Back to list

Kipp-Punkt zwei Grad voraus

Die Erderwärmung soll zwei Grad Celsius nicht übersteigen, lautet das Ziel der internationalen Klimapolitik. Die Folgen einer Überschreitung sind ungewiss – und genau das ist das Problem.

Wenn es um die globale Erwärmung geht, kommt in aller Regelmäßigkeit ein Wert zur Sprache, der so etwas wie eine magische Grenze zu sein scheint: Zwei Grad Celsius. Bereits seit 1996 plädieren die Institutionen der EU dafür, dass die Erderwärmung zwei Grad Celsius nicht überschreiten solle. Bei der Klimakonferenz in Kopenhagen 2009 erfuhr das Zwei-Grad-Ziel erstmals auf Uno-Ebene eine Würdigung; bei der UN-Klimakonferenz in Cancún 2010 wurde die Nichtüberschreitung der Zwei-Grad-Marke zum offiziellen Ziel erklärt. Doch was steckt eigentlich hinter diesen magischen zwei Grad Celsius?

„Diese zwei Grad Celsius sind nicht irgendeine arbiträre Latte, auf die man sich in politischen Diskussionen geeinigt hat“, erklärt Helmut Haberl, Professor für Humanökologie an der Alpen-Adria Universität Klagenfurt, sondern „ein Wert, bei dem die Risiken, sogenannte Tipping Points anzustoßen, einfach massiv ansteigen.“ Als Tipping Point, zu Deutsch „Kipp-Punkt“, wird ein Wendepunkt bezeichnet, an dem eine Entwicklung plötzlich abbricht, die Richtung wechselt oder stark beschleunigt wird – wie etwa der Moment, an dem allgemeiner Unmut überraschend in eine Revolution umschlägt.

Im Falle von Klimamodellen sind Tipping Points jene Punkte, die in kurzer Zeit drastische Klimaveränderungen bewirken. „Das sind Punkte im Erdsystem, wo massive qualitative Systemumbrüche stattfinden“, erläutert Helmut Haberl, „also wo in natürlichen Systemen Kippeffekte eintreten“. Beispiel Amazonasgebiet: Der Großteil der Niederschläge im Amazonasbecken stammt aus dem verdunsteten Wasser des Waldes. Erderwärmung und Abholzung können dazu führen, dass der Boden zusehends austrocknet, was das Verschwinden des Regenwalds weiter beschleunigt – mit wiederum massiven Auswirkungen auf das Weltklima.

Vermutlich noch eine Spur anschaulicher werden Tipping Points am Beispiel des grönländischen Eispanzers: Sollte das Grönlandeis im Zuge der Erderwärmung komplett abschmelzen, würde nicht nur der Meeresspiegel um mehrere Meter ansteigen, sondern auch der kühlende Effekt des Eisschildes verloren gehen. Denn während Eis einfallendes Sonnenlicht stark zurückstrahlt, nehmen Wasser und Boden die Wärme größtenteils auf.

„Man hat in den letzten Jahren eine Reihe von diesen Kipp-Punkten im Erdsystem identifiziert“, so Helmut Haberl, der unter anderem als Lead-Autor beim Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) arbeitet. Manche dieser Tipping Points „haben ein sehr hohes Auswirkungspotenzial“.

Zwar räumt der Humanökologe ein, dass man bei vielen dieser Tipping Ponts nicht genau wisse, wo sie liegen, allerdings: „Das Risiko, einen oder mehrere dieser Kipp-Punkte anzustoßen, steigt einfach ganz massiv an, je mehr wir uns diesen zwei Grad nähern oder sie überschreiten.“ Was passieren würde, wenn wir dagegen nichts unternehmen? „Wir wissen es nicht genau, das ist ja das Beunruhigende.“