Back to list

„Die Geschichte ist einfach verdammt komplex“

Der Humanökologe Helmut Haberl über Kritik am IPCC und die Komplexität hinter der Bioenergie-Debatte.

Sie arbeiten unter anderem als Lead-Autor beim IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change), der immer wieder heftigen Attacken ausgesetzt ist. Wie erklären Sie sich das?

Haberl: Ich sehe das vor allem interessensgeleitet. Das IPCC erzeugt natürlich Handlungsbedarf, weil die Message lautet, dass man nicht einfach so weitertun kann, wie es im Moment läuft, und damit steigt man natürlich auch mächtigen, finanzkräftigen Interessen auf die Zehen. Die versuchen halt zurückzuschlagen. Wobei ich glaube, dass man zwei Dinge unterscheiden muss: Auf der einen Seite sind Wissenschaftler, die an gewissen Aussagen des IPCC Zweifel haben – das kann durchaus im besten Wissen und Gewissen über rein wissenschaftliche Einschätzungen erfolgen. Ich will nicht abstreiten, dass man manche Dinge kritisieren kann, die das IPCC gesagt hat. Das IPCC ist ganz sicher nicht fehlerfrei, aber es gibt einen Unterschied zwischen wissenschaftlicher Kritik und politisch motivierter Attacke, die sich als wissenschaftliche Kritik tarnt, hinter der in Wahrheit wenig bis gar kein Substrat an wissenschaftlichem Zweifel steckt, weil es in Wahrheit gar nicht darum geht. Das ist eigentlich als politikwissenschaftliches, soziologisches und kommunikationswissenschaftliches Phänomen interessant, nicht so sehr in der Sache.

Wieso fällt das dann auf so fruchtbaren Boden?

Haberl: Naja, warum es glaube ich so ein großes Kommunikationsthema in den Medien ist: Da vermute ich natürlich schon Interessen. Wenn das IPCC Aussagen darüber machen würde, ob den Delfinen das Schwimmen im Meer Spaß macht oder nicht, dann wäre die Aufmerksamkeit wahrscheinlich geringer. Aber die Aussagen des IPCC haben ja sehr weitreichende gesellschaftliche Konsequenzen. Und wenn sie ernst genommen werden, erfordern sie Veränderungen in den politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen, die natürlich Gewinner und Verlierer produzieren.

Wird das Thema Klimawandel in der Öffentlichkeit ernst genug genommen?

Haberl: Ernst genommen wird es ja, die Frage ist, ob es wichtig genug genommen wird. Ernst genommen – würde ich sagen – wird es schon, aber ob es in den Entscheidungen die ausreichende Priorität hat, die es aus meiner Sicht haben sollte? Wenn man ein bisschen länger in die Zukunft schaut, würde ich sagen nein. Die Erdsystemanalyse sagt im Wesentlichen, dass eine gewisse Erwärmung aufgrund der bisher bereits ausgestoßenen Emissionen zu erwarten ist, weil ja im Klimasystem eine große Trägheit vorhanden ist. Das heißt, die Erwärmung, die wir heute haben, findet aufgrund der Emissionen der letzten Jahrzehnte bis Jahrhunderte statt. Alleine die bereits ausgestoßenen Treibhausgase reichen für eine ganze Menge zusätzliche Erwärmung. Man schätzt, dass man eigentlich im Wesentlichen sofort beginnen müsste, die Emissionen global zurückzufahren, damit man irgendeine Chance hat, die Erwärmung auf ungefähr zwei Grad Celsius zu begrenzen. Diese zwei Grad Celsius sind nicht irgendeine arbiträre Latte, auf die man sich in politischen Diskussionen geeinigt hat, weil es halt irgendein Kompromisswert war, sondern das ist ein Wert, bei dem die Risiken, sogenannte Tipping Points anzustoßen, massiv ansteigen. Das große Problem ist: Wir wissen bei vielen dieser Tipping Points nicht genau, wo sie liegen.

Was sind Tipping Points?

Haberl: Das sind Punkte im Erdsystem, wo massive qualitative Systemumbrüche stattfinden. Also wo in natürlichen Systemen Kippeffekte eintreten, wo zum Beispiel der Regenwald im Amazonas abzusterben beginnt, wo es zum massiven Auftauen von Permafrost kommt, wo der Eispanzer von Grönland instabil wird und so weiter. Man hat in den letzten Jahren eine Reihe von diesen Kipp-Punkten im Erdsystem identifiziert – manche davon haben ein sehr hohes Auswirkungspotenzial. Das Risiko, einen oder mehrere dieser Kipp-Punkte anzustoßen, steigt einfach ganz massiv an, je mehr wir uns diesen zwei Grad nähern oder sie überschreiten. Deswegen müsste man sagen, wenn man etwas länger in die Zukunft schaut als die nächsten fünf oder zehn Jahre, dann müsste man sofort handeln. Wenn man sich überlegt, worüber diskutiert Europa im Moment? Europa diskutiert eine Finanzkrise, Europa diskutiert Fragen der Stabilität des Geldsektors – das sind nicht unwichtige Dinge, nur versucht man die isoliert zu lösen und vergisst dabei ein bisschen die langfristigen Probleme. Man sucht nicht nach Lösungen, die systemische Lösungen sind, die das eine zu lösen helfen und das andere gleich mitlösen. Da gäbe es natürlich schon einige Dinge, wie zum Beispiel Investitionsprogramme in ökologische Innovations- und Effizienzsteigerungen, die vielleicht gleichzeitig auch positive Arbeitsmarkteffekte haben könnten.

Was würde passieren, wenn man nichts tut?

Haberl: Wir wissen es nicht genau, das ist ja das Beunruhigende. Was man relativ gut prognostizieren kann, ist ein gewisser Erwärmungseffekt. Wir können ganz gut abschätzen, wie sich die Temperaturen entwickeln werden. Nur ist das Klima wesentlich mehr als die Temperaturmittelwerte. Schließlich geht es bei den Temperaturen auch sehr stark um die zeitliche Verteilung – Hitzeperioden, Kälteperioden, Extremereignisse. Genau diese Extremereignisse, die darauf, wie der Klimawandel wirkt, viel Auswirkung haben, sind schwer zu prognostizieren. Auch die räumlichen Muster von Niederschlägen kann man weit weniger gut prognostizieren als zum Beispiel die Jahresdurchschnittstemperaturen oder auch die großen globalen Muster, wie sich die Temperaturänderung vollziehen wird.

Einer Ihrer Forschungsschwerpunkte ist Bioenergie, die oft in der Kritik steht, weil sie die Lebensmittelpreise in die Höhe treibt…

Haberl: Ja wenn‘s nur das wär, wär‘s schon schlimm genug, aber das große Problem ist, dass nicht alle Formen von Bioenergien tatsächlich im Vergleich zu fossiler Energie klimaschonend sind. Das große Problem in der öffentlichen Kommunikation ist: Bioenergie kann eine super Sache sein, Bioenergie kann sowohl sozial als auch ökologisch und ökonomisch sehr positiv sein, und sie kann auf all diesen Ebenen katastrophal schlecht sein. Bioenergie ist nicht gleich Bioenergie und die Bandbreite ist riesig. Das große Problem ist: Politik kann mit differenzierten Dingen sehr schwer umgehen. Entweder, etwas ist grundsätzlich gut, oder es ist grundsätzlich schlecht. Die Welt zerfällt in Bioenergie-Befürworter oder Skeptiker oder Gegner, und man wird sehr leicht in einen dieser Töpfe geworfen. Aber die Welt ist nicht so einfach – und gerade bei der Bioenergie nicht. Alleine wenn ich an Österreich denke, Biogasproduktion aus landwirtschaftlichen Reststoffen und Fäkalien der Tierhaltung ist eine tolle Sache – vermindert die Methanemissionen, erzeugt einen guten Dünger für die Landwirtschaft und und und. Biogasproduktionen aus extra dafür angebauten Grünmais – naja! Das ist so ziemlich das genaue Gegenteil. Also kann man der Politik nicht einmal sagen „Fördert Biogas!“, weil Biogas ist nicht gleich Biogas, sondern es kommt darauf an, wo die Rohstoffe dafür herkommen.

Das heißt, das Thema eignet sich nicht für politische Slogans.

Haberl: Nein, dafür eignet es sich nicht. Auch diese Ernährung-vs.-Bioenergie-Diskussion ist sehr komplex. Erstens einmal stimmt das Argument nicht, die second Generation macht das Problem nicht, weil das ja keine Nahrungspflanzen sind, denn natürlich kann es trotzdem Konkurrenz um Fläche, um Wasser und ähnliche Dinge geben. So simpel ist die Sache nicht, dass man das Problem nur dort hat, wo man Nahrungspflanzen in Energie umwandelt. Das Problem kann man auch haben, wenn man Pflanzen verwendet, die nicht für die Ernährung geeignet sind, weil in vielen Fällen die richtig fruchtbaren Böden die sind, wo wir heute Nahrung anbauen, und wenn man dort auf Bioenergie switcht, muss man die Nahrung woanders produzieren. Man hat also die Konkurrenz dort genauso. Auf der anderen Seite muss es nicht immer Konkurrenz geben. Man kann Bioenergie unter Umständen auch in Kombinationssysteme implementieren, sodass sich Nahrungsmittelproduktion und Bioenergieproduktion gegenseitig stützen. Das hängt davon ab, mit welchen Programmen unter welchen politischen Rahmenbedingungen. Die Geschichte ist einfach verdammt komplex. Daher ist es auch wenig hilfreich, mit diesem Thema Schlagzeilen zu machen, andererseits funktioniert öffentliche Kommunikation nun einmal über Schlagzeilen.

Das heißt, Sie haben keine allgemeine Forderung an die Politik?

Haberl: Naja, die allgemeine Forderung wäre, Bioenergie nach sehr strengen Nachhaltigkeitskriterien zu implementieren. Da kann man jetzt diskutieren, was letztlich die Indikatoren und Kriterien sind, um die‘s da geht. Man sollte das nicht als Gefährdung des Ausbaus eine ökologisch sinnvollen Energieform sehen, sondern als einzige Rahmenbedingung, unter der diese Energieform wirklich ökologisch, sozial und ökonomisch überhaupt sinnvollerweise ausgebaut werden sollte, weil man sonst unter Umständen die Ziele gefährdet, die man jedenfalls behauptet, verfolgen zu wollen, nämlich einen Beitrag zur erneuerbaren, nachhaltigen und klimaschonenden Energieversorgung zu leisten. Das tut man eben nicht, wenn man die falsche Form von Bioenergie fördert. Und wenn man auch die falschen Volumina fördert, das muss man auch dazu sagen. Bei der Bioenergie ist mehr nicht unbedingt besser, sondern es gibt Punkte, bis zu denen ist es vielleicht okay, das auszubauen, und es gibt Punkte, ab denen eigentlich der Vorteil in einen Nachteil umschlägt.

Wovon hängt das ab?

Haberl: Leider hängt das nicht nur von der Technologie und der Klimazone und ich weiß nicht was ab, sondern es hängt auch davon ab, welche Systementwicklungen im ganzen Ernährungs- und Landwirtschaftssystem stattfinden. Das hängt davon ab, was die Leute essen, das hängt davon ab, mit welcher Intensität und welchen Technologien man Nahrung produziert, also das hängt von vielen Dingen ab, die nicht so einfach sind. Es kann sein, dass bis zu einer gewissen Menge die Förderung der Bioenergie tatsächlich einen ökologischen Vorteil bringt, und wenn man darüber hinausgeht, bringt‘s einen ökologischen Nachteil, weil man ab dann das Potenzial der kohlenstoffnegativen oder zumindest kohlenstoffneutralen Bioenergie ausgeschöpft hat, und wenn man sie weiter ausbaut, man eben zu einer Erhöhung der Treibhausgasemissionen beiträgt. Das ist eben das Schwierige an so komplexen Dingen.

Helmut Haberl  ist außerordentlicher Professor für Humanökologie an der Alpen-Adria Universität Klagenfurt.