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Bildung für nachhaltige Entwicklung basiert auf Wissen und Haltung

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Teil 1: OS4S-Interview mit Ute Stoltenberg, Seniorprofessorin für Nachhaltigkeitsforschung an der Leuphana Universität Lüneburg, über Werte, Wissen und Kompetenzen im Bildungskonzept für nachhaltige Entwicklung.

Sie sind Professorin für Nachhaltigkeitsforschung. Sie sind Expertin für Bildung für eine nachhaltige Entwicklung. Was können wir uns darunter vorstellen?

Stoltenberg: Bildung für eine nachhaltige Entwicklung ist ein Bildungskonzept. Damit ist also nicht gemeint, dass Nachhaltigkeit ein zusätzliches Thema in der Bildung ist. Vielmehr ist Bildung für eine nachhaltige Entwicklung ein ganzheitliches und wissenschaftlich fundiertes Konzept für den formalen und non-formalen Bildungsbereich. Das Konzept adressiert Bildungsmaßnahmen, Institutionen und das Bildungssystem, um entsprechend eines bestimmten Verständnisses zu agieren. Bildung für eine nachhaltige Entwicklung ist für alle Menschen gedacht, nicht nur für Kinder und Jugendliche in Schulen, Hochschulen, Vereinen, sondern auch für Erwachsene, sei es in ihren beruflichen Feldern, in kommunaler Verantwortung oder in ihren Lebenswelten. Alle sind schließlich an der Gegenwarts- und Zukunftsgestaltung beteiligt.

Sie sprechen ein bestimmtes Verständnis an. Welches liegt Bildung für nachhaltige Entwicklung zugrunde?

Stoltenberg: Grundlegend für eine nachhaltige Entwicklung ist ein Wertesystem, ausgehend von der Diskussion über Menschenrechte und humane Entwicklungsbedingungen. Wir können heute nicht mehr davon ausgehen, dass die alleinige Orientierung an der Menschenwürde grundlegend für ein Bildungskonzept ist. Vielmehr müssen wir stets die Zusammenhänge mit den natürlichen Lebensgrundlagen betrachten. Der Erhalt von Leben, als Voraussetzung für Menschenwürde, dient dabei als Orientierung. In diesem Wertesystem sind soziale und ökologische Gerechtigkeit sowie der Zugang zu natürlichen Lebensgrundlagen und Lebensmöglichkeiten von zentraler Bedeutung.

Auf welchen Ideen basiert das Bildungskonzept?

Stoltenberg: Neben dem angesprochenen Wertesystem setzt Bildung für eine nachhaltige Entwicklung ein bestimmtes Nachhaltigkeitsverständnis voraus. Die Zielsetzung einer nachhaltigen Entwicklung bedeutet, dass wir so mit unseren Lebensgrundlagen und mit der Gestaltung unseres sozialen Zusammenlebens umgehen, dass langfristig ein gutes Leben für Menschen auf dieser Erde möglich ist. Das gilt für die Kommunen auf lokaler Ebene, bis hin zur Weltgesellschaft. Wir wissen, dass wir eine solche nachhaltige Entwicklung anstreben müssen. Wir haben Belege dafür, dass Veränderung notwendig ist. Nachhaltigkeit ist ein langfristiges Ziel. Nachhaltige Entwicklung ist die Aufgabe, um dieses Ziel zu erreichen. Bildung ist Teil dieser Aufgabe, also ein Teil dieses Entwicklungsprozesses. Bildung für eine nachhaltige Entwicklung ist die Ermöglichung, sich an diesem Prozess zu beteiligen.

Was bedeutet das konkret?

Das bedeutet, man muss Zugänge zu Wissen, Kompetenzen und Haltungen bereitstellen, die Menschen befähigen, sich an dem Entwicklungsprozess zu beteiligen. Es geht also nicht darum, bestehenden kulturellen Bestand zu vermitteln, so wie das heute noch vielfach der Fall ist. Vielmehr geht es darum, Wissen zu ermöglichen, welches uns hilft, diesen Entwicklungsprozess zu verstehen und die Gegenwart aus unterschiedlichen Perspektiven wahrzunehmen. Entsprechend kann Bildung für eine nachhaltige Entwicklung nicht der Logik des herkömmlichen Bildungssystems folgen, bei dem die individuelle Leistungsorientierung und das Konkurrenzprinzip in der Aneignung nicht hinterfragbaren kulturellen Wissens im Mittelpunkt stehen.

Was macht dieses Bildungskonzept einzigartig und warum ist es heute notwendiger, denn je?

Stoltenberg: Es braucht ein Um- und Neudenken in vielen Bereichen. Ohne dieses können wir die notwendigen Veränderungen im Verhältnis zwischen Mensch und Natur gar nicht erreichen. Bildung für eine nachhaltige Entwicklung gibt Antworten auf die Fragen, welches Wissen, welche Kompetenzen, welche Haltung und welche Sichtweisen wir brauchen, um uns an der Gestaltung des eigenen Lebens gemeinsam mit anderen für eine nachhaltige Entwicklung beteiligen zu können. Bildung für eine nachhaltige Entwicklung basiert auf dem gerade skizzierten Verständnis. Hinzu kommt, dass wir dieses Bildungskonzept in globaler Perspektive diskutieren. Bildung für eine nachhaltige Entwicklung ist die Reaktion auf den globalen Wandel und internationale Herausforderungen, die uns alle auf der einen Erde betreffen. Nachhaltige Entwicklung ist letztlich eine globale Aufgabe mit regionalen und lokalen Beiträgen. Erfreulicherweise gibt es einen breiten Diskussionsprozess zwischen den einzelnen Ländern, Kulturen, Nationen und Kontinenten darüber.

Wie sieht dieser Diskussionsprozess aus?

Stoltenberg: Die UN-Bildungsdekade für nachhaltige Entwicklung 2005-2014 hat maßgeblich dazu beigetragen, dass wir heute eine Plattform für die internationale Diskussion, für den Wissens- und Erfahrungsaustausch haben. Heute wird es als essentiell betrachtet, global zu handeln, um Aufgaben gemeinsam zu meistern und ein gutes Leben auf der Erde für alle Menschen zu ermöglichen. Bildung für eine nachhaltige Entwicklung wurde ja nicht am Schreibtisch von ein paar wenigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern konzipiert. Die Konzeptentwicklung ist vielmehr eine Reaktion auf wissenschaftliche Befunde und öffentliche Diskussionen zum aktuellen Zustand unserer Welt. Es geht darum zu lernen, die notwendigen Veränderungen zu ermöglichen.

Auf welche aktuellen Herausforderungen reagiert das Bildungskonzept?

Stoltenberg: Ich spreche von vier Dimensionen einer nachhaltigen Entwicklung. Die Herausforderungen betreffen sowohl ökologische Fragen, als auch soziale, kulturelle und ökonomische Fragen. In diesen vier Dimensionen kann man zentrale globale Veränderungsprozesse ebenso wie notwendige Handlungsnotwendigkeiten verorten. Mit diesem Modell lassen sich auch unterschiedliche Interessen und Konflikte erkennen, die Aushandlungsprozesse und Risikoabschätzungen, orientiert an den Werten einer nachhaltigen Entwicklung, notwendig machen. Bildung für eine nachhaltige Entwicklung ermöglicht diese Denkweise. Und sie ermöglicht die Auseinandersetzung mit den konkreten Problemen globalen Wandels wie etwa Armut, Hunger, Artensterben und Klimawandel. Die Sustainable Development Goals zeigen jetzt, dass diese Probleme mit ihren Einflussfaktoren in der Weltgesellschaft zunehmend auch wahrgenommen werden.

Was können wir daraus ableiten?

Stoltenberg: Daraus leiten sich Fragen ab, zum Beispiel: Wie gestaltet man Bildungsprozesse? Wie ermöglichen wir Wissen? Es kann ja nicht darum gehen, fragmentiertes Wissen zu einzelnen SDGs zu vermitteln, sondern komplexes Wissen zu ermöglichen, bei denen Bezüge und Zusammenhänge aufgezeigt werden. Wichtig dabei ist, sich die Relationen, also Beziehungen, zwischen Menschen untereinander, zwischen Mensch und Natur und generell in der Natur, in Lebensbeziehungen bewusst zu machen. Kurz zusammengefasst: Systemisches Denken zu ermöglichen. Relationen wahrzunehmen bedeutet aber auch, dass sich jede und jeder von uns selbst in Beziehung zur natürlichen Umwelt setzt und seine ökologischen Auswirkungen überdenken muss. Das ist eine Herausforderung. Auch  in der Arbeit mit dem Konzept Bildung für eine nachhaltige Entwicklung.

Welche Elemente machen das Bildungskonzept Ihrer Meinung nach aus?

Stoltenberg: Zum einen geht es um neue Bildungsinhalte beziehungsweise neue Perspektiven auf Bildungsinhalte im Sinne nachhaltiger Entwicklung. Zugleich geht es um Arbeitsweisen und eine Organisation von Bildungsprozessen, die ermöglichen, dieses Wissen aufzunehmen und dabei auch zu verstehen, wie man es im Sinne nachhaltiger Entwicklung bewerten, nutzen und gegebenfalls hinterfragen kann. Es kann ja nicht das Ziel sein, ohne Kontexte reines Sachwissen zu vermitteln, was in voneinander abgeschotteten Fächern in den Schulen oder Disziplinen an den Hochschulen immer noch geschieht.

Inwiefern ist das zu verstehen?

Stoltenberg: Bildung für eine nachhaltige Entwicklung geht von komplexen Aufgaben und realen Fragestellungen bzw. beobachtbaren Phänomenen aus. Dazu muss man das Wissen aus unterschiedlichen Disziplinen nutzen. Wenn sich Menschen mit komplexen Fragen und Herausforderungen, von denen sie selbst betroffen sind, beschäftigen, ist klar, dass man dazu Wissen braucht und sich aneignen muss. Man ist dabei neugierig und überschreitet Grenzen hinsichtlich des unmittelbar für den Moment benötigten Wissens. Das ist Problem-orientiertes Lernen, verbunden mit Erfahrungs- und Gestaltungsmöglichkeiten. Wenn Wissen zu gemeinsamem Handeln und zu Veränderung beitragen soll, dann müssen in den Bildungsprozess auch Erfahrungen mit Gestaltungsmöglichkeiten einer nachhaltigen Entwicklung einbezogen werden. Das geht über partizipative, kooperative und selbstorganisierte Bildungsprozesse. Und das geht besonders gut, wenn die Bildungseinrichtung und das gesellschaftliche Umfeld selbst als Lern- und Gestaltungsort für eine nachhaltige Entwicklung wirksam werden können. Dafür sind die strukturellen und räumlichen Voraussetzungen zu schaffen.

Welche Inhalte bzw. welches Wissen sind im Konzept Bildung für eine nachhaltige Entwicklung von zentraler Bedeutung?

Stoltenberg: Nun, auf die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit zentralen Themenfeldern von Gegenwarts- und Zukunftsgestaltung unter Einbeziehung ökologischer, ökonomischer, sozialer und kultureller Fragen habe ich schon hingewiesen. Aber es geht auch um naturwissenschaftliches und technologisches Wissen, das zur Gestaltung einer nachhaltigen Entwicklung befähigt. Ebenso zählt geschichtliches und kulturelles Wissen dazu, um Bezüge zwischen aktuellen Entwicklungen und der Vergangenheit herstellen und realistische Bewertungsmaßstäbe für heutige Situationen entwickeln zu können. Zudem gehört politisches Wissen dazu, um zu erfahren, wie wir Menschen auf den unterschiedlichsten Ebenen mitgestalten und partizipieren können. Nicht zu vergessen ist dabei die Sprache als Zugang zur Welt und die Kunst als kreative Ausdrucks- und Kommunikationsform.

Welche Kompetenzen nehmen im Bildungskonzept einen hohen Stellenwert ein?

Stoltenberg: Neben den bereits genannten Kompetenzen, wie etwa systemisches Denken, Kooperation, Selbstorganisation, in Alternativen denken oder im Sinne nachhaltiger Entwicklung bewerten und abwägen können, nenne ich gerne noch eine Kompetenz: globales Denken. Die Entwicklung des Bewusstseins für Weltbürgerschaft und für globale Phänomene und Zusammenhänge ist unabdingbar für Gegenwarts- und Zukunftsgestaltung. Und wir brauchen so etwas wie Neugierde nach Wissen und Veränderung und Ermutigung dafür. Daher müssen Bildungsprozesse auch so gestaltet sein, dass sie diese Neugierde zu lernen und die Bereitschaft gesellschaftlich mitzuwirken stimulieren. Das geht am besten, wenn man die Menschen ernst nimmt, auf ihre Sichtweisen und Fragen eingeht und sie beteiligt. Und das gilt nicht nur für Kinder.

In Teil 2 des Interviews mit Ute Stoltenberg spricht die Nachhaltigkeitswissenschaftlerin über Zusammenhänge mit der Regionalentwicklung, Kooperation, Good-Practice-Beispiele im Sinne des ganzheitlichen Bildungskonzepts, sowie über die Sustainable Development Goals und ihre Bedeutung für Bildungsprozesse.

 

Zur Person: Frau Dr. Ute Stoltenberg war Universitätsprofessorin an der Leuphana Universität Lüneburg (D) und seit 2014 Inhaberin der Seniorprofessur für Nachhaltigkeitswissenschaft. Zu ihren Lehr- und Forschungsschwerpunkten zählt das Bildungskonzept für eine nachhaltige Entwicklung für den Elementar- und Primarbereich, LehrerInnenbildung, soziale Berufe, Hochschulen sowie außerschulische Bildung. Neben zahlreichen beruflichen Stationen und ehrenamtlichen Aufgaben in Wissenschaft und Forschung ist die gebürtige Deutsche aktuell Vorsitzende des Advisory Boards für die österreichische Forschungsinitiative „Earth System Sciences“ auf Einladung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und des österreichischen Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung (BMBWF).

Das OS4S-Interview (Teil1) führte Florian Leregger, Geschäftsführer des Instituts für Umwelt, Friede und Entwicklung (IUFE), für openscience4sustainability.