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Bioenergie: Der Teufel steckt im Detail

Wie nachhaltig ist Bioenergie wirklich? Und verteuert sie die Lebensmittelpreise? Über Fragen wie diese wird seit Jahren heftig gestritten. Doch einfache Antworten gibt es darauf nicht.

Lange Zeit galt Bioenergie als die große Zukunftshoffnung in Sachen Nachhaltigkeit – doch mit der Nahrungsmittelpreiskrise 2007-2008 stand aus Biomasse gewonnene Energie plötzlich in der öffentlichen Kritik. Anlass war ein extrem starker Preisanstieg der vier Hauptnahrungsmittel Reis, Mais, Weizen und Soja innerhalb kürzester Zeit, wodurch laut Schätzungen der Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO) weltweit zusätzlich 75 Millionen Menschen hungern mussten. Mit einem Schlag erhielt das bislang so positive Image der Bioenergie tiefe Kratzer.

Die „Zweckentfremdung“ der Landwirtschaft für die Produktion von Biokraftstoffen hätte die Lebensmittelpreise explodieren lassen, lautete die Kernaussage der Kritik. So schätzte der einstmalige kubanische Präsident Fidel Castro 2007 in einem Gastkommentar für die kommunistische Zeitung „Granma“, dass die Herstellung von Biokraftstoffen drei Milliarden Menschen zum vorzeitigen Tod durch Verhungern und Verdursten verurteilen würde.

In die gleiche Kerbe stieß auch der damalige Nestlé-CEO Peter Brabeck-Letmathe: Biokraftstoffe würden dazu führen, dass die Preise für Grundnahrungsmittel dramatisch steigen. Zudem sei die Produktion von Biokraftstoffen „ökologischer Wahnsinn“, beklagte der Top-Manager 2007 in einem Interview mit der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“. Doch wie „gut“ oder wie „böse“ ist Bioenergie wirklich? Treibt sie tatsächlich die Lebensmittelpreise in die Höhe?

„Ja wenn‘s nur das wär, wär‘s schon schlimm genug“, klagt Helmut Haberl, Professor für Humanökologie an der Alpen-Adria Universität Klagenfurt. Über die Polarisierung in der öffentlichen Debatte kann der Bioenergie-Experte nur den Kopf schütteln: „Die Welt zerfällt in Bioenergie-Befürworter oder Skeptiker oder Gegner, und man wird sehr leicht in einen dieser Töpfe geworfen. Aber die Welt ist nicht so einfach – und gerade bei der Bioenergie nicht.“

Für Helmut Haberl liegt das große Problem in der öffentlichen Kommunikation in der mangelnden Differenzierung: „Bioenergie kann eine super Sache sein, Bioenergie kann sowohl sozial als auch ökologisch und ökonomisch sehr positiv sein, und sie kann auf all diesen Ebenen katastrophal schlecht sein. Es geht immer darum, welche Bioenergie, wo, mit welchen Technologien, wie stark eingebunden, welche sozialen Strategien, in welcher poltischen Landschaft, in welcher ökonomischen Situation.“ Für verkürzte politische Slogans sei das Thema somit denkbar schlecht geeignet, so Haberl: „Bioenergie ist nicht gleich Bioenergie und die Bandbreite ist riesig.“

Genau hier liegt das Problem, denn: „Politik kann mit differenzierten Dingen sehr schwer umgehen.“ Das liegt allerdings nicht nur an der angeblichen Vorliebe der Politik für einfache Antworten, sondern auch an der Komplexität des Themas, erläutert der Humanökologe am Beispiel Österreichs: „Biogasproduktion aus landwirtschaftlichen Reststoffen und Fäkalien der Tierhaltung ist eine tolle Sache – vermindert die Methanemissionen, erzeugt einen guten Dünger für die Landwirtschaft und und und.“ Das sei „rundherum eine gute Sache“. Allerdings: „Biogasproduktionen aus extra dafür angebauten Grünmais – naja! Das ist so ziemlich das genaue Gegenteil.“

Daher könne man der Politik nicht einmal die Förderung von Biogas empfehlen, „weil Biogas ist nicht gleich Biogas“. Dementsprechend komplex müssen die Handlungsanweisungen an die Politik lauten.

Das zeigt sich auch in der Ernährung-vs.-Bioenergie-Diskussion. Vordergründig sieht es so aus, als würde die Bioenergie-Produktion die Lebensmittelpreise nur dann in die Höhe treiben, wenn sie über Nahrungspflanzen erfolgt. Doch so einfach ist das nicht, erklärt Helmut Haberl: „Das Problem kann man auch haben, wenn man Pflanzen verwendet, die nicht für die Ernährung geeignet sind, weil in vielen Fällen die richtig fruchtbaren Böden die sind, wo wir heute Nahrung anbauen, und wenn man dort auf Bioenergie switcht, muss man die Nahrung woanders produzieren.“ Auf der anderen Seite „muss es nicht immer Konkurrenz geben“.

Wie komplex das Thema ist, zeigt sich auch daran, dass die Nachhaltigkeit der Bioenergie auch von der geförderten Menge abhängt. Denn bei der Bioenergie ist mehr nicht unbedingt besser: „Es kann sein, dass bis zu einer gewissen Menge die Förderung der Bioenergie tatsächlich einen ökologischen Vorteil bringt, und wenn man darüber hinausgeht, bringt‘s einen ökologischen Nachteil“, führt der Bioenergie-Experte aus, „weil man ab dann das Potenzial der kohlenstoffnegativen oder zumindest kohlenstoffneutralen Bioenergie ausgeschöpft hat“. Wird dieser Punkt überschritten, kann das wiederum zu einer Erhöhung der Treibhausgasemissionen führen.

„Die Geschichte ist einfach verdammt komplex“, fasst Helmut Haberl zusammen. „Daher ist es auch wenig hilfreich, mit diesem Thema Schlagzeilen zu machen“. „Andererseits“, räumt Haberl ein, „funktioniert öffentliche Kommunikation nun einmal über Schlagzeilen.“