Back to list

„Die bestehenden Governance-Prozesse sind angesichts der steigenden Globalisierung weitgehend ungeeignet“

5 Fragen an Ana Jakil, Referentin für die Koordination der Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik im Bundeskanzleramt.

Wie sind Sie zu Ihrem Forschungsgebiet gekommen?
Zwischen 2001 und 2007 arbeitete ich als Studienassistentin an der Universität Wien, an der Los Angeles State University – Dominguez Hills sowie als Forschungsstipendiatin für das Ökosoziale Forum Europa und für das Millenium Project von The American Council for United Nations University. Dabei beteiligte ich mich an zahlreichen nationalen, EU und internationalen Forschungsprojekten zur Nachhaltigkeitskommunikation, Nachhaltigkeits- und Zukunftsforschung und zur Governance für nachhaltige Entwicklung. Seit 2007 bin ich als Referentin für die Koordination der Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik im Bundeskanzleramt Österreich tätig, wo ich u.a. die Umsetzung der Gesamtösterreichischen Nachhaltigkeitsstrategie (ÖSTRAT) und die Erneuerung der Nationalen Strategie für nachhaltige Entwicklung (NSTRATneu) koordiniere. Von 2009 bis 2011 leitete ich die österreichische Delegation bei der Jährlichen Sitzung der Nachhaltigkeitsexperten der OECD und die OECD AMSDE Arbeitsgruppe „Sustainability Impact Assessment“. Im Jahr 2011 schloss ich mein Doktoratsstudium aus Politikwissenschaft an der Universität Wien mit einer Dissertationüber „Sustainability Governance Foresight – Towards Bridging the Knowledge Gap between Policy Analysis and EU Governance for Sustainable Development“, ab.

Was kann jeder und jede Einzelne zur Nachhaltigkeit beitragen?
Jede/r Einzelne kann insbesondere durch die Anpassung der eigenen Konsumanspruche unter dem Gesichtspunkt ihrer ökologischen und sozialen Gerechtigkeit zur Nachhaltigkeit beitragen. Im Allgemeinen ruft das Konzept der nachhaltigen Entwicklung zumvernetzten, langfristigen, globalen, ganzheitlichen Denken sowie zum proaktiven zivilgesellschaftlichen Engagement und zur persönlichen Verantwortung jedes Einzelnen für das Gemeinwohl und für die nächsten Generationen auf. Der erste Schritt zum nachhaltigen Handeln jedes Einzelnen besteht also darin, die Welt durch die Nachhaltigkeitslinse wahrzunehmen. Dazu ist es notwendig, die eigenen Wahrnehmungs- und Denkmuster aus der Nachhaltigkeitsperspektive stets kritisch zu hinterfragen und anzupassen. Dabei sollten die eigenen kognitiven Barrieren zum nachhaltigen Denken wie z.B. sektorales, rein profit-orientiertes, kurzfristiges, nationalzentriertes, monokausales Denken sowie die „I will if you will“-Mentalität überwunden werden.

Welche Herausforderungen stehenauf globaler Ebene an? Was müsste getan werden, um eine nachhaltige Entwicklung zu erreichen?
Die bestehenden rigiden Governance-Prozesse, Governance-Instrumente und Governance-Strukturen sind u.a. angesichts der steigenden Globalisierung und der stark vernetzten Zivilgesellschaft weitgehend ungeeignet für eine nachhaltige Bewältigung von globalen Herausforderungen wie die Finanz-, Wirtschafts- oder Klimakrise. Daher bedarf es einer Anpassung globaler Governance für mehr nachhaltige Entwicklung. Ziel sollte insbesondere sein: Die Sensibilisierung der Politiken für die langfristige generationenübergreifende Perspektive, die Stärkung der Politikkohärenz über Verwaltungsgrenzen hinweg, die horizontale Integration sektoraler Politiken, die Stärkung der Multi-Stakeholder Ansätze, die Forcierung der qualitativen Ausrichtung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung sowie die Stärkung sozialer und persönlicher Verantwortung in allen Gesellschaftsbereichen für das Gemeinwohl der heute lebenden und der kommenden Generationen.

Trotz aller Bemühungen ist der Ressourcenverbrauch höher als je zuvor. Woran liegt das?
Der hohe Ressourcenverbrauch hängt mit zahlreichen Faktoren zusammen. Besonders hervorzuheben wäre das vorherrsche lineare Modell des Wirtschaftswachstums in der Wirtschaft und Politik (als ein Derivat der individualistisch orientierten Variante des Neoliberalismus), welches die Berücksichtigung der ambivalenten Auswirkungen des Wirtschaftswachstums auf den Wohlstand ebenso wie dessen naturgesetzliche und soziale Grenzen erschwert.

Welche Ergebnisse Ihrer Forschung oder Erkenntnisse zu dem Thema möchten Sie mit uns teilen?
Meine Dissertation „Sustainability Governance Foresight – Towards Bridging the Knowledge Gap between Policy Analysis and Governance for Sustainable Development” (Universität Wien, 2011) zeigt, dass obwohl nachhaltige Entwicklung (NE) seit 1997 ein im Vertrag festgelegtes übergeordnetes Ziel der Europäischen Union (EU) darstellt, die entsprechende Anpassung von Governance für mehr NE weiterhin eine höchst umstrittene Fragedarstellt. Bei der Suche nach wissensbasierter Politikberatung wenden sich die Entscheidungsträger daher vermehrt an die Policy-Analysten. Idealtypisch verspricht die Policy-Analyse als Teildisziplin der Politikwissenschaft nämlich, durch gezielte Anwendung der Theorie und der analytischen Methoden den Fokus der Entscheidungsträger zu schärfen und die kritischen Fragen sowie Alternativen für öffentliches Handeln zu identifizieren. Insbesondere der Foresight-Ansatz und die Zukunftsforschungsmethoden stellen zunehmend populäre Mittel für die ex-ante Policy-Analyse für Governance für NE dar. In der Praxis stößt die Policy-Analyse jedoch an ihre Grenzen. Governance für NE stellt das etablierte positivistische Konzept der Policy-Analyse und die damit verbundene traditionelle Rolle der Policy-Analysten in Frage. Als Forschungsobjekt verlangt sie nach gezielter Refokussierung der Forschungsprioritäten undnach Erweiterung bestehender Forschungsgrenzen in der Policy-Analyse.

Die Dissertation prüft kritisch das Anwendungspotenzial des Foresight-Ansatzes und der Zukunftsforschungsmethoden für die Schließung der Wissenskluft zwischen der Policy-Analyse und der Governance für NE. Dabei wird gezeigt, dass dieses Potential weitgehend von der Fähigkeit der Policy-Analysten abhängt, die Wahl und die Nutzung des Foresight-Ansatzes und der Zukunftsforschungsmethoden an zwei Faktoren auszurichten: an denkognitiven Barrieren der Entscheidungsträger bei deren Wahrnehmung der Governance aus der Nachhaltigkeitsperspektive sowie an den daraus resultierenden theoretischen, epistemologischen und methodologischen Anforderungen der Policy-Analyse für Governance für NE. Zur Unterstützung solcher Reflexivität und Selbstkontrolle der Policy-Analysten wird in der Dissertation ein umfassender Rahmen für Sustainability Governance Foresight (SGF) entwickelt. Dieser Rahmen beinhaltet: (1) die Typologie der kognitiven Barrieren der Entscheidungsträger bei deren Wahrnehmung von Governance durch die Nachhaltigkeitslinse, (2) die Typologie der Defizite etablierter theoretischer Ansätze für die Policy-Analyse für Governance für NE, (3) die paradigmatische Typologie der Zukunftsforschungsmethoden für SGF, (4) die Typologie der Epistemologien für SGF, und (5) die forschungsmethodologische Heuristik für SGF.