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„Der Wasserverbrauch hat kritische Dimensionen angenommen“

5 Fragen an Susanne Muhar, Professorin an der Universität für Bodenkultur Wien.

Wie sind Sie zu Ihrem Forschungsgebiet gekommen?

Viele Themen, mit denen wir als Studierende an der Boku konfrontiert wurden, waren interessant und hatten unmittelbar damit zu tun, wie wir heute und zukünftig mit unserer Umwelt umgehen. Das trifft speziell auch für Fließgewässer zu. Eine spannende Diplomarbeit – schon damals Teil eines fachübergreifenden Projektes an einem österreichischen Alpenvorlandfluss – hat mir eine erste fachliche Auseinandersetzung mit Gewässernermöglicht. Sie sind bis heute zentrales Thema meiner Arbeiten.

Mit welchem Thema der Nachhaltigkeitsforschung befassen Sie sich?
Die zentralen Forschungsthemen unserer Arbeitsgruppe sind auf den Schutz und die Regeneration von Fließgewässer-Ökosystemen ausgerichtet. Dabei geht es – als Grundlage für die Umsetzung von gewässerbezogenen Projekten – um die Erforschung der funktionellen ökologischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Zusammenhänge in Einzugsgebieten. Darauf aufbauend gilt es, integrative Planungsansätze weiter zu entwickeln – integrativ im Sinne eines fächerübergreifenden und verstärkt transdisziplinären Arbeitens. Das bedeutet beispielsweise, für einen gesamten Fluss- und Talraumgemeinsam mit den BewohnerInnen und NutzerInnen der Region und natürlich den fachlich Zuständigen aus der Verwaltung Problemlösungen zu finden und Perspektiven zu entwickeln. Dafür bedarf es neuer Methoden der Erfassung, Bewertung und letztlich kooperativen Planung.

Was kann jede und jeder Einzelne zur Nachhaltigkeit beitragen?
Ich denke, mehr als wir gerne wahrnehmen wollen. Die Forderung nach einer nachhaltigeren Lebensweise ernst zu nehmen würde in unserem Alltagebenso wie in unserer Arbeitswelt kritisches Hinterfragen und konsequente Veränderungen erfordern.

Es ist bei alltäglichen Gewohnheiten unseres Konsums, Arbeitsweges, Lebensstils, aber ebenso bei der Gestaltung der Forschung anzusetzen – da geht es konkret um die Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeitsthemen an sich, aber auchbeispielsweise um Alternativen zumglobalen Kongress- und Projekt „Tourismus“.
Und es gilt, nicht müde zu werden, Veränderungen im Kleinen immer wieder anzugehen, die Verbindlichkeit sich selbst gegenüber einzufordern – durch Kommunikation und Zugehörigkeit zu Menschen oder Gruppen mit ähnlichen Vorstellungen eines nachhaltigeren Lebens und die Balance zu finden zwischen Lebensfreude und -genuss und konsequentem Handeln, das manchmal wohl Veränderung, aber eben auch Verzicht auf Bequemlichkeit bedeutet.

Welche Herausforderungen stehenauf globaler Ebene an? Was müsste getan werden, um eine nachhaltige Entwicklung zu erreichen?
Wir hören dazu fast täglich Aussagen in den Medien – von extremen Untergangsszenarieneinerseits und den – aktuell gerade beunruhigend – beruhigenden Verheißungen der Green Economy. Ich möchte diese Frage auf Fließgewässer-Ressourcen in Europa eingrenzen: Die Vielfalt der ökologischen wie auch sozio-ökonomischen Funktionen unserer Gewässer wurde durch intensive menschliche Nutzungen über Jahrhunderte reduziert; heute stehen wir vor der Situation, dass die großen europäischen Flusssysteme weitgehend reguliert und im Alpenraum vielfach auch durch Wasserkraftwerke in Stauketten oder Ausleitungsgerinne umgewandelt wurden. Zudem hat der Wasserverbrauch kritische Dimensionen angenommen.

Dennoch ist das Regenerationspotenzial vieler unserer Kulturlandschafts-Flüsse hoch. Der EU-weite sowie nationale rechtliche Rahmen, die Vielzahl an realisierten sowie laufenden Projekten zur Sanierung der Fließgewässer und die in vielen Talräumen beobachtbaren Aktivitäten zum Schutz naturnaher Gewässerabschnitte und natürlicher Hochwasserrückhalträume sind wohl Indiz für einen veränderten, nachhaltigeren Umgang mit diesen Ressourcen.

Es wird davon abhängen, welche Schwerpunkte in unmittelbarer Zukunft in der Gewässerpolitik gesetzt werden. Einen der gravierendsten Eingriffe – vor dem Hintergrund eines bereits hohen energiewirtschaftlichen Ausbaugrades der alpinen Fließgewässer – stellen Wasserkraftwerke dar; halten wir uns nur einmal vor Augen, dass bereits heute alleine in Österreich knapp 4.000 Kraftwerksanlagen und weitere 2.000 Kleinstkraftwerke bestehen. Die Perspektive eines mehr oder weniger durchgehend genutzten, durch unzählige Barrieren fragmentierten Gewässernetzes ist sehr wohl eine durchaus realistische – wenn wir das Problem des steigenden Energiebedarfs nicht mittels nachhaltiger Technologien in Kombination mit verändertem Nutzungsverhalten lösen.

Trotz aller Bemühungen ist der Ressourcenverbrauch höher als je zuvor. Woran liegt das?
An der Ignoranz gegenüber alternativen Technologien, dem Machbarkeitsglauben von uns Menschen, dass wir letztlich alles im Griff haben, dem Beharren auf ressourcenaufwendigen Gewohnheiten. Dazu kommen die Veränderungen in den Lebensgewohnheiten der Bevölkerung in Schwellenländern, gepaart mit dem erstmals markant steigenden Ressourcenverbrauch. Solange Wirtschaftswachstum weiterhin als unverrückbares Paradigma weltpolitische wie auch nationale Entscheidungen bestimmt und zudem direkt gekoppelt ist mit dem Verbrauch natürlicher Ressourcen, sind wir weit entfernt von einem nachhaltigen Umgang mit unseren und den Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen.