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„Jeder MUSS ausreichend Chancen auf Bildung erhalten“

5 Fragen an Filippina Risopoulos-Pichler, akademische Koordinatorin am Institut für Geographie und Raumforschung an der Karl-Franzens-Universität Graz.

Wie sind Sie zu Ihrem Forschungsgebiet gekommen?

Seit meiner Kindheit interessiere ich mich dafür, missliche Situationen für mich und andere zu verbessern oder zumindest erträglicher zu machen. Frei nach Karl Popper ist wohl „… alles Leben Problemlösen“. Von 2002–2004 arbeitete ich im Rahmen eines kooperativen Forschungsprojektes zwischen der ETH-Zürich und der Karl-Franzens-Universität Graz in der nachhaltigen Regionalentwicklung in meiner Heimatregion Vordernberg/Eisenerz mit dem Ziel, regionale EntscheidungsträgerInnen zu begleiten und Problemlösungen zu aktivieren. Ab 2005 hat mir Univ.-Prof. Dr. Friedrich M. Zimmermann die Möglichkeit gegeben, in internationalen Forschungsprojekten am Thema „Nachhaltige Entwicklung“ zu arbeiten. Mit dem Abschluss meines Doktorats 2005 und der Anstellung am Institut für Geographie und Raumforschung an der Universität Graz 2007 kann ich meine Forschungsinteressen intensivieren und weiterführen.

Was kann jede/r Einzelne zur Nachhaltigkeit beitragen?
Jeder Beitrag zur Nachhaltigkeit basiert auf einem ganz persönlichen Wertesystem. Wenn also Eltern ihren Kindern nachhaltigkeitsbezogene Werte vorleben, und dadurch junge Menschen in diesem Kontext sozialisieren, findet jede/r einzelne eine Beitragsmöglichkeit. In unserer komplexen, pluralen Welt lebt jede/r von uns in mehreren unterschiedlichen Identitäten und so können wir als mündige, kritisch und konstruktiv denkende Menschen von alltäglichem Verhalten z.B. als KonsumentInnen bis hin zu bahnbrechenden Erfindungen als ForscherInnen unseren Beitrag leisten. In einer meiner Identitäten, beispielsweise als Lektorin an der Universität, hoffe ich, durch meine Lehre einen positiven Beitrag für jüngere Generationen zu leisten.

Welche Herausforderungen stehenauf globaler Ebene an? Was müsste getan werden, um eine nachhaltige Entwicklung zu erreichen?
Es wäre äußerst wichtig, eine Welt anzustreben, in der in erster Linie niemand mehr verhungern oder verdursten muss, niemand mehr aus politischen, religiösen oder menschenrechtlich unzulänglichen Gründen verfolgt, gemartert und getötet wird. Jeder MUSS ausreichend Chancen auf Bildung erhalten, um genau die Fähigkeiten und Kompetenzen entwickeln zu können, die für eine kritische und dennoch konstruktive Auseinandersetzung mit sich selbst und anderen, der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft, relevant ist. Vielleicht können auf diese Weise auch viele andere nicht minder wichtige Ziele tendenziell besser und schneller erreicht werden.

Trotz aller Bemühungen ist der Ressourcenverbrauch höher als je zuvor. Woran liegt das?
Mangelnde Werte/Bildung, mangelnde politische Bestrebungen und Beschlüsse auf globaler Ebene, kulturell geprägte Missstände und Neidgesellschaft sowie letztlich die zu kurze Dauer eines Menschenlebens, um das Gesamtsystem „Mensch und seine nachhaltige Entwicklung auf diesem Planeten“ sinnvoll zu erfassen.

Wenn Sie die Chance hätten, ein einziges Statement oder einen Aspekt Ihrer Arbeit in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken – wie würde es lauten?
Ein wichtiger Aspekt meiner Arbeit ist die soziale Nachhaltigkeit. Hierbei geht es um Werte und Wertebildung und um umsichtiges systemisch relevantes Verhalten. Wir gehen meist von unserer subjektiven Wirklichkeit und Wahrheit aus und berücksichtigen die der anderen zu wenig. Die Freiheit, in der wir oft vermeintlich nachhaltig handeln, endet jedoch dort, wo die Freiheit eines anderen beginnt. Alle unsere nachhaltigen Bemühungen sollten wir dahingehend ausrichten, uns diejenigen Kompetenzen anzueignen, die uns unterschiedliche komplexe Systeme besser verstehen, begreifen und behandelnlassen; das halte ich für nachhaltig relevant.