1. Bildung für nachhaltige Entwicklung

„Bildung ist eine unerlässliche Voraussetzung für die Förderung einer nachhaltigen Entwicklung und die Verbesserung der Fähigkeit des Menschen, sich mit Umwelt- und Entwicklungsfragen auseinander zu setzen“ (Agenda 21, Kap.36). Die Bedeutung des Bildungsbereichs im Hinblick auf die Umsetzung von nachhaltiger Entwicklung wird nicht zuletzt auch durch die UN Weltdekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (2005 – 2014) sowie durch die UN Economic Commission for Europe (UNECE) Strategy „Education for Sustainable Development“ unterstrichen.

Die im Vorfeld der UN Rio+20 Konferenz ins Leben gerufene Initiative „Sustainability in Higher Education“, lädt alle höheren Bildungseinrichtungen dazu ein, Nachhaltigkeit im Kontext der Lehr- und Forschungstätigkeit voranzutreiben. Gerade weil Universitäten EntscheidungsträgerInnen von heute und morgen ausbilden und trainieren, nehmen sie eine zentrale Rolle auf dem Weg zu einer nachhaltigen Gesellschaft, die neue Paradigmen lebt, ein. Die Hochschul-AbsolventInnen sollten ein hohes Verständnis entwickeln „of how to achieve a society that values people, the planet and profits in a manner that respects the finite resource boundaries of the earth.”

Das zentrale Ziel von Bildungseinrichtungen, die sich einer nachhaltigen Entwicklung verpflichtet fühlen, sollte daher sein, bei den Studierenden Bewusstsein für die Belange der nachhaltigen Entwicklung zu schaffen – und zwar in einem Ausmaß, das sie befähigt, in der Praxis bei der Entwicklung von ökologisch verträglichen, wirtschaftlich leistungsfähigen und sozial gerechten Lösungen mitzuwirken. Bildung für nachhaltige Entwicklung orientiert sich an einer positiven Zukunftsvision und initiiert gesellschaftliche Diskurse u.a. über

  • Wachstumsparadigma und seine ökologischen Folgen – Grenzen des Wachstums, Grenzen, des Begrenzens,
  • Probleme von Mainstreamstrategien z.B. der Effizienzsteigerungen  (z.B. Reboundeffekt)
  • Werte und Einstellungen einer nachhaltigen Entwicklung versus in der gegenwärtigen Mainstream-Ökonomie

Nachhaltige Entwicklung verlangt, dass sich Paradigmen des Wirtschaftens grundlegend  ändern (Stichwort “Große Transformation”, WBGU) Dies erfordert zum einen Orientierungswissen (z.B. nachhaltige Entwicklung als  Orientierungsrahmen, was ist ein “gutes Leben”?) ebenso wie Prozesswissen. Diesem kommt besondere Bedeutung zu, da ein grundlegender Wandel im Widerspruch zu bisherigen Wirtschaftsweisen und zum bisher Erfolgreichen steht. Kompetenzen im kollektiven Umgang mit Widersprüchen und Konflikten ist daher ein wesentliches Element in der Bildung für Nachhaltige Entwicklung. Bildung für Nachhaltige Entwicklung verlangt Raum zu öffnen für gemeinsame, partizipative Entwicklungsprozesse und trägt damit zur Sensibilisierung im Hinblick auf überholte Denk- und Handlungsweisen, aber auch im Hinblick auf mögliche, nachhaltige Alternativen bei. Individuen und Gruppen von Individuen erlernen dabei Schlüsselkompetenzen, die notwendig sind, um die Zukunft aktiv im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung gestalten zu können.

Nachhaltige Entwicklung ist Bestandteil einer allgemeinen Bildungsaufgabe mit der Absicht, die jeweils heranwachsende Generation zur Humanisierung der Lebensverhältnisse zu befähigen. Dabei wird von einem Bildungsbegriff ausgegangen, der die Selbstentwicklung und Selbstbestimmung des Menschen in Auseinandersetzung mit der Welt, mit anderen Menschen und mit sich selbst betont. Bildung bezieht sich dabei auf die Fähigkeit zur reflexiven, verantwortungsbewussten Mitgestaltung der Gesellschaft im Sinne einer nachhaltigen Zukunftsentwicklung. Lernen bedeutet im Hinblick auf nachhaltige Entwicklung in konkreten Handlungsfeldern Fragen zu bearbeiten, wie sich die Zukunft nachhaltig gestalten lässt. Solches Lernen schließt genaues Beobachten, Analyse, Bewertung und Gestaltung einer konkreten Situation im Sinne von kreativen und kooperativen Prozessen ein. Gestaltungskompetenz ist ein Hauptziel des Lernens.

Die Fach- und Methodenkompetenzen (Hard Skills), die hierfür notwendig sind, umfassen u.a. die Fähigkeit zum vernetzten, vorausschauenden und kritischen Denken, aber auch die Fähigkeit zum interdisziplinären Arbeiten. Durch die Auseinandersetzung mit Fachthemen aus folgenden Bereichen sind diese Kompetenzen zu erwerben:

  • Ökologie: Resilienz, Biodiversität, Solare Orientierung, Energie und Klima, Erneuerbare Rohstoffe, Vermeidung von Schadstoff-Emissionen, Berücksichtigung des natürlichen Reaktionsvermögens, Effizienz und Suffizienz, Wissen um Kreislaufprinzipien, Umweltethik, Risikoprävention und Vorsorgeprinzip u.a.
  • Ökonomie: Umweltverträglichkeit des Wachstums, Langfristigkeit, Stabilität und Vorsorge, Verantwortung und Gemeinwohl, Liquidität, Stabilität und Rentabilität, Regionales Wirtschaften, ökologische und soziale Fairness in Finanz- und Handelspolitik, Verteilungsgerechtigkeit, Ökoeffizienz und Innovation, u.a.
  • Soziales: Gerechtigkeit, Menschenrechte, Politik und Global Governance, Partizipation, Mit- und Selbstbestimmung, soziale Beziehungen, Vielfalt und Toleranz, Lebensqualität und Gesundheit, Arbeit und ganzheitliche Bildung, u.a.
  • Kulturell: Partizipation/gesellschaftliche Teilhabe, Kultur kollektiver Kommunikations- und Entscheidungsprozesse. Gelebte Werte versus Werte einer nachhaltigen Entwicklung, Stellenwert der Ökonomie in Relation zu sozialen und ökologischen Zielen, Verteilungsgerechtigkeit, Zugang zu Know how, u.a.

Die Sozial- und Personalkompetenzen (Soft Skills) umfassen u.a. die Fähigkeit zur Partizipation und zur Zusammenarbeit in heterogenen Gruppen, die Fähigkeit zur Empathie, zum selbständigen Planen und Handeln, die Fähigkeit zur Reflexion von Leitbildern oder Zielkonflikten oder die Fähigkeit zur Integration neuer Perspektiven in das eigene Weltbild (vgl. Weltoffenheit). Vor allem das didaktische Vorgehen und das Lehrveranstaltungsformat sind bei der Entwicklung dieser Kompetenzen entscheidend.

 

Als weiterführende Information für PädagogInnenbildung  s.  Steiner, R. und Rauch, F. (2013): Grundsatzpapier zur Bildung für Nachhaltige Entwicklung in der PädagogInnenbildung Neu. Im Auftrag des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung, Wien.

Grundsatzpapier BNE in der PädagogInnenbil