diesen Flächen nichts mehr anfangen kann und die Populationen verloren gehen. Dann haben wir geschaut, wie sich das auf die Gesamtmetapopulation, die aus verschiedenen Einzelpopulationen besteht, in der jeweiligen Gegend auswirken wird. Da hat sich gezeigt, dass in manchen Regionen nicht allzu viel passiert, zum Beispiel in Weinbauregionen bei Krems. Dort ist das Ziesel hauptsächlich auf Weingärten angewiesen. Wenn die optimal bewirtschaftet werden, dann ist es ziemlich egal, was mit den Brachen passiert. Aber wenn zum Beispiel im Osten des Marchfelds alle Brachen umwandeln würden, dann hätten wir dort einen drastischen Anstieg der Aussterbenswahrscheinlichkeit. Dann würde das Ziesel wohl in ganz Österreich – wenn es überall so stattfindet – die nächsten hundert Jahre nicht überleben. Im Großen und Ganzen ist die Auswirkung sicherlich negativ, aber das kann regional auch mal anders aussehen oder insignifikant sein.

Inwiefern ist Biodiversität für uns Menschen von Bedeutung – abgesehen davon, dass es einfach schade wäre, wenn es keine Ziesel mehr gibt?

Zulka: Da gibt es Antworten auf verschiedenen Ebenen. Vielleicht ist es am besten zu sagen: Man merkt den Effekt der Biodiversitätsverluste meistens erst dann, wenn sie einmal eingetreten sind. Man hat ja versucht, das in den Begriff „Ecosystem Services“ einzufassen. Es gibt also verschiedene Funktionen der Biodiversität, die für den Menschen ganz wichtig sind. Die Funktion eines Waldes ist zum Beispiel die Säuberung der Luft, die Regulierung des Wasserhaushaltes, die Bereitstellung von Ressourcen oder was auch immer. Da gibt es verschiedene Funktionen. Wenn die wegfallen, dann fällt das ins Gewicht. Das wäre so eine Ebene der Antwort. Eine vielleicht tiefere Ebene der Antwort ist, dass man momentan versucht, mit unserer Wirtschaft sehr eindimensional gewisse Leistungen aus der Landschaft herauszuholen und dabei nicht wirklich merkt, wenn die Vielfalt der Wirkungen dieser Landschaft verloren geht. Irgendwo ist da so ein Punkt, wo es anfängt zu kippen und eigentlich mehr verloren geht als man mit der einzelnen Leistung gewinnt, die man aus der Landschaft herausholt.

Sie waren maßgeblich an der Erstellung des Einstufungsschlüssels für die Roten Listen gefährdeter Tierarten verantwortlich. Wie steht es denn eigentlich um die Artenvielfalt in Österreich? Kann man da Tendenzen beobachten?

Zulka: Kommt auf die Gruppe an. Es sind einzelne Arten neu eingewandert, zum Beispiel bei den Vögeln war das Anfang des neuen Jahrtausends der Fall. Die haben sehr von der Nutzungsaufgabe in den östlichen Nachbarländern profitiert und sind dann wieder nach Österreich eingewandert. Es gibt also vereinzelt positive Trends. Es sind einzelne wenige Arten stark vom Aussterben bedroht, das sind relativ wenige. Manche sind auch schon ausgestorben, das sind auch relativ wenige, wo das dokumentiert ist. In Summe ist der Trend negativ und in den verschiedenen Gruppen sehr unterschiedlich. Bei den Schmetterlingen ist der Trend ziemlich stark negativ, was auch ein europaweites Phänomen ist. Bei anderen Gruppen ist die Entwicklung durchwachsen. Das Risikolevel ist zum Beispiel bei den Kriechtieren und Lurchen relativ hoch, weil die auf eine abwechslungsreiche Landschaft angewiesen sind mit Trockenrasen, ungestörten Bereichen sowie Wasser- und Landlebensräumen, die miteinander verzahnt sein müssen. Im Großen und Ganzen ist der Trend negativ; wenn man sich es aber genauer anschaut, dann gibt es sehr unterschiedliche Muster.

Jährlich werden rund 20.000 neue Tier- und Pflanzenarten entdeckt. Woher wissen Sie eigentlich so genau, wie es um die Biodiversität steht, wenn man jährlich so extrem viele Pflanzen- und Tierarten erst entdeckt?

Zulka: Das ist eine sehr berechtigte Frage. Wir wissen sehr wenig, wie es um die Biodiversität wirklich steht und es ist eigentlich eine Grenze der Forschung, die bedenklich und schwer rechtzufertigen ist. Es ist sicherlich so, dass große Teile der Biodiversität unbeschrieben sind. In manchen Gegenden der Welt sind innerhalb vieler Gruppen – bei Laufkäfer zum Beispiel – sicher vier Fünftel der Arten unbekannt. Man weiß das natürlich nicht ganz genau und versucht das immer wieder hochzurechnen. In den letzten 30 Jahren hat es immer wieder Versuche gegeben, solche Hochrechnungsarten zu perfektionieren, um sagen zu können, wie viele Arten es auf der Welt überhaupt gibt. Aber die Bandbreite der Ergebnisse ist immer noch sehr hoch und es ist immer noch unklar, wie viele Arten man eigentlich erwarten kann. Und egal, wie hoch die Bandbreite ist, ein großer Anteil der Arten – insbesondere bei den Insekten – sind in vielen Teilen der Erde, die mittlerweile sonst schon relativ gut bekannt sind, noch immer unbeschrieben.

Haben Sie einen Wunsch an die Politik, wo Sie sagen: Das müsste geschehen – beispielsweise um Biodiversität zu erhalten?

Zulka: Da gäbe es viele Wünsche, man müsste da einiges ändern. Im Hinblick auf die Biodiversitätserforschung wundert es mich ein bisschen, dass man diese Initiativen, die damals aufgrund der Befunde, die ich gerade geschildert habe, nicht mehr gemacht hat in diese Richtung. Das wäre wirklich eine notwendige und mögliche Sache, scheint aber jetzt zugunsten dieser Frage der Ecosystem Services in den Hintergrund geraten zu sein, also der einfachen Beschreibung der Biodiversität. Ich glaube aber nach wie vor, dass das nötig wäre. Wenn man die Art beschreibt, dann ist noch nicht alles getan. Ein Ökologe hat das mal so gesagt: Das sind die weißen Seiten des Telefonbuchs, aber die gelben Seiten sind damit noch nicht bekannt, also: Ist die Art gefährdet? Was macht sie eigentlich im Ökosystem? Welche Habitate besiedelt sie? Gleichzeitig machen wir hier aber auch Programme, die sehr wohl Einflüsse haben auf die Landnutzung anderswo. Beispiel Biokraftstoffe: Wenn man bei uns die Bioenergienutzung fördert, dann stehen wir natürlich im Welthandel – man kann die Produkte hier bei uns anbauen oder importieren. Wenn man sie importiert und entsprechende Marktanreize schafft, dann können diese Biodiversitätsänderungen anderswo passieren, ohne dass man es groß dokumentieren kann.

Was sind eigentlich die Reaktionen auf die Liste der gefährdeten Tierarten? Was erhofft man sich dadurch?

Zulka: Also zunächst einmal hat so eine Liste eine gewisse Funktion. Wenn zum Beispiel irgendetwas gebaut wird, muss eine Umweltverträglichkeitsprüfung gemacht werden, wenn das Vorhaben eine bestimmte Größe hat. Dann sind Rote Listen auch wichtig als Indikatoren. Es ist schon einmal wichtig, dass man so einen Katalog hat, in dem Gefährdung dokumentiert ist, weil eben nicht jede Art gleich ist. Wenn ich eine Allerweltsart habe, die von Agrarlebensräumen profitiert, dann ist der Eingriff anders zu bewerten als wenn ich dort eine Art habe, die nur in Österreich vorkommt und gleichzeitig stark bedroht ist. Wenn ich diesen Maßstab nicht habe, kann ich Eingriffe in die Natur überhaupt nicht bewerten. Das ist einmal so die rein technische Funktion der Roten Listen. Der nächste Schritt wäre dann so eine Art Prioritätensetzung. Wenn ich Naturschutz betreibe – bei welchen Arten fange ich an? Da können rote Listen auch einen Aufschluss geben. Das sind per se noch keine Prioritätenlisten, weil bei der Priorisierung noch andere Kriterien einfließen – Machbarkeit, Verantwortung Österreichs oder wie auch immer –, aber sie sind ein Teil dieser Prioritätensetzungsprozesse. Also schon von dem her ist es an sich schon ein Werkzeug, wie man Naturschutzaktivitäten optimieren und besser planen kann.

Werden die Roten Listen Ihrer Meinung nach genügend wertgeschätzt, wird da genügend Rücksicht genommen? Oder ist das etwas, das den meisten Stakeholdern – sei es Landwirten oder wem auch immer – eigentlich nur lästig ist?

Zulka: Ich würde sagen, dass sie in vielen Verfahren durchaus berücksichtigt werden und im ausreichenden Umfang wertgeschätzt werden. Bei diesen Prioritätensetzungen sind andere Kriterien oft entscheidender, zum Beispiel der Schauwert der Art. Das führt dazu, dass viele Naturschutzaktivitäten sich auf große, auffällige, spektakuläre Arten konzentrieren und nicht unbedingt auf die Arten, die jetzt absolut dringend Hilfe nötig hätten. Wir haben da vor ein paar Jahren ein Priorisierungsprojekt gemacht und da fiel es doch auf, dass sich das Interesse auf ganz andere Arten konzentriert, als es die Roten Listen nahelegen würden. Zum Beispiel die Sumpfmaus im Neusiedlerseegebiet, das ist eine eher unbekannte Unterart, über die sehr wenig bekannt ist und die möglicherweise gefährdet ist. Andererseits gibt es Arten, die fast von allen Ländern sehr hoch priorisiert werden. Manchmal auch zu Recht, weil die Arten auch wirklich stark gefährdet sind, zum Beispiel Tigerpopulationen in Indien. Aber manchmal hat man das Gefühl, dass es einfach darum geht, werbewirksame Arten auszuwählen, die von Naturschutzseite her nicht unbedingt absolut prioritär wären, um sie mit speziellen Naturschutzprogrammen zu fördern.

Ist dieser PR-Effekt hilfreich oder möglicherweise sogar schädlich?

Zulka: Das kann beides sein. Es kann hilfreich sein, wenn über diesen PR-Effekt wirklich wichtige Arten, die auch zu schützen sind, geschützt werden und entsprechend priorisiert werden. Es kann natürlich auch problematisch sein, wenn dadurch Ressourcen, die für andere Arten nötig wären, abgezogen werden und letztlich in einer Weise verwendet werden, die nicht unbedingt ganz vordringlich ist.

Klaus Peter Zulka arbeitet im Umweltbundesamt in der Abteilung Naturschutz und Biologische Vielfalt.