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„Das hat man fast überall auf der Welt“

Jahrelang hat Michael Jungmeier mit seinem Unternehmen E.C.O. Schutzgebiete betreut, dann ging er mit seinem Wissen an die Uni. Im Interview erklärt er, welchen Beitrag Schutzgebiete zur Nachhaltigkeit leisten.

Herr Dr. Jungmeier, Sie beraten heute weltweit Schutzgebiete und leiten an der Alpen-Adria Universität den Lehrgang „Management of Protected Areas“. Wie sind Sie zu Ihrem Fachgebiet gekommen?

Jungmeier: Der Kern war sicherlich mit der Diplomarbeit gelegt. Die Diplomarbeit handelt vom damals sehr jungen Nationalpark hohe Tauern auf der Kärntner Seite. Es gab dann im Nationalpark Hohe Tauern einige ganz kleine Folgeprojekte. Damit war der Grundstein zum Thema Schutzgebiet-Planung und Schutzgebiet-Management gelegt und ich habe ein kleines Unternehmen aufgebaut. Dieses Unternehmen hat sich schwerpunktmäßig mit Schutzgebieten beschäftigt und hat in Österreich viele Nationalparks, Biosphärenparks und einige Naturparks begleitet. Gegen Ende der 90er Jahre haben wir beschlossen, uns zu internationalisieren, und zwar mit einem spezifisch österreichischen Verständnis. Wir haben dieses Verständnis ein bisschen zum Kernelement des Exports gemacht. Das ist der eine Strang. Dann gibt es noch einen zweiten Strang, der mich dann auf die Uni geführt hat. Ausgangspunkt war, dass sich bei unserem Unternehmen noch und noch Wissen ansammelte. Es ist dann die Frage aufgetaucht: Wo lernen denn Menschen eigentlich, wie man ein Schutzgebiet managt? Wir haben dann einmal zu eruieren versucht, ob es akademische Ausbildungen gibt oder dergleichen. Die Antwort war ganz klar nein. Es gab in Europa zum damaligen Zeitpunkt 2003 keine akademischen Ausbildungen für Schutzgebietsmanagement, was insofern aufregend ist, weil 25 Prozent von Europa Schutzgebiete sind. Auf das hin haben wir gemeinsam mit der Uni Klagenfurt den Lehrgang „Management for Protected Areas“ aufgesetzt.

Sie haben das spezifisch Österreichische bei Schutzgebieten angesprochen. Was unterscheidet hier den österreichischen Weg von anderen Ländern?

Jungmeier: Wenn du anfängst, in irgendeiner österreichischen Gemeinde etwas zu tun, gibt es eine sehr ausgeprägte Kultur, wer da aller mitgestalten muss. Gerade im ländlichen Raum ist das durchaus komplex und zum Teil zermürbend. Du bist in diesen Planungsprozessen und auch im Management oft am Verzweifeln, weil nichts weitergeht. Auf der anderen Seite zwingt das die Planer und die Manager, sich mit diesen Interessen sehr intensiv zu beschäftigen. Es geht ja nicht nur um den Landwirt, sondern auch um den Jäger, den Förster, den Touristiker und den Raumplaner. Erst im Vergleich mit anderen Ländern siehst du, dass du dir die Zähne ausbeißt, wenn du so etwas aus der zentralen Perspektive einer Hauptstadt zu planen versuchst. Auf der ganzen Welt sind das genau die zentralen Fragen: Wie kann ich die großen internationalen Konventionen und Strategien vor Ort anwenden? Der Umgang mit Interessen, der Aushandlungsprozess, ist im Ergebnis oft nicht ganz nachvollziehbar, aber das ist ein bisschen etwas Österreichisches – was einmal positiv konnotiert ist und dann auch natürlich negativ. Aber in diesem Fall muss man sagen, dass man von den hiesigen Strukturen schon etwas lernen kann. Wenn man sich ansieht, wie im Nationalpark Hohe Tauern das Kuratorium aufgesetzt ist, wo genau festgelegt ist, wer mitentscheiden darf, wer für diese Strukturen geradesteht – das hat man fast überall auf der Welt.

Ist das der Unterschied zwischen Naturschutz-Management und anderen Bereichen des Managements? Weil so viele Stakeholder mit an Board sind?

Jungmeier: Wenn Sie heute ein Naturschutzgebiet planen – Extrembeispiel Biosphärenpark Wienerwald mit tausend Quadratkilometern, 750.000 Einwohnern und zig Gemeinden –, dann bedarf das der größten räumliche Planung, die Sie haben können. Selbst wenn ich eine Autobahn plane, habe ich einen Korridor von vielleicht 500 Metern, die ich mitberücksichtigen muss. Dadurch habe ich wahnsinnig viele Stakeholder, sowohl von den Interessen als auch von den verschiedenen Levels her. Ich habe ja nicht nur die Interessen vor Ort, sondern ich habe natürlich auch die Landesverwaltung, Bundeskompetenzen und die europäischen Richtlinien zu beachten. Da ist Österreich ein beinhartes Übungspflaster. Also wenn man Österreich einmal überstanden hat, dann kann man sich auch woanders versuchen.

Was tragen Naturschutzgebiete eigentlich zur Nachhaltigkeit bei? Sind Naturschutzgebiete bloß „Selbstzweck“ oder entfalten sie eine Wirkung über ihre Grenzen hinaus?

Jungmeier: Da gibt es mehrere Antworten. Die eine Antwort ist die formal-definitorische, wonach viele Schutzgebiete von sich selbst behaupten, dass sie Einrichtungen der Nachhaltigkeit sind. Die zweite Antwort begründet sich darauf, dass so große Flächen ja betreut werden müssen. Das heißt, dass ich ganze Systeme und Landschaftsräume so entwickeln muss, dass der Bauer gut leben kann, der Bürgermeister sich freut und auch eine ökonomische Entwicklung möglich ist. Ich kann auf der großen Fläche nur scheitern, wenn ich sie nicht im Nachhaltigkeitsdreieck Ökonomie, Ökologie und Soziales aufspanne. Daher gibt es den Zwang, nachhaltige Lösungen zu finden. Der dritte Aspekt ist natürlich, dass man mit den Schutzgebieten einen kleinen Akzent im Ökologischen hat, der sonst in keiner anderen Institution so vertreten ist. Sie haben auf der ganzen Welt keinen Typus von Organisation, die auf so einer enormen Fläche ökologisch handeln muss. Und ein vierter Punkt: Wenn ich heute irgendwas als nachhaltig erachte – was heißt das für einen Nepalesen? Versteht der das oder nicht? Wir haben uns in Form von Wissensbilanzen angeschaut, was über diese Schutzgebiete an Wissen verfügbar ist. Und wir sagen jetzt nach diesem Wissenscheck, dass es in den Schutzgebieten dieser Welt das meiste flächenbezogene Nachhaltigkeitswissen gibt.

Das heißt, Naturschutzgebiete ermöglichen einen systemischen Blick, der im Idealfall auf Nicht-Naturschutzgebiete übertragen werden kann?

Jungmeier: Sie haben das sehr schön gesagt, das ist genau die Idee. In den 90er Jahren – damals war das sehr revolutionär – haben wir im kleinsten Rahmen in der Gemeinde Mallnitz in Kärnten ein Projekt gemacht, das sich Kulturlandschaftsprogramm genannt hat. Die Bauern bekommen ein bisschen Geld, damit sie gewisse Wiesen mähen. Das war damals eine irrsinnige Aufregung. Im zweiten Jahr, also im Jahr danach, hat es ein Kärntner Kulturlandschaftsprogramm gegeben. Die Idee ist innerhalb von einem Jahr auf ganz Kärnten übertragen worden. Das hat zwar nicht ganz funktioniert, aber die Idee ist dagewesen. Als wir 1995 zur EU gekommen sind, war mit diesen Kulturlandschaftsprogrammen Schluss, aber es ist das Österreichische Agrarumweltprogramm gekommen. Da hat man glatt einige der Kernideen aus dem Kärntner Programm übernommen. Das ist also erst von Mallnitz auf ganz Kärnten übertragen worden und von dort auf ganz Österreich. Und dann ist Franz Fischler EU-Agrarkommissar geworden. Man kann heute noch auf EU-Ebene homöopathische Spurenelemente von Mallnitz nachweisen. Und das ist genau die Funktion: Ich habe sehr kleine Räume, wo ich Ideen ausprobieren und Impulse setzen kann. So verstehen auch viele Schutzgebiete ihre Funktion.

Was kann Ihrer Meinung nach jeder Einzelne zur Nachhaltigkeit beitragen?

Jungmeier: Also sicher nicht Mülltrennen. Es gibt eine interessante Studie von Joanneum Research in Graz, die Lebensstile und Nachhaltigkeit verglichen hat. Da hat man sich mit verschiedenen Instrumenten die Sinus-Milieus angesehen, wer welche Spuren hinterlässt. Und da ist ganz klar herausgekommen, dass es Lebensstile gibt, die extrem ressourcenverschwendend sind, und es gibt Lebensstile, die weit weniger ressourcenverschwendend sind. Die bescheidensten Lebensstile bei uns liegen ungefähr im weltweiten Schnitt. Wenn du also bei uns ganz bescheiden irgendwo am Land lebst, bist du ungefähr im weltweiten Schnitt. Und wenn du der mit dem höchsten Fußabdruck bist, der mit seinem Geländewagen irgendwo den letzten Fußweg entlangrast und nach dem Skifahren ins Spa fährt, kannst du am Abend fünf Mal deinen Müll trennen. Das hat im Verhältnis einfach eine ganz geringe Auswirkung. Konkret ist es so: Es gibt in Österreich die Verordnung, darin steht: Einwegverpackungen sind verboten. Somit ist das eine Sache von Logistikern in großen Konzernen und Ministerien. Man kann da viel effektivere Schrauben finden. Aber es beginnt im persönlichen Lebensstil. Dort ist neben dem Konsum eine der größten Schrauben die Mobilität. Wenn ich mich dort reduzieren kann, habe ich viel getan.

Womit wir bei der Politik wären. Was würden Sie sich denn von der Politik wünschen?

Jungmeier: Wenn ich über Nachhaltigkeit rede, rede ich über Zukunftsfragen, also Fragen, die ich in 20 oder 30 Jahren lösen muss. Ich muss dafür sorgen, dass die zukünftigen Generationen in der Lage sind, diese Probleme zu lösen. Ich glaube, wenn man über Nachhaltigkeit redet, dann muss man über Forschung, Bildung und Erziehungssysteme nachdenken. Und zwar nicht, ob der Lehrer jetzt 20 oder 21 Stunden arbeitet, sondern ganz elementar. Da muss man ganz, ganz vorne anfangen. Die Zeitungen sind eh voll damit: Es gibt kein Budget, es gibt kein Verständnis. Ich arbeite sehr viel mit Schulen und es ist sehr erstaunlich, was da zu beobachten ist. Ein Beispiel: Es gibt jetzt das sogenannte vorwissenschaftliche Arbeiten. Das ist ganz erfreulich und gut gemeint. Wir betreuen dabei Schulen und haben dabei viel mit Lehrkörpern zu tun. Es gibt wenige Organisationen – und ich arbeite viel mit Organisationen zusammen –, die so innovationsresistent sind wie Lehrkörper. Selbst kleinste Sachen kannst du nur ganz schwer umsetzen. Ich sehe da die Zukunftsaufgaben. Forschung, Bildung, Ausbildung, Weiterbildung. Ich bin da aber nicht sehr optimistisch.

Wie sieht Ihre Arbeit mit Schulen konkret aus?

Jungmeier: Bei diesem vorwissenschaftlichen Arbeiten geht es darum, dass man Schüler in der Schulbank abholt und sie für wissenschaftliches Arbeiten interessiert. Wir haben eine Kooperation mit dem Nationalpark Hohe Tauern, um Schüler in der Nationalparkregion zur Forschung zu bringen. Da hast du dann ein/zwei Schulklassen mit 16- bis 17-jährigen und erzählst ihnen vom Forschen. Da gibt es auch sehr positive Reaktionen. Manche Lehrer erzählen: Die, die bei dir so aktiv mitarbeiten, das sind bei uns die Lästigsten in der Stunde, die ganz hinten sitzen. Das heißt, es gibt eine ganze Kategorie von Schülern, die chronisch unterfördert oder untermotiviert sind. Der Schüler sitzt in der Klasse und lümmelt herum. Plötzlich kommt das vorwissenschaftliche Arbeiten, spitzt die Ohren und sitzt plötzlich in der ersten Reihe. Das ist wirklich erfreulich. Dieses vorwissenschaftliche Arbeiten ist etwas, wo ich glaube, dass es von der Idee her sehr gut ist, aber armselig umgesetzt wird, weil die Lehrer nicht darauf vorbereitet sind, weil sie nicht unterstützt werden und dafür auch keine Stunden haben. Aber vom Prinzip her ist das wirklich eine ganz tolle Idee.

Trotz aller Bemühungen ist der Ressourcenverbrauch weltweit höher als je zuvor. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Jungmeier: Jetzt kommt der Biologe in mir zum Vorschein. Wenn einer unserer Vorfahren sich nicht nachhaltig benommen hat, hat er relativ kurzfristig ein Feedback von seiner Umwelt bekommen. Die Feedback-Schleife war relativ kurz. Individuelles Verhalten hat recht kurzfristig zu einem Feedback von der Natur geführt. Du hast dein Feuer ausgehen lassen, weil du nicht darauf geschaut hast? Dann hast du eben einen kalten Arsch. Heute ist es so, dass das individuelle Verhalten keine unmittelbare Feedbackkurve mehr hat. Jemand mit einem großen ökologischen Fußabdruck bekommt jede Menge positives Feedback von seiner Umwelt. Aber dafür, dass dieser Lebensstil nicht lange haltbar ist, gibt es kein Feedback. Trotzdem glaube ich nicht an Katastrophenszenarien; ich bin da optimistischer. Wenn wir auf das schauen, werden wir schon eine Lösung finden.

Michael Jungmeier ist Leiter des Lehrgangs „Management of Protected Areas“ an der Alpen-Adria Universität Klagenfurt und Geschäftsführer der E.C.O. GmbH.