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Eingefahrene Gewohnheiten sind schwer zu ändern

Eingefahrene Gewohnheiten gehören zu den größten Feinden eines nachhaltigen Lebensstils. Mit den passenden Strategien lassen sich trotzdem Verhaltensänderungen erzielen.

Oberflächlich betrachtet sind die Themen nachhaltiger Konsum, Umweltbewusstsein und verantwortungsvolles Handeln bereits seit Jahrzehnten ein vieldiskutierter Dauerbrenner. Sieht man sich einmal um, fällt die Bilanz jedoch ernüchternd aus: Nach wie vor schlummern in den Haushalten unzählige Geräte im Standby-Modus vor sich hin, ohne damit einen erkennbaren Nutzen zu erzeugen. Immer noch werden die trivialsten Güter quer über den Globus geschippert und landen nach kürzester Zeit im Restmüll. Und anstelle von 3-Liter-Autos düsen riesige Geländewägen über die Autobahnen – und durch die Städte. Doch was hindert uns eigentlich daran, einen nachhaltigen Lebensstil zu pflegen?

„Es ist oft gar nicht so eine Frage des Angebots, sondern viel mehr eine Frage der Gewohnheiten“, erklärt  Anja Christanell, Geschäftsführerin des Österreichischen Instituts für Nachhaltige Entwicklung (ÖIN). „Wir machen gewisse Dinge so, wie wir sie immer gemacht haben.“

Wo es um eingefahrene Gewohnheiten geht, ruhen naturgemäß viele Hoffnungen auf der Jugend. Doch gänzlich unvoreingenommen seien auch Jugendliche nicht: „Es gibt noch nicht diese eingefahrenen Gewohnheiten, dennoch bewegen sie sich in einem bestimmten Umfeld – sei es, dass sie in der Schule von ihren MitschülerInnen geprägt sind oder von ihren Eltern.“ Hier gelte es genau hinzuschauen, erläutert Anja Christanell: Zwar tragen Jugendliche in ihren Haushalten für Haushaltsgeräte wie Waschmaschinen und Wäschetrockner zumeist keine Verantwortung, sehr wohl aber für Handys, PCs und den Stromverbrauch dieser Geräte.

Nachhaltige Entwicklung sollte daher auch ein Bildungsauftrag sein, fordert die Kultur- und Sozialanthropologin: „Das kann auch über Umwege passieren. Wir haben zum Beispiel im Sparkling Science-Projekt ‚MY LIFE – MY STYLE – MY FUTURE‘ nicht nur versucht, Jugendliche für das eigene Konsum- und Kommunikationsverhalten zu sensibilisieren, sondern sie vor allem auch ermutigt, sich ihre eigene Meinung zu bilden, zu hinterfragen, zu analysieren. Zum Beispiel haben sie in Rhetorik- oder Grafikdesign-Workshops gelernt, wie sie ihre Anliegen und ihre Sicht auf Entwicklungen in der Welt artikulieren oder kreativ ausdrücken können. Und da ist dieses Empowerment von Jugendlichen über eine ganz andere Ecke gegangen, über das Fördern von Selbstbewusstsein, über das Zugestehen, dass sie in der Gesellschaft auch etwas zu sagen haben.“ Dieser Ansatz habe etwas in Schwung gebracht, „was man nur mit moralischen Appellen an das ökologische oder soziale Gewissen nicht erreicht hätte.“

Eine Schlüsselrolle spielen dabei sogenannte „Motivallianzen“, betont Anja Christanell: „Wenn man an nachhaltigen Konsum denkt und Veränderungen anstiften will, ist es sehr wichtig, dass man nicht nur mit dem Klimaschutz-Argument, mit ökologischen oder sozialen Argumenten kommt, weil diese nur für einen Teil der Gesellschaft prioritär sind.“ Nachhaltiger Konsum müsse auch an andere Motive wie Status oder Gesundheit anschließen können, um attraktiv zu sein, denn: „Der eigene Nutzen steht eben oft über dem allgemeinen Nutzen der Gesellschaft.“

Teilweise ist das bereits gelungen. „Im Bereich Ernährung haben zum Beispiel Biolebensmittel schon breitere KäuferInnenschichten erreicht“, so Christanell. „Aber andere Konsumgüter, wie zum Beispiel Kleider aus fairer und umweltschonender Produktion, sprechen noch immer nur gewisse Zielgruppen an.“

Das hat zum Teil einen einfachen Grund: Nachhaltige Güter bewegen sich zumeist im oberen Preissegment. „Da stellt sich dann auch die Frage: Für wen ist nachhaltiger Konsum überhaupt leistbar?“ Hier sieht die ÖIN-Geschäftsführerin auch die Politik in der Pflicht: „Ich finde, die Politik hat die Aufgabe Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Konsum von nachhaltigen Gütern für die gesamte Gesellschaft erleichtern.“

Anja Christanells Appell: „Man sollte nicht immer nur auf die Macht der KonsumentInnen hoffen, sondern es braucht auch politische Regulierungen.“