Back to list

„Der Input an die Gesellschaft wird immer besser“

Nach dem Reaktorunglück in Fukushima gerieten Berechnungen von Gerhard Wotawa in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses. Im Interview spricht er über den Nutzen von Erdbeobachtungs-Systemen und seine Erfahrungen mit den Medien.

Sie haben von 2000 bis 2009 als Athmospharic Science Officer bei der Comprehensive Nuclear-Test-Ban Treaty Organisation (CTBTO) gearbeitet, die in Wien ihre Zentrale hat. Was tut diese Organisation und was haben Sie dort gemacht?

Wotawa: Das ist ein Vertrag, der der in den 90er Jahren beschlossen wurde, aber bis jetzt nie in Kraft getreten ist, da er in vielen Ländern – unter anderem in den USA – ratifiziert werden muss. Das tun sie aber nicht. Der Vertrag verbietet Atomtests in allen Medien, also in der Atmosphäre, im Untergrund und klarerweise auch im Weltraum. Um das kontrollieren zu können, ist ein internationales Monitoring-System aufgebaut worden. Das gibt es zum Großteil eigentlich schon und misst die Strahlung, Radioaktivität in der Atmosphäre und Erdbebenwellen. Diese Daten fließen in einer Zentrale in Wien zusammen und sind confidential. Deswegen ist das auch nicht so großartig bekannt. Durch Fukushima ist die Organisation ein bisschen bekannter geworden, weil ihre Daten ganz interessant waren und die Japaner in den ersten Wochen sehr wenig abgeliefert haben. Während meiner neun Jahre bei der CTBTO war ich am Aufbau von diesem Datenzentrum beteiligt.

Wie viele Stationen gibt es da weltweit?

Wotawa: Zur Messung der Radioaktivität sollen circa 80 aufgebaut werden. Derzeit gibt es auf jeden Fall schon über 60. Die restlichen 20 sind ein bisschen komplizierter, die sind dann in der Antarktis oder teilweise auch in Ländern, die dem Vertrag noch nicht so positiv gegenüberstehen. Aber im Prinzip ist eigentlich alles da, es fehlt jetzt nur noch die Ratifizierungsurkunde der Amerikaner und der Chinesen.

Heute sind Sie Koordinator von GEO Österreich. Worum geht es da genau?

Wotawa: GEO ist im Wesentlichen so eine Art freiwillige Vereinigung von Ländern, die gesagt haben, wir bauen gemeinsam GEOSS auf. Bei GEOSS geht es um Erdbeobachtung und wird dominiert von den Ländern, die auch Satellitenprogramme haben, das ist klar. Wir aus Österreich haben natürlich eher In-Situ-Observationen.

Sie waren im Zuge von Fukushima im vergangenen Jahr weltweit in den Medien vertreten. Was haben Sie denn damals genau beobachtet?

Wotawa: Als der Kernkraftwerksunfall von Fukushima aufgrund des Erdbebens und des Tsunamis passierte, war die Datenlage relativ dürftig. Aufgrund des Unfallszenarios hat man sich erwartet, dass in Fukushima etwas ganz Schlimmes passiert ist, weil die Reaktoren tagelang ohne jede Kühlung waren und da weiß man eben, dass es aufgrund von Restzerfallswärme usw. Probleme geben muss. Es wurde aber sehr wenig bekannt. Ich wusste von den Daten von der CTBTO, die ja an sich geheim sind, und hab einfach im Außenministerium angerufen und gefragt, ob wir die verwenden und auch publik machen dürfen. Der Chef der dafür zuständigen Abrüstungsabteilung des Außenministeriums hat auch bei der CTBTO gearbeitet. Der hat gesagt: Ja, da hast du eigentlich Recht, das müssen wir machen. Dann haben wir uns diese Daten angesehen und damit größenordnungsmäßig die Freisetzung von Radioaktivität von diesem Reaktor berechnet und publiziert – gar nicht einmal so schlecht, wie sich im Nachhinein herausgestellt hat. Da waren wir die ersten, die das gemacht haben. Dass auf einmal das japanische Fernsehen anruft oder CNN gerne eine Aufnahme hätte, war für mich auch eine neue Erfahrung. Das war schon ganz lustig damals.

Ziemlich kurz nach Fukushima ist auf Spiegel Online eine Gegenüberstellung erschienen – ein deutscher Wissenschaftler und Sie. Er hat gesagt, Fukushima sei schlimmer als Tschernobyl, Sie haben gesagt, bislang sei es noch nicht so schlimm. Wie sieht das aus heutiger Sicht aus?

Wotawa: Naja, wir haben eigentlich beide Recht gehabt. Man muss bei Reaktoren immer unterscheiden: Da gibt es Stoffe, die ganz leicht entweichen, es gibt Stoffe, die mittelmäßig entweichen, und dann gibt es Stoffe, die ganz schwer entweichen. Bei Tschernobyl gab es eine Explosion, der Reaktor hatte auch kein Containment. Der ist einfach in einer Halle gestanden. Bei der Explosion wurde das Dach der Halle durchschlagen und alles ist freigesetzt worden. Daher ist aus Tschernobyl alles rausgekommen, von leicht flüchtigen Stoffen bis Plutonium. Bei Fukushima ist es so: Alles, was leicht flüchtig war, ist entwichen. Nachdem dort aber drei Reaktoren in Betrieb waren, war das alles dreimal so arg – bezogen auf diese flüchtigen Substanzen. Von den Substanzen, von denen die größten Gesundheitswirkungen ausgehen, also im Wesentlichen Cäsium von den Langfristfolgen her und Jod für die ersten 20 Tage ungefähr, ist aber weniger rausgekommen als bei Tschernobyl. Das hab ich damals schon gewusst, deswegen habe ich das auch so formuliert. Damit kann man sagen: Bei den ganz leicht flüchtigen Substanzen war Fukushima sicher schlimmer als Tschernobyl, aber auf der anderen Seite sind die langfristigen Folgen beschränkter als bei Tschernobyl. Die Region, die schwer verstrahlt ist, ist also wesentlich kleiner.

Was auch mit den Windströmungen zu tun hatte…

Wotawa: …und auch mit der Freisetzung. Man muss sich vorstellen: Das eine war eben wirklich ein Unfall, da steht ein Reaktor in einer Halle, und den zerfetzt es. Material vom Reaktor ist dort auf dem Dach gelandet. In Japan hat man einen Reaktor, der in einem guten Containment ist und zusätzlich auch noch in einem ganz festen Behälter steht. Den hat es natürlich auch zerlegt, aber eben nur teilweise. Dadurch sind die Substanzen eben weniger in die Umwelt gelangt.

Die ZAMG betreibt auch ein internes Projekt namens „Environmental Emergency Response System Austria“. Wozu dient das?

Wotawa: Für verschiedene Notfälle und Unfälle gibt es verschiedene Abteilungen bzw. verschiedene Modelle, die zur Verfügung stehen. Da war nicht nur Fukushima, sondern es fanden im Jahr davor auch der Vulkanausbruch in Island und knapp danach die Waldbrände in Moskau statt, wo auch Fragen über Radioaktivität in der Luft aufgekommen sind. Auch gab es diesen Vorfall mit dem Rotschlamm in Ungarn. Bei all diesen Dingen haben wir bemerkt, dass wir ziemlich ad hoc reagieren müssen. In dem Projekt versuchen wir herauszufiltern, ob wir dieses Modellsystem ein bisschen vereinheitlichen können und ob wir da zu einheitlichen Strategien kommen können, sodass wir nicht bei jedem Mal neu überlegen müssen, was muss man jetzt tun, was kann man tun, was wollen die Stakeholders von uns haben und so weiter. Das ist ein technisches Projekt, das ist aber auch ein Projekt, wo es um emergency preparedness von unserer Organisation insgesamt geht. Sozusagen: Wie bereit sind wir für Unfälle und Notfälle?

Wie wichtig ist da der Faktor Zeit? Wenn irgendwo ein Unglück passiert, müssen Sie dann im Notfall aus dem Bett springen und in die Arbeit fahren?

Wotawa: So in der Art, also bei Fukushima bin ich mir nicht ganz sicher, ob ich im Pyjama ins Büro gefahren bin. Der Faktor Zeit ist also schon wichtig. Als ich bei der CTBTO gearbeitet habe, hat es ja auch diese Atomversuche in Nordkorea 2006 und 2009 gegeben. Das war zwar eine Geheimaktion, aber in den Mitgliedstaaten musste berichtet werden und sehr schnell etwas geschehen. Was ich da gelernt habe, ist, dass alles, was da passiert, hilfreich sein muss. Es hilft nichts, wenn ich einen Blödsinn abliefere. Das muss wirklich etwas sein, das die Probleme adressiert. Das Zweite ist, dass es schnell sein muss. Und das Dritte, das ich gelernt habe: Es muss eine neutrale Information sein. Es hilft nicht, einfach andere in ein schlechtes Licht zu rücken. Insbesondere soll man auch keine anderen Organisationen oder andere Länder tadeln. In der Situation ist das meiner Meinung nach schlecht. Was man ein Jahr später tut ist eine andere Geschichte. Aber in der Situation sollte man hilfreiche Information liefern.

Welchen Vorteil bringt das?

Wotawa: Wir haben zum Beispiel nie etwas gegen Japan gesagt bei diesem Notfall. Insofern hat sich das als positiv erwiesen, weil wir dann zum Beispiel von der japanischen Botschaft hier in Wien auch ein paar Informationen bekommen haben. Die haben sich dann auch bei uns bedankt für das, was wir tun, weil die selber froh waren, dass irgendein Land auch etwas tut. Aber wenn wir jetzt hingehen und sagen: „Die haben uns keine Informationen geliefert, die sind böse und schlecht“, dann hätten die uns nie etwas gesagt. Das sind so die Lehren, die ich ziehe. Auch beim Vulkanausbruch: Was hätte es geholfen, wenn man gesagt hätte: „Die Austro Control macht was schlecht“ oder so. Erstens stimmt es nicht und zweitens hätte es nur dazu geführt, dass ein Kleinkrieg entsteht.

Das heißt, Sie wandeln in diesen Fällen auf Messers Schneide?

Wotawa: Jaja, klar. Die Journalisten kommen ja, halten einem das Mikrofon hin und sagen: „Das sind alles Idioten, nicht wahr?“ Da muss man eben sagen: „Nein, das stimmt so nicht.“ OK, dann trete ich eben nicht in der Zeit im Bild 1 auf, mir reicht die ZIB24 auch.

Was ist der praktische Nutzen von diesem Monitoring? Inwiefern kann man sich auf solche Katastrophen einstellen?

Wotawa: Naja, einstellen kann man sich nur bedingt, weil die nächste Katastrophe immer anders ist als die vorherige. Aber was wichtig ist, ist, sich zu überlegen – und das passiert in diesen Katastrophenfällen sehr rasch: Was ist mein Beitrag dazu? Was können wir machen, um sozusagen ein Add-on zu liefern zu dem, was andere tun. Bei Fukushima war das eben genau dieser Konnex zu diesen CTBTO-Daten, wo ich eben der Experte bin, nachdem das alles so geheim ist. Das hat dann dazu geführt, dass die Japaner dann auch irgendwann einmal mit ihren Daten, Analysen und Abschätzungen herausgerückt sind und auch andere Länder das gemacht haben. Beim Vulkanausbruch war es damals eigentlich innerösterreichisch. Wir haben damals gesehen, dass wir im Gegensatz zur Flugsicherheit Modelle haben, mit denen wir die Vulkanasche in der Luft verfolgen und Vorhersagen machen können, worauf wiederum Planungen basieren können. Es war ja damals auch so, dass Österreich ein oder zwei Tage früher den Luftraum aufgemacht hat als Deutschland. Ich weiß nicht, was sich Österreich da erspart hat an Geldern, aber es ist wahrscheinlich im Bereich unseres Jahresbudgets – eher mehr.

Es gab damals einen Konflikt, weil sich Fluglinien beschwerten, dass der Flugraum zu lange gesperrt gewesen sei. Stehen Sie in solchen Fällen unter großem Druck?

Wotawa: Mir ist es völlig egal, was die sagen. Ich verstehe das ja völlig – Fluglinien möchten fliegen. Auf der anderen Seite gibt es Prozeduren bei Vulkanasche. Und die Prozeduren wurden damals korrekt implementiert. Das einzige Problem war, dass nicht bekannt war, ob es einen Toleranzfaktor gibt. Vertragen das die Flugzeuge, vertragen sie es nicht? Darüber wurde nachher diskutiert und jetzt ist man ein bisschen schlauer und sagt: OK, bestücken wir das System mit einem Toleranzfaktor. Aber zum damaligen Zeitpunkt ging das natürlich nicht.

Haben Sie einen Wunsch an die Politik, wo Sie sagen: Da müsste man mehr tun?

Wotawa: Die Politik ist ja generell in der schwierigen Lage zu sagen: Was sind die Vorschriften? Was sind die Prozeduren? Bei Vulkanasche können wir ihnen als technische Personen sagen, was wir rechnen können. Wir können sagen, was wir messen können. Und wir – also nicht ich oder die ZAMG, aber andere – können ihnen sagen, was Flugzeugtriebwerke wiederum aushalten. Aber die letztendliche Entscheidung muss ein Politiker treffen und sagen: OK, das wird so oder so gemacht. Das Einzige, was ich persönlich gut fände, ist, dass man diese Entscheidungen weitgehend auf technischer Ebene belässt und man sich daran hält, was auf wissenschaftlicher Ebene kommt. Bei politischen Entscheidungen haben wir das Problem, dass unsere Umwelt nicht politischen Gegebenheiten folgt, sondern eben ganz anderen Gegebenheiten. Das ist ein Riesenunterschied zur Wirtschaft, weil bei der Wirtschaft kann natürlich ein Politiker sagen: Das wollen wir nicht und das stoppen wir jetzt. Aber die Umwelt hält sich eben nicht daran, was der Politiker sagt. Und dadurch wäre es ganz gut, wenn die Politik weiterhin auf den technischen Input hört – natürlich gewichtet und richtig gewertet.

Wenn Sie die Chance hätten, ein Statement in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken – wie würde es lauten?

Wotawa: In der heutigen Zeit spielt der Nutzen für die Gesellschaft eine immer größere Rolle. Früher hieß es bei vielen Prozessen wissenschaftlicher und technischer Natur: Ich will es wissen, ich will es messen, ich will Analysen machen. Da wurde früher nie die Frage gestellt: Was bringt es der Gesellschaft? Was bringt es der Wirtschaft? Das wird immer wichtiger und der Input an die Gesellschaft wird immer besser. Wissenschaft und Technik sind auf einem Demokratisierungsweg.

 

Gerhard Wotawa arbeitet an der Zentralanstalt für Meteorologie (ZAMG) als Koordinator von GEO-Österreich.