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„Die Zahl der heißen Tage hat zugenommen“

Seit 1975 arbeitet Ingeborg Auer im Bereich Klimaforschung an der ZAMG. Im Interview spricht sie über die Auswirkungen des Klimawandels in Österreich und „nicht wirklich zielführende“ Vereinfachungen bei der Wissenschaftsvermittlung.

Frau Dr. Auer, Sie arbeiten seit 1975 im Bereich Klimaforschung an der Hohen Warte. Wie sind Sie zu Ihrem Forschungsgebiet gekommen?

Auer: Studium? (lacht)

Und was war die Idee dahinter?

Auer: Eigentlich wurde die Idee, Meteorologie zu studieren, durch Zeitschriften ausgelöst, die ich schon in der Mittelschule gelesen habe. Dass ich zur Klimatologie gekommen bin, ist eigentlich eher durch Zufall bedingt. Als ich zur ZAMG kam, sagte der damalige Vizedirektor: Wo stecken wir sie rein? Na stecken wir sie in die Klimaabteilung! Der Weg hätte also ganz anders verlaufen können.

Sind sie glücklich mit dem Weg, den Sie eingeschlagen haben?

Auer: Im Nachhinein ja. Damals war ich eher unglücklich, weil ich mir unter Klimatologie verstaubte Archive und verstaubte Menschen vorgestellt habe. Dass sich dann sehr viel getan hat und sich die Forschung jetzt sehr stark auf die Klimaänderung konzentriert, ist natürlich ein netter Nebeneffekt.

Die Klimaänderung steht bereits seit Jahrzehnten im Mittelpunkt. Was merkt man denn konkret vom Klimawandel in Österreich?

Auer: Es gibt einmal die Dinge, die Sie in der Natur beobachten können. Das sind zum Beispiel Gletscher. Bei Gletschern können Sie die Änderungen von Jahr zu Jahr sehen. Sie können auch die Folgen des auftauenden Permafrosts sehen. Sie sehen es natürlich auch in den instrumentellen Daten. Manche unserer Zeitreihen gehen in Österreich bis ins 18. Jahrhundert zurück, und da sehen Sie schon einen starken Temperaturanstieg seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Das sind so die Dinge, die Sie merken, je nachdem, wer Sie sind. Sie werden sich wahrscheinlich weniger mit den Zahlen herumspielen, aber trotzdem haben Sie die Möglichkeit, das zu sehen. Mit der Erwärmung gemeinsam gibt es natürlich auch Phänomene, die damit verbunden sind, zum Beispiel der Anstieg von heißen Tagen. Das ist aber bereits schwieriger, weil die Ereignisse sehr selten sind. Und wenn Ereignisse sehr selten sind, ist es sehr schwer für den Menschen, das wirklich richtig wahrzunehmen. Es sagt zwar jeder: Ja, es ist heiß – aber er weiß ja nicht genau, wie viele heiße Tage es früher gab. Um es zu quantifizieren, brauchen Sie eben die Daten.

Um es konkret zu machen: Ist das Wetter laut Ihren Daten extremer geworden?

Auer: Laut unseren Daten ist das Wetter generell nicht extremer geworden. Aber die Zahl der heißen Tage hat zugenommen. Auch warme Nächte haben zugenommen. Das ist stärker geworden, gehört zum Klimawandel und dafür gibt es Belege. Andere Dinge, speziell wenn sie den Niederschlag betreffen, sind nicht so belegt, da geht es auch in verschiedene Richtungen, wo die Häufigkeit von stärkeren Regenfällen zugenommen hat. Es gibt Regionen, da ist das nicht passiert. Im Süden von Österreich haben wir verlängerte Trockenperioden, das gilt aber auch nicht für ganz Österreich. Also es ist sehr diffizil. Den eindeutigen Schluss „Temperaturerhöhung ist gleichbedeutend mit” kann man nicht so direkt ziehen. In der Wüste zum Beispiel – wo es bekanntlich sehr heiß ist – gibt es kaum einen Niederschlag. Das ist nicht unbedingt mit häufigeren Extremereignissen verbunden. Es ist eben komplizierter und es spielt immer die aktuelle Zirkulation, die Verteilung von Hoch- und Tiefdruckgebieten, die größte Rolle.

Wenn es bei uns mehr heiße Tage gibt, heißt das im Umkehrschluss, dass es auch weniger kalte Tage gibt?

Auer: Ja, es gibt weniger kalte Tage auch hier. Das bedeutet eine Heizkostenersparnis – was für einige Menschen doch sehr positiv ist. Für andere kommt dann der Effekt der Kühlung hinzu. Es wird schon eine Umverteilung stattfinden. Andererseits stellt sich auch die Frage: Hat jeder Anspruch auf ein gleichbleibendes Klima? Das wissen wir nicht.

Sie haben 2010 bei einem Vortrag in der Steiermark gesagt, dass die Klimawissenschaft gefordert ist, bei Studien hohe Sorgfaltspflicht walten zu lassen. Haben Sie den Eindruck, dass in den Medien unseriös damit umgegangen wird – oder gar von der Wissenschaft selbst?

Auer: Naja, ich habe den Eindruck, dass es sehr schwierig ist, Wissenschaft zu vermitteln. Vereinfachungen sind oft nicht wirklich zielführend. Das ist so mein Eindruck. Bei Aussagen wie „Extremereignisse haben sich gehäuft“ muss man ein bisschen differenzieren. Welche sind es, wo ist es, ist es überall – das ist eigentlich das, was ich vorhin gemeint habe.

Es gibt Tourismusgebiete in Österreich, die sich auf den Klimawandel vorzubereiten versuchen. Können Sie da bereits einen Trend vorhersagen bzw. ist es überhaupt sinnvoll, dass solche Gebiete nach touristischen Alternativen suchen?

Auer: Mich wundert es ein bisschen, weil ich immer so das Gefühl habe, dass sie doch eher kurzfristig auf die letzten Jahre reagieren. Bei einem sehr schneereichen Winter hat man das Gefühl: Ja, jetzt wird der Skitourismus aufgebaut. Deshalb wundert es mich, dass sie sich dann auf Dinge vorbereiten, die 2050 passieren sollen. Natürlich ist es sinnvoll, sich mit der Zukunft auseinanderzusetzen. Gletscher und Temperatur, da besteht ein eindeutiger Zusammenhang. Die Temperatur ist ja etwas, das wir relativ gut modellieren können für die Zukunft – und eigentlich zeigen alle Modelle eine Erwärmung. Also insofern macht es schon Sinn, speziell von der wissenschaftlichen Seite her. Ob es von der praktischen Seite her einen Sinn macht, kann ich weniger beurteilen, weil Schnee eigentlich erzeugt wird, so wie ich das sehe. Und zwar in tiefen Skigebieten wie auch auf Gletscherskigebieten, auch dort macht man Schnee. Dass man dann, wenn der Schnee im Sommer nicht mehr vorhanden ist, auf den Gletschern Schnee aufbringt, ist eine nicht wirklich unsinnige Maßnahme, weil sich dadurch die Wärmebilanz des Gletschers ändert und ein Abschmelzen hintangehalten wird.

Wie stark ist der Gletscherrückgang in Österreich?

Auer: Es gehen alle Gletscher zurück. Der letzte kleinere Vorstoß war in den 1980er Jahren, aber seitdem gehen sie alle zurück. Kleine Gletscher sind natürlich stärker betroffen als große, ich selbst habe schon in meinem Leben zuschauen müssen, wie sich der Alteck-Gletscher, ein Teil des Mölltaler Skigebiets, verabschiedet hat. Es gibt noch Reste, aber er ist kein lebender Gletscher mehr.

Betrifft Sie das auch emotional?

Auer: Nein, eigentlich nicht. Es ist halt so. Ich denke mir immer, es bringt nicht sehr viel, man muss das Beste daraus machen.

Was wäre das Beste?

Auer: Also einerseits kann man diese Gletscher sehr gut dazu verwenden, über den Klimawandel zu informieren. Es gibt auch unseren Gletscherlehrpfad im Sonnblickgebiet. Da kann man die Konsequenzen zeigen und auch in die Geschichte gehen, schauen, wo war der Gletscher früher, man kann da also sehr viel verpacken. Es wird sich natürlich jetzt nicht jeder verstorbene Gletscher dafür eignen. Man kann dort schon auch Beobachtungen für die Wissenschaft machen. Wie lange dauert es, bis sich die ersten Blütenpflanzen bilden? Es ist natürlich Geschmackssache, ob man die Geröllhalden schön findet, die zurückbleiben, aber ich glaube nicht, dass wir es aufhalten können.

Was sollte man Ihrer Meinung nach für Maßnahmen setzen, um die magischen zwei Grad Erwärmung nicht zu überschreiten?

Auer: Naja, ich glaube wir leben jetzt in einer Phase, wo es ohne Anpassung nicht geht. Ich glaube, der Weg muss schon Vermeidung gemeinsam mit Anpassung heißen. Wobei das ein sehr langfristiger Prozess ist und das nicht heißt, dass es morgen keinen Klimawandel mehr gibt, wenn ich ab heute kein Co2 mehr verbrauche. Einerseits kann natürlich jeder Einzelne was dafür tun, andererseits ist es aber so, dass, wenn man das in der großen Masse macht – sprich: ich schaffe Autos ab –, man sich schon überlegen muss: Welche wirtschaftlichen Konsequenzen hat das? Wie viele Arbeitsplätze sind hier? Was mache ich mit den Leuten? Ich glaube, es ist für die Politik sehr schwer, solche Entscheidungen zu treffen bzw. kostengünstige Alternativen anzubieten.

Das heißt, Sie haben Verständnis für die Politik im Allgemeinen?

Auer: Ich glaube, es ist nicht sehr einfach zu sagen, ich setze jetzt diese Maßnahme. Die AUA war gefährdet – was hat man gemacht? Man hat Geld gezahlt, damit die Fluglinie bestehen bleibt, obwohl man weiß, dass natürlich auch Flugverkehr zum Treibhauseffekt beiträgt. Aber ich habe natürlich Verständnis dafür, weil jeder Politiker schauen muss, dass er gewählt wird. Wenn die direkte Betroffenheit zu groß wird, dann wird er keine Stimme mehr kriegen. Das ist sehr schwierig.

Der Flugverkehr wird von vielen ja als besonders schädlich angesehen, nicht nur wegen des Co2-Ausstoßes, sondern auch wegen  der Kondensstreifen. Ist da etwas dran?

Auer: Es gibt sehr viele Kondensstreifen, aber auch die Frage der Kondensstreifen, die in höheren Schichten sind, haben schon einen Einfluss. Aber das genau zu quantifizieren ist sehr schwierig.

Welche Regionen werden vom Klimawandel betroffen sein? Zählt Österreich überhaupt dazu?

Auer: Naja, die Probleme sind verschieden. Ich würde sagen, Österreich wird kein Problem mit dem Anstieg des Meeresspiegels haben. Österreich wird natürlich ein Problem haben – oder hat es zum Teil schon – mit dem Auftauen des Permafrostes. Und natürlich mit den Gletschern, weil neben der optischen Komponente eines Gletschers natürlich schon Gefahren dazukommen, wie Steinschlag, dass Wege in den Bergen nicht sicher sind, eventuell Hangrutschungen usw.

Viele Leute sehen den Klimawandel aus einer rein egoistischen Perspektive und sagen: Was kümmern mich Wetterkatastrophen irgendwo tausend Kilometer entfernt – bei uns passiert doch eh nichts.

Auer: Naja, mit den Wetterkatastrophen ist es kompliziert, weil der Nachweis, dass eine Wetterkatastrophe Europas mit dem Klimawandel zusammenhängt, ist sehr schwierig. Wenn wir zurückblicken, dann hat es Überschwemmungen, Stürme, Hagelschäden eigentlich immer gegeben – auch bevor das Thema Klimawandel in den Medien im Gespräch war. Was zu bringen ist, ist der Nachweis, dass es derzeit mehr gibt, aber eben auch unter der Voraussetzung, dass das mit dem Klimawandel zusammenhängt.

Das heißt, für Zentraleuropa sind die Auswirkungen erträglich?

Auer: Naja erträglich, was ist erträglich? Wenn es zwei Tage heiß ist, beginnt gleich das Jammern, dass es noch nie so heiß gewesen wäre und dass das unerträglich und fürchterlich sei. Also erträglich ist ein sehr relativer Begriff. Ein Beispiel aus Finnland habe ich sehr interessant gefunden, wo man auch Sorgen wegen des Klimawandels hatte. Bei einer Nachfrage, wieso es denn so schlimm ist, wenn es in Finnland wärmer wird, habe ich gehört, dass die Sorge besteht, dass durch weniger Schnee im Winter die Dunkelheit noch schlimmer wird. Die Sorge ist, dass es da zu Depressionen kommt usw. Also es gibt schon so Probleme, an die man nicht gleich denkt. Man denkt immer an den Meeresspiegel, man denkt an die Gletscher. Andere Dinge berücksichtigt man weniger. Für Mitteleuropa wissen wir sehr wenig, was den Niederschlag betrifft. Wir wissen auch nicht genau, wie sich die Stürme entwickeln werden, weil die Modelle auch hier in verschiedene Richtungen gehen – von Zunahme bis gleichbleibend. Sonnenschein hat bisher eigentlich zugenommen, eine Verlagerung des Subtropenhochs ein bisschen nach Norden hat uns also mehr Sonnenschein gebracht, aber es gibt eben verschiedene Komponenten. Von Hitze wird auch Mitteleuropa – speziell die Ballungszentren – stärker betroffen sein.

Abschließende Frage: Es gibt viele Verschwörungstheorien von Leuten die sagen, den vom Menschen verursachten Klimawandel gibt es nicht, das sei eine Erfindung von Klimatologen. Woher denken Sie kommt dieses Misstrauen?

Auer: Naja, einerseits ist es glaube ich schon schwierig, etwas zu glauben, was in 30 Jahren sein wird, wenn nicht einmal die Wetterprognose von morgen stimmt. Also ich habe selbst schon dieses Argument gehört: Wie wollt Ihr wissen, was im Jahr 2050 oder im Jahr 2100 ist, wenn Ihr nicht einmal der Lage seid, das Wetter von morgen immer richtig vorherzusagen. Ich glaube, das ist schon einmal ein Grund dafür. Andererseits ist es natürlich für mich ein Verdrängen. Das ist glaube ich schon auch ein Grund.

Ingeborg Auer ist Leiterin der Abteilung Klimaforschung an der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik.