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„Die Footprint-Indikatoren gehen alle tendenziell nach oben“

Stefan Giljum über den ökologischen Fußabdruck einer Banane, den Wertewandel in Unternehmen und Hindernisse bei der Ressourcenschonung.

Herr Dr. Giljum, Sie setzen sich am SERI-Institut mit der Frage auseinander, wie natürliche Ressourcen nachhaltiger zu managen wären. Wie sind sie zu diesem Forschungsgebiet gekommen?

Giljum: Das war im zweiten Abschnitt meines Studiums. Ich habe seinerzeit mit einer kleinen Gruppe von Kollegen und Kolleginnen ein Studium irregulare mit dem Titel „Humanökologie und Umweltökonomie“ absolviert. Wir haben eigentlich unsere Ausbildung auf der Biologie gestartet, dann aber schnell gemerkt, dass uns die rein biologischen Themen nicht reichen. So haben wir uns dann weiterentwickelt und andere Themen hinzugeholt, insbesondere von der Wirtschaftsuni, von der BOKU und der Politikwissenschaft. So haben wir ein interdisziplinäres Studium geschaffen. Zu dem Thema, an dem ich im weiteren Umfeld jetzt immer noch arbeite, bin ich durch meine Diplomarbeit gekommen. Sie handelte vom ökologischen Fußabdruck des Bananenanbaus in Costa Rica. Das war das erste Mal, dass ich mit Ressourcenverbrauchsindikatoren gearbeitet habe. Das Thema Ressourcennutzung hat mich seither nicht mehr losgelassen.

Was kann man vom ökologischen Fußabdruck der Banane in Costa Rica lernen?

Giljum: Ich habe in meiner Arbeit verschiedene Produktionsmethoden verglichen und kam zum Ergebnis, dass der konventionelle Bananenanbau einen rund dreimal so großen ökologischen Fußabdruck pro Tonne Produktion hat wie eine ökologische Bananenproduktion. Das liegt vor allem am großen Einsatz von Pestiziden und dem hohen Energie-Input in der konventionellen Produktion.

Wenn man im Supermarkt eine Banane kauft, die mit „Bio“ gekennzeichnet ist – ist das dann tatsächlich eine ökologisch verträglich hergestellte Banane?

Giljum: Ja, das würde ich schon sagen. Bei den gängigen Labels vertraue ich darauf, dass die ökologischen Standards in den Anbauländern wirklich kontrolliert und eingehalten werden.

Sie haben vorhin Ressourcenverbrauchsindikatoren erwähnt. Den meisten ist vor allem der ökologische Fußabdruck ein Begriff. Welche Indikatoren gibt es denn da konkret?

Giljum: Wir arbeiten konkret mit vier fußabdruckorientierten Indikatoren und haben diese vier Kategorien auch in ein Indikatoren-Set verpackt, das auch in die europäische Ressourceneffizienzstrategie Einfluss gefunden hat, die letztes Jahr beschlossen wurde. Darin sagt die Kommission: Wenn wir an die Ressourcen denken, sollten wir vier Kategorien berücksichtigen, nämlich Rohstoffverbrauch (Material Footprint), Wassernutzung (Water Footprint), Fläche- & Landverbrauch (Land Footprint) und der bekannte Carbon Footprint, der die Klimawirksamkeit ausdrückt. Mit diesen vier Indikatoren oder Kategorien arbeiten wir, wenn wir auf Produktebene oder auf Länderebene Analysen machen.

Wer sind Ihre Auftraggeber?

Giljum: Wir haben ein ganz breites Spektrum an Auftraggebern. Ungefähr die Hälfte unseres Budgets kommt aus EU-Töpfen – das EU-Forschungsrahmenprogramm, Auftragsarbeiten für die Generaldirektion Umwelt in der Kommission, mehrere Projekte für das europäische statistische Amt usw. Auch internationale Organisationen wie UNIDO oder das UN-Umweltprogramm gehören dazu. Außerdem haben wir natürlich noch eine Reihe von Auftraggebern in Österreich. Ministerien, Unternehmen…

…Unternehmen?

Giljum: Ja, zunehmend, das hat sich in den letzten zwei/drei Jahren deutlich entwickelt. Wir haben letztes Jahr Projekte für Unternehmen wie Rewe und Spar im Bereich Nachhaltigkeit von Lebensmitteln und Labeling durchgeführt. Mit Siemens haben wir im Bereich Ressourceneffizienz in der IT zusammengearbeitet. Da gibt es durchaus Nachfrage.

Was erwarten sich Unternehmen davon?

Giljum: Wenn man es kurzfristig-betriebswirtschaftlich sehen will, dann erwarten sie sich einfach Markterfolg durch Aktivitäten im Bereich Nachhaltigkeit. Gerade im Bereich Lebensmittel und Supermärkte ist beinahe eine Art Wettlauf entstanden, wer am umfassendsten Nachhaltigkeit zertifiziert. Zwischen Rewe, Spar und Hofer gibt es einen Dreikampf, wer es schafft, noch mehr Produkte nachhaltig zu zertifizieren. Es geht also darum, Marktpräsenz zu zeigen, weil Konsumenten dies zunehmend nachfragen. Ich möchte aber nicht ausschließen, dass es in diesen Unternehmen Leute gibt, die wirklich einen Beitrag für die Nachhaltigkeit leisten wollen.

Das heißt, es hat hier ein Wertewandel zum Positiven stattgefunden?

Giljum: Ja, zum Teil. Ich sehe in der Zusammenarbeit mit Firmen immer wieder, dass es dort Personen gibt, denen das wirklich ein Anliegen ist, die aber selbst auch immer wieder darauf hinweisen, dass sie mit zwei Hüten agieren, weil natürlich die Rahmenbedingungen nach wie vor so gestaltet sind, dass es darum geht, auf dem Markt zu bestehen, sich durchzusetzen und die Gewinne zu erwirtschaften, die erwartet werden. Das ist natürlich ein Spannungsfeld. Man hört auch immer wieder von den Unternehmen, dass sie es sind, die an die Politik die Forderung stellen: Bitte setzt uns Rahmenbedingungen, weil sie als einzelne Unternehmen verlieren, wenn sie etwas für die Nachhaltigkeit tun, solange die Rahmenbedingungen nicht für alle in die richtige Richtung weisen.

Was kann jeder Einzelne zur Nachhaltigkeit beitragen?

Giljum: Es gibt ganz viele Studien, die sich die Umweltwirkung unseres Konsumverhaltens und unserer Lebensweisen angeschaut haben, und da kommt immer ein ähnliches Ergebnis heraus, nämlich dass drei große Konsumbereiche – Ernährung, Mobilität und Wohnen – ungefähr drei Viertel des Umweltdrucks erzeugen. Das sind die großen Stellschrauben und in jedem dieser Felder gibt es Punkte, die jeder Einzelne in seiner Umweltperformance verbessern kann. Im Bereich Ernährung geht es insbesondere um das Thema Fleischkonsum und tierische Produkte, weil diese Produkte einen deutlich höheren Fußabdruck haben als pflanzliche Ernährung. Eine Halbierung des Fleischverbrauchs in Österreich würde schon eine deutliche Verbesserung der Umweltbilanz bringen. Im Bereich Transport geht es natürlich um Themen wie Umstieg vom Auto auf öffentlichen Verkehr, die Reduktion von Flugreisen und insbesondere Fernreisen, die sehr stark fußabdruckswirksam sind. Aber genauso im Wohn-Bereich: Die Frage des Stromanbieters hat zum Beispiel einen großen Impact auf den Fußabdruck. Wenn ich von einem konventionellen Stromanbieter auf Ökostrom umsteige, ist das eine Möglichkeit, den Fußabdruck deutlich zu reduzieren. Habe ich die Möglichkeit, eine Wärmedämmung an meinem Haus anzubringen? Das sind alles konkrete Maßnahmen. Manche Maßnahmen kann man täglich setzen, andere – wie ein Haus zu isolieren – sind sicherlich größere Investitionen, aber jeder kann etwas beitragen.

Sie haben das Thema Gebäudeisolation genannt, das ist bekanntlich auch eine Frage der Förderung. Was wären Ihre Forderungen an die Politik?

Giljum: Wenn wir bei den Subventionen bleiben, geht es sicher darum, die Subventionslandschaft zu durchforsten und noch aktiver nachhaltigkeitswirksame Aktivitäten zu fördern. Da gehören Altbausanierungen dazu, aber auch Forschung und Entwicklung, um neue Technologien zu entwickeln, die ressourcenschonend eingesetzt werden können. Es geht auch um die Förderung neuer Mobilitätskonzepte – insbesondere in der Stadt. Letztlich muss sich die Politik Gedanken machen, von Seite der Preise die richtigen Rahmenbedingungen zu setzen. Die Preise der Rohstoffe sind deutlich im Steigen, insbesondere weil Entwicklungsländer und Schwellenländer wie China in den letzten Jahren so eine hohe Nachfrage entwickelt haben. Diese Preiserhöhung führt natürlich dazu, dass beispielsweise Unternehmen Strategien entwickeln, wie man Rohstoffe einsparen kann. Ich glaube, die Frage „Wie viel zahlen wir eigentlich für die Umwelt?“ ist ganz entscheidend dafür, wie wir letztlich unsere Kaufentscheidungen treffen. Es geht darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Umweltverbrauch belasten und andere Dinge entlasten – Stichwort ökologische Steuerreform. Wir brauchen einen effizienteren Einsatz der Ressourcen und wir haben eigentlich genügend Arbeit, um die Arbeitslosigkeit herunterzubringen. Aber das kann nur funktionieren, wenn die Rahmenbedingungen angepasst werden.

Die Rio+20-Konferenz steht vor der Tür. Was erwarten oder erhoffen Sie sich?

Giljum: Das Erwarten und Erhoffen divergiert sehr, muss ich sagen. Insbesondere weil wir auch mit Personen in Kontakt sind, die in der Vorbereitung der Konferenz eingebunden waren. Wir arbeiten zum Beispiel mit der UNIDO zusammen, die hier in Wien ihren Sitz hat und einer der Hauptorganisationen ist, die Themen wie „Green economy“ oder „Green industry“ inhaltlich vorantreiben will. Und da hatten wir einige Gespräche, die aus meiner Sicht sehr ernüchternd waren, weil es so schwierig ist, sich in der Weltgemeinschaft auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu einigen, was konkrete Ziele, konkrete Maßnahmen und konkrete Kooperationen betrifft. In diesem Sinne erwarte ich mir sehr wenig abseits eines schön klingenden Dokuments, das wir alle unterstützen können, das aber wahrscheinlich auch relativ nichtssagend ist.

Und was sollte im Idealfall Ihrer Meinung nach bei der Konferenz herauskommen?

Giljum: Im Idealfall würde ich mir eine konkrete Roadmap wünschen, die sowohl seitens der Industrieländer als auch der Schwellenländer echte Commitments zur Nachhaltigkeit beinhaltet. Ich glaube, dass die Industrieländer die Hauptverantwortung tragen, dass sich im Bereich internationaler Umweltabkommen so wenig tut, weil wir in den reichen Ländern letztendlich nicht bereit sind, finanzielle Mittel bereitzustellen und nachhaltige Wege einzuschlagen. So lange wir das selber nicht tun, ist es nur legitim, dass Länder wie China sagen: Also wir holen jetzt einmal auf, wir wollen auch einmal einen Lebensstandard erreichen, der unsere Bedürfnisse gut deckt. Aus dieser Pattsituation muss man irgendwie aussteigen. Die Industrieländer sind gefordert, die ersten Schritte zu setzen. Natürlich geht es auch darum, Schwellenländer einzubeziehen in diese internationale Zusammenarbeit. China zum Beispiel ist jetzt schon größter Klimagasemittent und mit Abstand größter Material- und Rohstoffverbraucher weltweit. Das heißt, ein Abkommen ohne die Schwellenländer hat auch keinen Sinn. Aber die werden nur einsteigen, wenn sie merken, dass wir bereit sind, wirklich substanzielle Schritte zu setzen. Das sehe ich im Moment nicht, insbesondere jetzt in Zeiten wirtschaftlicher Schwierigkeiten, wo die Prioritäten sowieso ganz andere sind. Stichwort Wachstum und Beschäftigung, da ist das Thema Nachhaltigkeit leider weit hintan gereiht.

Sie haben Wachstum angesprochen: Ist Wachstum eigentlich ein Widerspruch zu nachhaltigem Ressourcenverbrauch oder muss sich das gar nicht ausschließen?

Giljum: Da muss man zwei Dinge beachten: Das eine ist – und das wird auch im politischen Dokumenten auf der EU-Ebene sehr stark hervorgehoben –, dass Ressourceneinsparungen letztendlich sogar Wachstum fördern können, weil Unternehmen Kosten reduzieren. Wenn ich für Produkte nur noch die Hälfte der Rohstoffe brauche, kann ich billiger erzeugen oder meine Profitrate erhöhen. Das sind Punkte, die tendenziell die Nachfrage erhöhen und Wachstum fördern. Es wird das Thema Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz auch unter diesem wirtschaftlichen Kontext sehr oft diskutiert. Wir brauchen Ressourceneffizienz, weil das unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit steigern wird. Auf der anderen Seite muss man auf der Gesamtebene schlussfolgern, dass letztendlich doch ein Widerspruch zwischen unendlichem Wirtschaftswachstum und der Endlichkeit unseres Planeten bestehen wird. Wir sehen, dass wir immer effizienter produzieren, das heißt: Pro Euro brauchen wir immer weniger Rohstoffe und immer weniger Energie; auch wird immer weniger CO2 emittiert. Aber dadurch, dass wir wachsen, immer mehr produzieren und konsumieren, werden diese positiven Effekte überkompensiert. Das heißt, die Footprint-Indikatoren gehen alle tendenziell nach oben, obwohl wir immer effizienter werden. Die Hoffnung, dass sich das Problem alleine durch Effizienz löst, wird nicht aufgehen.

Weltweit ist die Ressourcennutzung höchst ungleich verteilt. Wie hängen die Themen Armut und Nachhaltigkeit zusammen?

Giljum: Erstens ist das Thema internationaler Handel zu erwähnen, weil wir in unseren Studien zeigen, dass eigentlich die Länder, die schon einen sehr geringen Verbrauch haben, dann auch noch Rohstoffe netto an die OECD-Länder exportieren. Das heißt, dass jene, die an sich schon einen hohen Verbrauch haben, auch noch zusätzliche Ressourcen aus anderen Ländern beziehen. Es besteht also ein Abfluss von Ressourcen, die eigentlich auch in den Regionen selber genutzt werden könnten, um dort die Wirtschaft aufzubauen und zu stärken. Zweitens spielt sicher das Thema Bevölkerungswachstum eine Rolle. Ich denke, da gibt es viele Aspekte, die hier mit hineinspielen. Interessant ist, dass wir zeigen können, dass in den Schwellenländern China, Indien, Brasilien unglaubliche Wachstumsdynamiken im Gange sind und dass viele dieser Länder einen Verbrauch haben, der schon ähnlich hoch ist wie der in Europa. Früher hat man immer gesagt: Wir verbrauchen dreimal so viel oder zehnmal so viel wie Länder wie China, das ist jetzt nicht mehr der Fall. Insbesondere deshalb, weil diese Länder jetzt sehr stark in der Industrialisierungsphase sind und sehr viel in Infrastruktur investieren. Da sind unglaublich viele materielle Ressourcen notwendig, um das riesige Wirtschaftssystem am Wachsen zu halten. Und das wird in den nächsten Jahren große Auswirkungen haben auf dem Weltmarkt.

Sie gehen also nicht davon aus, dass sich der Trend in den nächsten Jahren ändern wird?

Giljum: Nein, in den Schwellenländern gehe ich gar nicht davon aus. Insbesondere, weil sich die Schwellenländer auf dem klassischen Industrialisierungspfad bewegen, wo wir nach dem zweiten Weltkrieg waren. Darum halte ich es für so wichtig, dass wir auch in den Industrieländern Modelle entwickeln, die ein Vorbild sein können für eine Alternative. Solange wir die nicht entwickeln, wird die Tendenz weiterhin sehr bedenklich sein.

Psychologisch scheint das jedoch die genau entgegengesetzte Wirkung zu haben und es heißt: Jetzt, wo die Schwellenländer so stark aufholen, brauchen wir erst recht geringere Abgaben für die Industrie, damit unser Standort wettbewerbsfähig bleibt.

Giljum: Ja, das ist richtig, wobei wir uns auch die Frage stellen müssen: Mit welchen wirtschaftlichen Aktivitäten werden wir in Europa erfolgreich sein können gegen Länder wie China oder südostasiatische Länder mit noch niedrigerem Lohnniveau? Über die Lohnschiene wird es sicher nicht gehen. Über die Rohstoffschiene wird es auch nicht gehen, weil wir in Europa viele Rohstoffe gar nicht selber haben. In dem Sinne wären Ressourceneffizienz, Ökoinnovationen und neue Wirtschaftsmodelle eine Schiene, die für Europa eine Nische sein könnte. Im Moment ist eine Trendumkehr aber nicht am Horizont zu sehen – trotz vieler Initiativen in dem Bereich.

Stefan Giljum ist Leiter der Forschungsgruppe „Nachhaltige Ressourcennutzung“ am Sustainable Europe Research Institute (SERI) in Wien.