Back to list

„Die größten Probleme auf globaler Ebene sind die absolute Dominanz ökonomischer Denkmuster“

5 Fragen an Friedrich M. Zimmermann, Leiter des Institut für Geographie und Raumforschung der Universität Graz.

Wie sind Sie zu Ihrem Forschungsgebiet gekommen?
Ich beschäftige mich nunmehr seit fast 25 Jahren mit dem Thema Nachhaltigkeit, zu dem ich durch meine langjährigen Forschungen zu Regionalentwicklung und zum Tourismus gekommen bin. Gerade im Bereich der Entwicklungen von Regionen und Gemeinden ist es besonders wichtig, den Entscheidungsträgern und Akteuren langfristige Perspektiven zu bieten, um insbesondere den ländlichen und peripheren Räumen in einer globalisierten Wirtschaft gewisse Chancen zu bieten. Dies gilt nicht nur für entwickelte Regionen, insbesondere im Bereich der Entwicklungsländerforschung ist Nachhaltigkeit zu einem zentralen Paradigma geworden.

Was kann jede/r Einzelne zur Nachhaltigkeit beitragen?
In einer globalisierten Gesellschaft, in der der individuelle Konsum zu einem zentralen Denkmuster geworden ist, in der ökonomisches Denken sämtliche Aktivitäten determiniert, ist es schwierig, das Thema Nachhaltigkeit in alle Bereiche der Gesellschaft diffundieren zu lassen. Dennoch sind es vor allem der Bildungsbereich und die Kommunikationstechnologien, die vom Kindergarten bis zur post-sekundären Ausbildung und dem lebenslangen Lernen große Möglichkeiten bieten, den Individuen näher zubringen, wie wichtig und bedeutend Nachhaltigkeit für die Sicherung unseres zukünftigen Lebens auf unserem Planeten ist. Ich glaube, dass jede/r Einzelne ihr/sein Konsumverhalten schrittweise an die neuen Erfordernisse einer postmodernen Gesellschaft anpassen muss, insbesondere dort, wo es darum geht, das eigene Lebensumfeld zu gestalten und zu verbessern und durch die Stärkung von regionalen Identitäten, durch Kooperationen und Netzwerke sowie durch gegenseitiges Vertrauen und intergenerationellem Zusammenhalt neue Chancen einer langfristigen (regionalen und lokalen) Entwicklung zu eröffnen.

Welche Herausforderungen stehenauf globaler Ebene an? Was müsste getan werden, um eine nachhaltige Entwicklung zu erreichen?
Die größten Probleme auf globaler Ebene sind die absolute Dominanz ökonomischer Denkmuster in allen politischen und unternehmerischen Entscheidungen. Die Vulnerabilität des globalen Wirtschaftssystems, Manipulationen des Marktes, Spekulationen und Korruption sind die größten Herausforderungen, die auch einer nachhaltigen Entwicklung deutlich entgegenwirken. Meines Erachtens ist es von Nöten, neue Menschen-bezogene Modelle zu entwickeln, die auf den Pfeilern der sozialen Nachhaltigkeit aufgesetzt werden und die in der Lage sind, die Menschen wieder in den Mittelpunkt von Entwicklungen zu stellen. Das Recht auf Bildung, das Recht auf Arbeit, das Recht auf Gesundheit, das Recht auf ein menschenwürdiges Leben und sozialen Frieden, das Recht auf eine gesunde Umwelt sollte bei allen politischen und ökonomischen Überlegungen im Vordergrund stehen.

Trotz aller Bemühungen ist der Ressourcenverbrauch höher als je zuvor. Woran liegt das?
Der Verlust von Werten, Habgier, blinder, durch Werbung verstärkter Konsumzwang führen in unserer ausschließlich auf Wirtschaftswachstum ausgerichteten Gesellschaft zu einem ständigen Mehr an Produkten, die zwar gekauft, aber eigentlich nicht benötigt werden und bereits nach kürzester Zeit als Müll neue Probleme verursachen.

Wenn Sie die Chance hätten, ein Statement in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken – wie würde es lauten?
Mein zentrales Credo einer zukünftigen Gesellschaft ist Menschlichkeit, die Fähigkeit, auch einfache Dinge als schön zu empfinden, und die Natur zu schonen, aber auch neu zu erleben und zu genießen.