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„Der eigene Nutzen steht eben oft über dem allgemeinen Nutzen“

Die Kultur- und Sozialanthropologin Anja Christanell über nachhaltigen Konsum, eingefahrene Gewohnheiten und jugendliches Engagement.

Sie setzen sich mit dem Thema nachhaltigen Konsum auseinander. Was hindert die Menschen denn daran, nachhaltig zu konsumieren?

Christanell: Häufig sind es die eigenen Gewohnheiten, alltägliche Routinen und auch Komfort und Gemütlichkeit. Wir machen gewisse Dinge so, wie wir sie immer gemacht haben. Natürlich ist es auch eine Frage des Angebots, das ist klar. Im Bereich Ernährung haben zum Beispiel Biolebensmittel schon breitere KäuferInnenschichten erreicht. Aber andere Konsumgüter, wie zum Beispiel Kleider aus fairer und umweltschonender Produktion, sprechen noch immer nur gewisse Zielgruppen an. Da stellt sich dann auch die Frage: Für wen ist nachhaltiger Konsum überhaupt leistbar? Ich finde, die Politik hat die AufgabeRahmenbedingungen zu schaffen, die den Konsum von nachhaltigen Gütern für die gesamte Gesellschaft erleichtern.

Wie kann das konkret aussehen?

Christanell: Angebote zu nachhaltigen Produkten und Dienstleistungen sollten verstärkt gefördert werden. Aber ich finde auch, dass Regulierungen wichtig sind. Nicht-nachhaltige Produkte und nicht-nachhaltige Serviceleistungen sollten weniger gefördert oder zum Teil auch verboten werden, wie zum Beispiel Plastiktaschen in Supermärkten, die vor kurzem in Los Angeles und seit längerem schon in San Francisco verboten wurden. Man sollte nicht immer nur auf die Macht der KonsumentInnen hoffen, sondern es braucht auch politische Regulierungen.

Wie schaut es denn mit der Jugend aus? Die hat ja noch nicht diese alten Gewohnheiten – steht sie damit nachhaltigem Konsum aufgeschlossener gegenüber?

Christanell: Ich würde sagen ja und nein. Wir arbeiten viel mit Jugendlichen zusammen und da gibt es große Unterschiede. Zum Teil sind Jugendliche sehr motiviert, sehr engagiert, sehr interessiert, wenn man mit ihnen zu Themen wie nachhaltige Entwicklung und nachhaltiger Konsum diskutiert und arbeitet. Es gibt aber auch Jugendliche, die das nicht wirklich interessiert. Ich finde, dass nachhaltige Entwicklung auch ein Bildungsauftrag sein sollte. Das kann auch über Umwege passieren. Wir haben zum Beispiel im Sparkling Science-Projekt MY LIFE – MY STYLE – MY FUTURE nicht nur versucht, Jugendliche für das eigene Konsum- und Kommunikationsverhalten zu sensibilisieren, sondern sie vor allem auch ermutigt, sich ihre eigene Meinung zu bilden, zu hinterfragen, zu analysieren. Zum Beispiel haben sie in Rhetorik- oder Grafikdesign-Workshops gelernt, wie sie ihre Anliegen und ihre Sicht auf Entwicklungen in der Welt artikulieren oder kreativ ausdrücken können. Und da ist dieses Empowerment von Jugendlichen über eine ganz andere Ecke gegangen, über das Fördern von Selbstbewusstsein, über das Zugestehen, dass sie in der Gesellschaft auch etwas zu sagen haben. Das hat etwas in Schwung gebracht, was man nur mit moralischen Appellen an das ökologische oder soziale Gewissen nicht erreicht hätte. In der Zusammenarbeit mit Jugendlichen geht es einerseits darum, an den Interessensgebieten der Jugendlichen anzuschließen, andererseits geht es auch um die Frage, wo sie ihre Verantwortung sehen. In unserem Projekt ABLE YOUTH, bei dem es um das Erforschen des eigenen Energieverbrauchs zuhause ging, meinten die SchülerInnen: „Naja für die Waschmaschine und so weiter, da sind unsere Eltern zuständig.“ Aber sie selbst sind zum Beispiel zuständig für Handys, PCs und den Stromverbrauch dieser Geräte. Da gilt es wirklich ganz genau hinzuschauen.

Inwiefern hängt das Selbstbewusstsein mit politischem Engagement zusammen?

Christanell: Es geht darum: Traue ich mich, gewisse Dinge anzusprechen? Traue ich mich, meine eigenen Anliegen auf die Agenda zu bringen? Da sind wir eigentlich schon beim politischen Engagement. Ein Schüler von uns, der sich sehr gegen das Angebot an Plastiktaschen im Handel und dergleichen engagiert, wurde mittlerweile auch mit anderen Jugendlichen zu einem Gespräch ins Parlament eingeladen. Dieses Fördern von Selbstbewusstsein schließt da direkt an – „ich hab was zu sagen und die Leute hören mir auch zu“.

Welche Voraussetzungen braucht es noch, dass Veränderungen in der Gesellschaft stattfinden?

Christanell: Wenn man an nachhaltigen Konsum denkt und Veränderungen anstiften will, ist es sehr wichtig, dass man nicht nur mit dem Klimaschutz-Argument, mit ökologischen oder sozialen Argumenten kommt, weil diese nur für einen Teil der Gesellschaft prioritär sind. Alternativen sollten wirklich so attraktiv gestaltet sein, dass sie auch an andere Motive wie Lebensqualität, Status oder Gesundheit anschließen, und gut in den Lebensalltag von Menschen integrierbar sind. In der Umweltsoziologie wird diese Verknüpfung mehrerer Motive „Motivallianzen“ genannt. Motivallianzen zu schaffen hat wirklich Potenzial, Veränderungen zu bewirken. Der eigene Nutzen steht eben oft über dem allgemeinen Nutzen der Gesellschaft.

Was kann jeder und jede Einzelne zur Nachhaltigkeit beitragen?

Christanell: Ich finde, dass jede Einzelne oder jeder Einzelne etwas zur Nachhaltigkeit beitragen kann, indem er oder sie in den Bereichen beginnt, wo sie oder er die eigenen Kompetenzen am besten einbringen kann, und dabei mutiger wird, das zu tun, was am meisten Freude macht. Das kann die unterschiedlichsten Bereiche betreffen, sei es im eigenen Unternehmen, in der Schule oder am Biobauernhof. Diese Grundsatzdiskussionen, wo man jetzt ansetzen soll, bringen meist wenig. Einseitige Verantwortungszuschreibungen halte ich für nicht angebracht. Aber auch geteilte Verantwortung – wo alle für alles verantwortlich sein sollen – kann zu einer geteilten Verantwortungslosigkeit führen – wo sich letztendlich niemand mehr zuständig fühlt. Somit ist eigentlich die Frage relevant: „Wer ist verantwortlich für was?“. Und wenn man diese Frage beantwortet, lässt sich erkennen, wer in welchem Bereich zuständig ist und was jede Einzelne oder jeder Einzelne innerhalb der Spielregeln – oder manchmal auch durch das Ändern dieser Spielregeln – verändern kann.

Welche Herausforderungen stehen auf globaler Ebene an?

Christanell: Für mich sind die Einhaltung der Menschenrechte, die Armutsbekämpfung sowie eine gerechte Verteilung von Ressourcen sehr wichtige Themen. Die würde ich auf globaler Ebene auf die höchste Agenda stellen. Das sind auch Fragen, die aus meiner Sicht manchmal untergehen. In der Nachhaltigkeitsforschung wird – zu Recht – seit Jahren darauf hingewiesen, dass wir nicht weiterhin die Ressourcen der künftigen Generationen verbrauchen dürfen. Ich finde aber, dass man nicht nur auf die intergenerationale Gerechtigkeit fokussieren soll, sondern auch auf die intragenerationale Gerechtigkeit. Wir sehen tagtäglich, was das mit anderen Gesellschaften macht. So, wie wir in der industrialisierten Welt Ressourcen verbrauchen, würden wir mehrere Planeten brauchen. Das hat erst jetzt wieder der Living Planet Report vom WWF deutlich gemacht. Es sind nicht nur die zukünftigen Generationen, die Schaden nehmen, sondern eben auch andere Gesellschaften in unserer Gegenwart, auf deren Kosten wir derzeit leben. Das ist für mich ein sehr, sehr wichtiger Punkt: Wer hat Zugang, wie sind die Machtverhältnisse, wie sind die Ressourcen verteilt – nicht nur in Österreich, sondern auch auf globaler Ebene.

Armutsbetroffene Gesellschaften sind ja nicht gerade die mit dem größten politischen Einfluss. Wie zuversichtlich sind Sie, dass die Industriestaaten künftig mehr auf benachteiligte Gesellschaften Rücksicht nehmen?

Christanell: Die Zuversicht pendelt! (lacht) Wenn ich mir ansehe, wie sehr jetzt wieder wirtschaftliches Wachstum in den Fokus gerückt wird… Es ist eben so, dass in der Politik dieses Entweder/Oder herrscht. Warum kann man nicht soziale und ökologische Ziele miteinander verbinden? Wieso darf es nur Wachstum sein und alles andere wie soziale Anliegen oder Bildungsfragen müssen liegenbleiben? Ich sehe sehr viele positive Entwicklungen in unserer Gesellschaft, wo Menschen motiviert sind, wo sie engagiert sind, Zivilcourage beweisen, wo sie unternehmerisch denken und zugleich verantwortlich handeln, bewegen, verändern. Das finde ich immer wieder sehr faszinierend, inspirierend und stimmt mich auch sehr zuversichtlich. Andere Entwicklungen in unserer Gesellschaft können einen weniger zuversichtlich stimmen. Das Wissen über diese weniger positiven Entwicklungen ist aber ebenfalls wichtig und notwendig. Würden wir diese ausblenden, müssten wir ja die ganze Zeit nur mit einer rosa Brille durch die Gegend rennen.

Anja Christanell ist Geschäftsführerin des Österreichischen Institut für Nachhaltige Entwicklung (ÖIN).