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„In der mangelnden Umsetzung liegt das große Versäumnis“

5 Fragen an Petra C. Gruber

5 Fragen an Petra C. Braun, Vorständin des Interdisziplinären Forschungsinstituts für Entwicklungszusammenarbeit der Johannes Kepler Universität (IEZ).

Wie sind Sie zu Ihrem Forschungsgebiet gekommen?
Bewegt von den Bildern, die damals durch die Medien gingen, habe ich während meines Studiums der Sozialwirtschaft 1992 eine Seminararbeit über den Erdgipfel in Rio geschrieben und dabei wurde mir klar, dass ich das Themen- und Handlungsfeld Nachhaltiger Entwicklungen beforschen und auch mein zivilgesellschaftliches Engagement deren Umsetzung widmen möchte. Die normative Herangehensweise basiert auf der vorangegangenen Beschäftigung mit den Ursachen der Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen, von Armut und Verelendungsprozessen sowie damit verbundenen Gerechtigkeitsfragen.

Die Fokussierung auf Hungerbekämpfung, Ernährungssicherung/-souveränität und nachhaltige Landwirtschaft ergab sich aufgrund der als gesellschaftlich besonders relevant erscheinenden Transformationsprozesse unserer Agrar- und Ernährungssysteme hin zu Nachhaltigkeit sowie der persönlichen Leidenschaft für Lebensmittel.

Was kann jede/r Einzelne zur Nachhaltigkeit beitragen?
Unsere Ernährung kann beispielsweise als genussvoller Einstieg in einen nachhaltigeren Lebensstil dienen. Konkret bedeutet das, möglichst biologische, saisonale, regionale und/bzw. fair gehandelte, vorwiegend pflanzliche, nicht bzw. gering verarbeitete und verpackte Lebensmittel genussvoll und möglichst in Gemeinschaft genießen. Die Slowfood-Bewegung übersetzt Nachhaltigkeit mit gut, sauber und fair. Dahinter stecken folgende Fragen: wo wurde das Lebensmittel von wem, unter welchen Bedingungen und unter wessen Kontrolle produziert, ggf. verarbeitet, transportiert und vermarktet.

Schritt für Schritt kann nachhaltigkeitsorientiertes Handels sukzessive auf die Bereiche der Kleidung, diverse Gebrauchsgüter, des Wohnens, der Freizeit und Mobilität ausgeweitet werden. Hilfreich ist dabei, zu hinterfragen, was einem selbst wirklich wichtig ist und ein gutes, gelungenes Leben ausmacht.

Darüber hinaus ist unser politisches Engagement gefordert: Die Politik (z.B. Bildungs-, Gesundheits-, Umwelt-, Land/wirtschafts-, Außenpolitik) darf nicht aus der Verantwortung entlassen werden, entsprechend förderliche Rahmenbedingungen für nachhaltiges Wirtschaften und die Herausbildung nachhaltigkeitsorientierter Werte und Einstellungen, Kompetenzen und konkreter Verhaltensweisen zu setzen. Auch die gesellschaftlichen Verbände und die Medien spielen dabei eine wichtige Rolle.

Welche Herausforderungen stehenauf globaler Ebene an? Was müsste getan werden, um eine nachhaltige Entwicklung zu erreichen?
Soziale Disparitäten, Armut und Hunger, gefährliche Abfälle, Klimaveränderung, Verlust der biologischen Vielfalt, fruchtbarer Böden, Wälder, Meeresverschmutzung, Wasserknappheit, Nutzungs- und Verteilungskonflikte – die Herausforderungen sind nicht neu und die internationale Staatengemeinschaft hat sich bereits bei der ersten UN-Umweltkonferenz 1972 zur grenzüber-schreitenden Zusammenarbeit bekannt, in der Folge zahlreiche Abkommen verabschiedet und immer wieder auf den dringenden Handlungsbedarf verwiesen. In der mangelnden Umsetzung liegt das große Versäumnis.

Allerdings gibt es keine einfache Patentlösung und es ist nicht nur der politische Wille, der fehlt. Gerade bei der UN-Konferenz Rio+20 zeigt sich wieder, wie komplex die Thematik und die Herausforderungen sind, die kaum mehr vermittelbar, geschweige denn steuerbar erscheinen, zumal unterschiedliche Interessen aneinander prallen und bestehende Machtungleichgewichte sachorientiertes Verhandeln und das Setzen gemeinsamer, konkreter und verbindlicher Ziele und Zeithorizonte erschweren.

Ein großes Hemmnis für nachhaltige Entwicklungen sehe ich auch im noch vorherrschenden mechanistischen und ökonomistischen Weltbild (Stichwort Machbarbeitsmythos, Technologie-optimismus und Wirtschaftswachstumsdogma). Die Reflexion der gesellschaftlichen Naturverhältnisse, adäquate Bildung, Beratung und Forschung, eine Ermächtigung und Beteiligung der Menschen, der respektvolle Austausch von Wissen, Erkenntnissen und Erfahrungen auf gleicher Augenhöhe sowie eine verantwortungsvolle Regierungsführung, institutionelle Kapazitäten und ein gestärktes, politisches Handlungsvermögen und nicht zuletzt eine neue, den Menschenrechten und der Mitwelt verpflichtete, faire Handelsarchitektur wären jedenfalls wichtige Ansatzpunkte.

Trotz aller Bemühungen ist der Ressourcenverbrauch höher als je zuvor. Woran liegt das?
Die häufig im Zentrum stehenden Effizienzstrategien greifen jedenfalls zu kurz. Ich kann nur bedingt ernsthafte Bemühungen ausmachen, die Ursachen anzupacken und unsere ressourcenverschwen-derische Produktions- und Lebensweise zu transformieren und nicht zuletzt die Art, wie wir denken, unser Menschen- und Weltbild (s.o.) zu hinterfragen. Die asymmetrischen Machtverhältnisse und Verflechtungen zwischen Interessengruppen und Politik spielen freilich auch eine wesentliche Rolle beim Verharren im Status Quo. Dennoch gibt es weltweit unzählige Initiativen, die längst alternative, selbstbestimmte, solidarische und ressourcenleichte Lebens- und Wirtschaftsweisen erfolgreich erproben.

Wenn Sie die Chance hätten, ein einziges Statement oder in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken – wie würde es lauten?
„Authentisch, einfach gut leben können, statt fremdbestimmt gelebt werden und viel haben müssen“.