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“Wir müssen den Blick auf die Chancen der SDGs werfen”

fischler

Interview mit Franz Fischler, Präsident des Europäischen Forums Alpbach, über die Möglichkeiten der UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs) und über den Beitrag der österreichischen Hochschulen zur Zielerreichung.

Was bedeuten die Sustainable Development Goals für Sie persönlich?

Fischler: Ich sehe zuallererst das riesige Potential, das in den SDGs steckt. Wenn die internationale Gemeinschaft ihre Beschlüsse von 2015 ernst nimmt, dann könnte es nicht nur gelingen, Armut, Hunger und manche Krankheiten Geschichte werden zu lassen, sondern es könnte auch gelingen, die Welt in ein neues Gleichgewicht zu bringen.

Wie kann dies gelingen?

Fischler: Das erfordert ein völliges Umdenken überall in der Welt. Wir müssen heraus aus den traditionellen Bubbles und in ein interdisziplinäres Systemdenken überwechseln. Das gilt nicht nur für die Wissenschaften, sondern ebenso für Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft. Die Lösung der anstehenden Probleme kann nur durch ein neues Zusammenwirken aller gesellschaftlich relevanten Kräfte gelingen und dazu braucht es ein neues breites Engagement.

Welche Chancen für Österreich bringen die SDGs aus Ihrer Sicht mit sich?

Fischler: Die Chancen für Österreich sind dann groß, wenn in unserem Land der vorher beschriebene Paradigmenwechsel möglichst frühzeitig gelingt. Diese Aufgabe kann nicht auf ein Ministerium abgeschoben, sondern muss zur „Chefsache“ erklärt werden.

Österreich bekennt sich zu den SDGs. Wie schätzen Sie den aktuellen Umsetzungsprozess in Österreich ein?

Fischler: Der aktuelle Umsetzungsprozess ist auf der politischen Ebene wie in den meisten Industriestaaten ungenügend. In der Wissenschaft gibt es hingegen einige vielversprechende und engagierte Initiativen.

Vielversprechende Initiativen erwähnten Sie früher bereits bei einer Veranstaltung des Wissenschaftsministeriums im Juni 2017 (hier). Dabei erläuterten Sie, dass die österreichischen Hochschulen essentielle Fähigkeiten und das Wissen besitzen würden, um bei der SDG-Zielerreichung in Österreich einen wesentlichen Beitrag leisten zu können. Heute, ein knappes Jahr später: Gibt es aus Ihrer Sicht positive Entwicklungen in diesem Kontext?

Fischler: Es gibt an fast allen österreichischen Universitäten konkrete Forschungsinitiativen zu den SDGs. Es sind völlig neue Curricula zum Thema entstanden und es gibt eine Intensivierung der internationalen Zusammenarbeit. Beispielhaft sind hier die Universität für Bodenkultur und ihre Initiative in der „Global Challenges University Alliance“, die Initiativen der Universität Innsbruck zum „Nachhaltigen Ressourcenmanagement“ oder die IIASA in Laxenburg.

Sie waren von 1989 bis 1994 österreichischer Landwirtschaftsminister sowie von 1995 bis 2004 Kommissar der Europäischen Union. Drehen wir die Zeit zurück: Inwiefern wäre ein weltumspannendes Projekt wie die SDGs vor 20 Jahren politisch denkbar gewesen? Wo liegen die Unterschiede zur heutigen Zeit?

Fischler: Weltumspannende Projekte hat es auch in dieser Zeit gegeben, aber nicht in der gesamthaften Sicht der SDGs. Neu ist auch die Intensität der Vernetzung, gerade unter den Wissenschaftlern und neu ist auch ein hohes Ausmaß an Engagement junger Menschen.

Gibt es zum Abschluss weitere Informationen, die Sie den Leserinnen und Lesern mitgeben möchten?

Fischler: Ich möchte alle Leserinnen und Leser einladen, zu bedenken, dass die Realisierung der SDGs nur in den Bereich des Möglichen gelangen kann, wenn es dieses neue breite Engagement in allen Gesellschaftsbereichen gibt. Wie es in der Präambel der 2030-Agenda heißt: „Diese Agenda ist ein Aktionsplan für die Völker, für den Planeten und für Prosperität“. Lasst uns unseren Blick auf die Chancen der SDGs werfen, dann wird deutlich, dass es sich lohnt, sich dafür zu engagieren.

 

Zur Person:

Dr. Franz Fischler ist Präsident des European Forum Alpbach. Er war österreichischer Bundesminister für Land- und Forstwirtschaft sowie EU-Kommissar für Landwirtschaft, Entwicklung des ländlichen Raumes und Fischerei. Bis 2011 war er Präsident des Ökosozialen Forums.

Franz Fischler_OS4S

Dr. Franz Fischler (Forum Alpbach)

Das OS4S-Interview führte Florian Leregger, Geschäftsführer des Instituts für Umwelt, Friede und Entwicklung (IUFE) für openscience4sustainability.