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„Die sind einfach nicht von ihrem Sparen abgerückt“

Lange Zeit war Heidi Dumreicher erfolgreiche Radiojournalistin – bis sie beschloss, Nachhaltigkeitsprojekte in die Praxis umzusetzen. Im Interview erklärt sie, wie es dazu kam.

Frau Dr. Dumreicher, Sie waren jahrelang Journalistin und gründeten dann das OIKODROM, das „Vienna Institute for Urban Sustainability“. Wie ist es dazu gekommen?

Dumreicher: Ich habe irrsinnig lange für das ORF-Radio in der Wissenschaftsredaktion große Sendungen gemacht. Und da haben wir gesagt: Arbeiten wir zu den Themen, wo Entscheidungen für die nächsten 30 Jahre getroffen werden. Erst hat sich das „Nova leben 2000“ genannt. Als wir bemerkten, dass 2000 schon sehr nahe rückt, haben wir es nur mehr „Nova“ genannt. Dadurch hatte ich die Gelegenheit, auf alle Konferenzen zu fahren und zu schauen, wo große Entscheidungen anstehen. Irgendwann wurde klar, dass Nachhaltigkeit ein Thema wird – Club of Rome etc. Gleichzeitig war auch klar, dass hier ganz viele Ungenauigkeiten bestehen, weil es sich erst um einen entstehenden Forschungsbereich handelt. Daher war es spannend zu schauen, was wir denn da machen könnten. Dann habe ich eben dieses Institut hier gegründet – das war zuerst stark journalistisch ausgelegt. Wir haben hier ganz früh schon eine Zeitschrift über die Themen gemacht, die uns auch heute noch beschäftigen. Es sind seit 20 Jahren dieselben Themen up to date.

Wie ist es dann mit dem Institut weitergegangen?

Dumreicher: Zuerst haben wir in Wien ein Projekt zum Westbahnhof gemacht. Da haben wir gesagt: Stadt-Land-Beziehungen könnten etwas sein, das zu Nachhaltigkeit führt. Dabei haben wir einen nachhaltigen Stadthügel für Wien entwickelt: Was bringt das der Stadt, wenn sie den Westbahnhof mit allen Nachhaltigkeitskriterien überbaut? Gleichzeitig haben wir ein Parallelgebiet in Niederösterreich ausgesucht, wo zumindest rechnerisch und theoretisch ein Großteil der Waren herkommen könnte, die man für dieses Stadtviertel, an das wir in Wien denken, braucht. Nur Stadt geht natürlich nicht und nur Land geht auch nicht. Somit habe ich mich von Anfang an mit der Forschung auf diesen Zwischenlinien bewegt. Und es war von Anfang an klar, dass die Forschung interdisziplinär sein muss – es ist aber immer noch nicht klar, welche Methode man wissenschaftlich anwenden kann. Das haben wir in Wien das erste Mal ausprobiert und ich habe zwei Hauptpartner gehabt: Eine Sozialwissenschaftlerin und einen Architekten. Wir haben von Anfang an gesagt: Wir brauchen einen Raum, einen städtischen Raum, denn Nachhaltigkeit muss irgendwo stattfinden. Wir brauchen aber auch jemanden, der diesen Raum zu gestalten versteht, also jemanden mit urbanistischen Themen, der sich mit Stadt-Raum-Gestaltung auseinandersetzt, und wir brauchen die soziale Seite, weil es ja um Menschen geht, für die das eine neue Lebensqualität darstellen soll. Ganz schwierig war es auch, Ökonomen dafür zu finden. Die Schwierigkeit besteht nach wie vor. Ich habe eigentlich in 20 Jahren niemanden gefunden, der uns sagen kann, was für eine Arbeit oder was für eine Ökonomie wir uns denn für so ein nachhaltiges Gebilde vorstellen. Und dann ist dieses Chinaprojekt aufgekommen.

Dieses Projekt hat sich mit der Nachhaltigkeit von chinesischen Dörfern beschäftigt. Was konnten Sie denn daraus lernen?

Dumreicher: Von einem strikt ressourcenökologischen Standpunkt aus sind die chinesischen Dörfer proto-sustainable. Vom sozialen Standpunkt aus nicht. Aber trotzdem haben wir einige Elemente gefunden, zum Beispiel, dass es einen starken Zusammenhalt in diesen Dörfern gibt. Außerdem haben sie bis vor kurzem relativ naturnahe produziert in diesen Dörfern, die wir auch danach ausgesucht haben – kleine Dörfer, die auch in einem Dorf-Kontext leben und auch die Felderwirtschaft vom Dorf aus betreiben. Wir haben dann von Anfang an stark emanzipatorisch gearbeitet. Ich habe mich an den Waschplatz dieser Frauen gesetzt und habe mit ihnen gemeinsam angefangen, über die Zukunft des Dorfes nachzudenken. Das war eine ganz tolle Erfahrung! Wenn man das Dorf als ganzes zum Thema macht, dann wissen die ganz genau – oder einigermaßen genau –, wo eigentlich der Haken ist, nämlich die Stadtflucht, die ja auch ein europäisches Problem ist. Wir haben dann für diese Dörfer mit einem stark interdisziplinären Zugang Szenarien entwickelt. Was könnte es sein? Wir haben uns aber anhand eines Projektes entwickelt, das heißt, wir haben gesagt – mit großer Schwierigkeit habe ich das durchgesetzt – es gibt Geld für die Dorfbewohner, wenn sie ein kleines Musterprojekt machen. Das haben wir dann mit einem Wissenschaftsteam ausgehandelt. Das Dorf hat sich also einmal im Monat mit dem chinesischen Wissenschaftler, der mein Partner war, getroffen, und sie haben ausgehandelt, was die Kriterien für so ein nachhaltiges Szenario sind. Dann haben sie’s an die Wissenschaftler zurückgespielt bis es hieß: Ja das passt, das ist wirklich im Sinne des gesamten Dorfes – also eben nicht nur einzelne Leute, die etwas machen wollen, sondern wovon das ganze Dorf profitiert.

Was kann man sich darunter vorstellen? Welche Projekte wurden da realisiert?

Dumreicher: Da ist wirklich ganz Verschiedenes herausgekommen. Ein Dorf hat beschlossen, dass sie eine Kooperation mit der naheliegenden Universität machen und sich weiterbilden wollen zum Thema Nachhaltigkeit. Ein Dorf hat beschlossen, sie wollen als Betrieb wirklich nachhaltig sein – das war ein sehr kleines Dorf mit 100 Leuten. Sie haben sich ausbilden lassen, wie man Biogas-Installationen macht, und die Idee war, dass sie das auch als Know-how an andere Dörfer verkaufen können. Ein Dorf hat gesagt: Um das Dorf zusammenzuhalten, braucht es einen Ort. Sie hatten einen Teich, wo die Frauen zum Beispiel schwimmen gegangen sind, aber der Teich ist durch einen Straßenbau ruiniert gewesen. Also konnten sie nirgendwo mehr schwimmen gehen. Da haben sie gesagt, dass sie gerne ein Badehaus hätten. Dann haben wir mit dem Geld ein bestehendes altes Haus – das war wichtig; kein neues Haus, sondern ein altes Haus – als Badehaus mit allem drum und dran hergerichtet.

Sie beschäftigen sich viel mit der Verbindung von Theorie und Praxis. Wo liegen da die größten Schwierigkeiten? Was ist der Stolperstein, der da immer wieder auftaucht?

Dumreicher: Naja, die Stolpersteine liegen darin, dass sich die Forscher miteinander sehr schwer tun. Die nächsten sechs Jahre haben wir dann in den arabischen Ländern lustigerweise das Badehaus – nämlich das Hammam – erforscht. Dass wir gerade erst eines gebaut haben, ist uns erst ganz spät aufgefallen. Das Hammam ist ein ganz wichtiger Ort für die arme Bevölkerung in den Medinas in Marokko, insgesamt waren wir da in sechs Ländern tätig. Das Hammam ist ein Treffpunkt, könnte aber auch ein Beispiel dafür sein, wie man so etwas ökologisch organisiert. Wie kann die sehr informelle Art, so ein Hammam zu leiten, formalisieren? Wie kann man das in eine modernere Form des Managements bringen? Das war ganz schwierig. Es ist uns zum Beispiel nicht gelungen, die Frage zu beantworten, wie mit dem Wasser umgegangen werden soll. Die Wasserökologen haben immer nur vom Wassersparen geredet; das Hammam ist aber ein Ort, wo man einen Luxus an Wasser hat. Mein Vorschlag war, dass man sagt: Wir vergleichen zum Beispiel, wie viel Wasser Europäer oder pro Woche verbrauchen. Da kommt natürlich heraus, dass arme Leute in den arabischen Ländern ganz wenig Wasser verbrauchen. Das ist wesentlich ressourcengerechter als das, was wir machen. Aber irgendwie ist das nicht durchgegangen, ich weiß nicht warum. Die sind einfach nicht von ihrem Sparen abgerückt.

Wenn Sie die Chance hätten, eine Botschaft an die breite Öffentlichkeit zu bringen, was sollte man von Ihrer Forschungstätigkeit wissen?

Dumreicher: Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass die Menschen auch emotional mit dem Thema etwas anfangen können. Wir haben es „emotional co-ownership“, also „emotionales Mitbesitzen“, genannt. Die Vorstellung, dass alles gut wird, wenn jeder vor seiner Tür aufräumt und jeder für sich selbst einen guten Lebensstil entwickelt, ist glaube ich äußerst naiv. So funktioniert’s nicht. Das kann nur ein Gemeinschaftsprojekt sein.

Heidi Dumreicher ist Linguistin und Gründungsdirektorin von OIKODROM (Vienna Institute for Urban Sustainability).