2. Inhaltliche Kriterien

Grundsatz einer nachhaltigen Entwicklung ist es, anthropogene Systeme so auszugestalten, d.h. so zu wirtschaften, zu produzieren und zu leben, dass die Grenzen der ökologischen Tragfähigkeit nicht überschritten, d.h. die Ökosysteme der Erde nicht in ihrer Assimilations-, Puffer- und Regenerationsfähigkeit beeinträchtigt werden. Die Erhaltung der Lebensbasen steht an oberster Stelle: „At a minimum, sustainable development must not endanger the natural systems that support life on Earth: the atmosphere, the waters, the soils, and the living beings“ (UN, 1987).

Einer ökologischen Nachhaltigkeit liegt die Ansicht zugrunde, dass die Natur einen intrinsischen Wert besitzt, dem Menschen Partner ist und daher an keinem Ort irreversibel geschädigt werden darf.

Auf sozialer Ebene fordert eine nachhaltige Entwicklung „meeting the basic needs of all and extending to all the opportunity to satisfy their aspirations for a better life“ (UN, 1987). Die Aspekte der intra- und intergenerativen Gerechtigkeit rücken in den Vordergrund. Der Gerechtigkeitsbegriff umfasst das Postulat einer fairen Verteilung von Ressourcen, Chancen, Nutzen und Kosten zwischen Nord und Süd, Arm und Reich, Gegenwart und Zukunft – wodurch ein Ausgleich zwischen Überfluss und Mangel erreicht werden soll. Soziale Nachhaltigkeit beinhaltet auch Aspekte des Friedens und der Menschenrechte, der Partizipation und Zusammenarbeit und eröffnet neue Aspekte und Sichtweisen im Bereich der Arbeit und Bildung.

Die ökonomische Dimension der Nachhaltigkeit beinhaltet ein Wirtschaften im Einklang mit den gegebenen ökologischen Grenzen, d.h. kurzfristige Interessen (z.B. Gewinnorientierung) sind den langfristigen Interessen (z.B. Erhalt der Lebensbasen) unterzuordnen. Es liegt v.a. an der Wirtschaft, Prozesse und Produkte effizienter und ressourcenschonender zu gestalten oder erneuerbare Rohstoffe einzusetzen (vgl. betriebsökologische Maßnahmen).

Auch auf globaler Ebene sind Maßnahmen und Entscheidungen umzusetzen, die einer überproportional großen Bedeutung des Wirtschafts- bzw. Industriesektors im Vergleich zu anderen Sektoren entgegenwirken (vgl. absolute Ressourcenreduktion, Umbau der Finanzmärkte, Schuldenerlass für Entwicklungsländer, ökosoziale Gesamt-Architektur der Wirtschaft, Langfristökonomie, Kreislaufdenken, etc.). Aus diesen und den damit in Zusammenhang stehenden Anforderungen einer nachhaltigen Entwicklung lassen sich Kriterien ableiten, anhand derer die Inhalte von universitären Lehrveranstaltungen in Bezug auf die Nachhaltigkeitsrelevanz bewertet werden können. Wichtige Fragen im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit in der Lehre sind:

  • Kommen die nachfolgenden wichtigen inhaltlichen Kriterien der Nachhaltigkeit in einer bestimmten Lehrveranstaltung vor?
  • Wird in einer bestimmten Lehrveranstaltung Wissen über diese Aspekte der Nachhaltigkeit vermittelt, d. h. werden die Studierenden darüber unterrichtet?
  • Kommt eine kritische Reflexion beispielsweise über nicht nachhaltige Entwicklung bzw. gegenwärtige (Wirtschafts-)Wachstumsparadigmen vor?
  • Sind Inter- und Transdisziplinarität erkennbar?

Tabelle 1: Inhaltlichen Kriterien der Nachhaltigkeit (Rößler 2011, Grunwald und Kopfmüller 2006, Kopfmüller 2006, Michelsen et al. 2004, Michelsen 2006, Ott 2009, SUSTAIN 2001, SUSTAIN 199

Kriterien der ökologischen Nachhaltigkeit

Erhaltung und Förderung der Resilienz: Förderung der Robustheit der Ökosysteme, d. h. in ihrer Entwicklungs- und Selbstorganisationsfähigkeit und somit in der Fähigkeit Störung abzupuffern und sich in einen neuen Gleichgewichtszustand einzuschwingen, ohne dass gravierende Störungen in den Ökosystemen und in der Deckung der Grundbedürfnisse für die Menschen entstehen.
Erhaltung und Förderung der Biodiversität: Erhaltung und Schutz der Arten-, Sorten- und Rassenvielfalt sowie der Vielfalt der Landschaften. Ausweitung von geschützten Flächen; Beendigung von Netto-Flächenneuversiegelung; Vermeidung neuer Biotopzerschneidungen (vgl. Förderung der Robustheit der Ökosysteme, d.h. ihrer Entwicklungs- und Selbstorganisationsfähigkeit)
Solare Orientierung: Ausrichtung der technischen und wirtschaftliche Systeme auf Solarenergie, bei gleichzeitiger Schonung der natürlichen Ressourcen bei der Gewinnung erneuerbarer Energie
Einsatz nachwachsender Rohstoffe für die stoffliche Nutzung mit dem Ziel der Reduktion des Verbrauches nicht erneuerbarer Ressourcen auf das Niveau der Nachbildung der Lagerstättenvorräte. Auch hier: gleichzeitige Schonung der natürlichen Ressourcen (insbes. Boden, Wasser, Biodiversität) bei der Gewinnung nachwachsender Rohstoffe
Berücksichtigung der Regenerationsfähigkeit erneuerbarer Ressourcen: Die Nutzungsrate darf deren Erneuerungsrate nicht übersteigen.
Berücksichtigung der Grenzen der Verfügbarkeit von nicht erneuerbaren Ressourcen (s. oben; nicht erneuerbaren Ressourcen durch erneuerbare Alternativen substituieren sowie diese entwickeln und einsetzen)
Vermeidung von Schadstoff-Emissionen in Boden, Wasser, Luft, Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit (Pufferspeicher wie Boden, Wasser und Luft dürfen sich in ihrer Qualität und Größe nicht ändern) Assimilationsregel: Emissionen und Abfälle sollen die Aufnahmefähigkeit der Umweltmedien nicht übersteigen – Berücksichtigung der natürlichen Assimilationsleistung
Berücksichtigung des natürlichen Reaktionsvermögens (vgl. das Zeitmaß anthropogener Einträge bzw. Eingriffe in die Umweltmedien (Boden, Wasser, Luft) muss im ausgewogenen Verhältnis zum Zeitmaß des Reaktionsvermögens der Umwelt stehen)
Effizienz (vgl. Steigerung der Ressourcenproduktivität, absolute Reduktion des Ressourcenverbrauchs, sparsamer Umgang mit Ressourcen) und Suffizienz (Einschränkung des Konsums; Veränderung des Lebensstils)
Kreislaufprinzipien (vgl. Kaskadennutzung, Recycling) und Verlängerung der Produktlebensdauer (vgl. Robustheit); Stärkung der Region (s. auch soziale Nachhaltigkeit)
Umweltethik (vgl. der Natur einen intrinsischen Wert beimessen: Akzeptanz der Natur als Partner; ökologische Verantwortung; ökologische Gerechtigkeit) und Systemorientierung (vgl. ökologische Gesamtzusammenschau, ökologische Kreislauf-Systeme, ganzheitliche Naturwahrnehmung)
Risikoaversion und Vorsorgeprinzip: Vermeidung von potenziellen Risiken und Gefahren für die menschliche Gesundheit und für Ökosysteme. Vorrausschauendes Unterlassen von Aktivitäten, deren Konsequenzen unsicher bzw. potenziell risikoreich sind.

Kriterien der sozialen Nachhaltigkeit

Zentrales Postulat der Gerechtigkeit:

  • Inter- und intragenerative Gerechtigkeit bzgl. der Chancen und Möglichkeiten die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen;
  • soziale Gerechtigkeit in Hinblick auf gleiche Rechte auf Entwicklung;
  • Ausgleich zwischen Arm und Reich;
  • Geschlechtergerechtigkeit: Gleichbehandlungsgrundsatz
  • Vermeidung von Wissens- und Machtmonopolen (z.B. Vermeidung monopolistischer Umsetzung von technischen Innovationen)
Wahrung der Menschenrechte (vgl. Recht auf persönliche Unverletzbarkeit, Freiheit, Frieden, Zugang zu lebensnotwendigen Ressourcen wie Wasser, Nahrung, Wohnen, Bildung)
Politik und Global Governance: Abbau von Macht-Asymmetrien; Nord-Süd-Kooperation; Globalsolidarität und Friedenssicherung; Konflikt- und Krisenprävention; Globale Sofortmaßnahmen; Globale Abkommen und Verträge; Institutionelle Weiterentwicklung; Subsidiaritätsprinzip
Partizipation, Mit- und Selbstbestimmung: Selbstbefähigung und Empowerment von Akteuren; aktive Teilhabe am gesellschaftlichen Leben; Ausbau partizipatorischer Entscheidungsstrukturen, Beteiligung von Betroffenen und Berücksichtigung einer Interessensvielfalt; selbstbestimmte Lebensführung; Stärkung lokaler und regionaler Entscheidungsebenen
Kooperation und Ausbau sozialer Beziehungen: Neuorientierung der Menschen zueinander; Zusammenarbeit; enge und leistungsfähige soziale Netzwerke etablieren; internationaler Austausch; neue Akteurskonstellationen, gesellschaftliche Solidarität und Sicherheitsnetze innerhalb der Gesellschaft
Vielfalt und Toleranz: Integrative Toleranz und Wertschätzung von Vielfalt als wesentlicher Faktor für das Entwicklungspotenzial einer Gesellschaft und als Reservoir für Kreativität; soziale Vielfalt als Treiber der Dynamik einer Gesellschaft; lokale und kulturelle Vielfalt an Wegen zu einer nachhaltigen Entwicklung sowie Erhalt von traditionellem und lokalem Wissen
Lebensqualität und Gesundheit: Definition von Wohlstand über Lebensqualität anstatt über Besitz von Gütern; Glück durch Freizeit, Gesundheit und gute zwischenmenschliche Beziehungen; Suffizienz und freiwillige Einfachheit; umweltgerechte Lebensstile; Produktion von materiellen Gütern zur Verbesserung der Lebensqualität und nicht zur Vermehrung der Quantität per se
Arbeit: Erwerbsfähigkeit und -möglichkeit; Recht auf Lebensunterhalt durch Arbeit; erweiterter Arbeitsbegriff und neue Formen der Arbeit, Arbeits- und Lebensqualität, Motivation und Mitgestaltung
Ganzheitliche Bildung: Fairer Zugang zu Bildung; Förderung von kritischem und ganzheitlichem Denken; Bildung soll Zusammenhänge erklären sowie Offenheit und Toleranz lehren; Förderung des Umwelt- und Konsumentenbewusstseins

Kriterien der ökonomischen Nachhaltigkeit

Umweltverträglichkeit des Wachstums: Orientierung des wirtschaftlichen Wachstums an der ökologischen Tragfähigkeit der Erde, d.h. Berücksichtigung der Grenzen des Wachstums; kritisches Hinterfragen des Wachstumsparadigmas per se; qualitatives statt quantitatives Wachstum; absolute Reduktion des Umweltverbrauchs; serviceorientiert statt produktorientiert; Internalisierung externer Kosten
Langfristigkeit, Stabilität und Vorsorge: Langzeitausrichtung der Ökonomie anstatt Konzentration auf kurzfristige Profite; Voraussicht und Berücksichtigung langfristiger Konsequenzen wirtschaftlicher Aktivitäten; Vermeidung mittel- und langfristiger ökonomischer Risiken; Etablierung funktionsfähiger und beständiger Märkte; Förderung der Selbstorganisationspotenziale und Lernfähigkeit wirtschaftlicher Akteure (ökonomische Resilienz)
Verantwortung und Gemeinwohl: CSR; Eigeninteresse vs. Dienst an der Gesellschaft; Lebensqualität und Wohlergehen der Bevölkerung als Ziele des Unternehmens; ethisches Leitbild im Unternehmen; Selbstreflexivität
Liquidität, Stabilität, Rentabilität: Liquiditäts- und Rentabilitätsoptimierung in Richtung langfristiges Bestehen von Unternehmen in Kombination mit hohen gesellschaftlichen Leistungen. Beziehung zu internen und externen Partnern: weg von einseitiger Abhängigkeit hin zu stabilen und dauerhaften Bindungen sowie dauerhaftem Vertrauen. Technologieentwicklung und Wissensgenerierung: Langfristigkeit von Nachaltigkeits-orientierten Investitionen sowie Innovationsfreudigkeit.
Regionales Wirtschaften: Kooperation innerhalb und zwischen Regionen oder entlang von Produktlinien; regionale und lokale Vermarktungsnetze; Cluster und Netzwerke; inter- und intraregionale Kreislauferschließung; inter- und intraregionale Wertschöpfungsprozesse)
Ökologische und soziale Fairness in Finanzpolitik: Ökologische/Ökosoziale Steuerreform; Berücksichtigung langfristiger Wirkungen der Finanzpolitik; Förderungen/Subventionen, die nachhaltige Entwicklung fördern; Verzicht auf gefährliche Spekulationsgeschäfte; Reduktion des Zinsniveaus; Internalisierung externer Kosten
Ökologische und soziale Fairness in Handelspolitik: Faire Handelsbedingungen; Umwelt- und Sozialstandards; faire Teilnahme an Wirtschaftsprozessen und Marktzugangsbedingungen für Entwicklungsländer; Diversifizierung der Exportsektoren der Entwicklungsländer sowie höhere Exporterlöse; Abbau von Monopol-Mächten und Erweiterung der Akteursvielfalt
Verteilungsgerechtigkeit: Inter- und intragenerationelle gerechte Verteilung von Nutzungsrechten an natürlichen Ressourcen und von Wohlstand; gerechte Verteilung von Ressourcen zwischen Nord und Süd; angemessene Diskontierung; Internalisierung sozialer und ökologischer Folgekosten, d.h. Verursacherprinzip
Ökoeffizienz und Innovation: ökologisches Produkt- und Prozessdesign; umweltverträgliche innovative Lösungen und Technologien; gemeinsame Nutzungen; weniger Materialinput pro Output; relative Entkopplung von Ressourcenverbrauch und Wachstum; Cradle-to-Cradle Prinzip