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„Beyond GDP“: Neue Verfahren zur Vermessung der Welt

Geht es rein nach dem Bruttoinlandsprodukt, sind Umweltkatastrophen nützliche Ereignisse. Die Entwicklung neuer Wohlstandsindikatoren soll das nun korrigieren.

Das Ziel nachhaltiger Entwicklung stellt die Politik vor ein entscheidendes Problem: Zwar sind sich alle weitgehend einig, dass die Ressourcen der Erde nicht unerschöpflich sind. Allerdings muss sich die Politik am Bruttoinlandsprodukt (BIP) messen lassen, das auf die Nachhaltigkeit keine Rücksicht nimmt. So trägt eine gesteigerte Nachfrage nach Inlandsflügen ebenso zur Steigerung des BIPs bei wie die Beseitigung von Schäden, die durch Naturkatstrophen entstanden sind.

Keine guten Voraussetzungen also, um der Nachhaltigkeitspolitik Vorschub zu leisten. Was läge also näher, als das Bruttoinlandsprodukt durch passendere Indikatoren zu ersetzen?

Traditionelle Messverfahren verlassen

Es sei in der Tat notwendig, dass „wir unsere traditionellen Messverfahren, wo wir einfach Wirtschaftswachstum messen, wahrscheinlich – ja ich würde sagen sicher – verlassen müssen“, erklärte der ehemalige EU-Kommissar Franz Fischler im Zuge einer Rede bei der diesjährigen Verleihung der Sustainability Awards. „Wenn Karl Schwab, Erfinder des Forums in Davos, heuer die Forderung vorgestellt hat, wir müssen die Frage beantworten, was nach dem Kapitalismus kommt, dann hängt diese Frage sehr eng damit zusammen, wie wir eigentlich Wohlstand, oder hoffentlich noch mehr Lebensqualität, in Zukunft ausdrücken und messen können.“

Erste Ansätze gibt es bereits. So betraute der ehemalige französische Präsident Nikolas Sarkozy eine Expertenkommission mit der der Suche nach neuen Messmethoden, an der unter anderem der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph E. Stiglitz maßgeblich beteiligt war. Auch die EU-Kommission hat zu diesem Thema bereits einen Bericht mit dem vielsagenden Titel „Beyond GDP“ herausgebracht. „In all diesen Papieren sind aber erst erste Vorschläge angedacht, da ist also noch nicht ein finales Konzept vorhanden“, so Forum-Alpbach-Präsident Franz Fischler.

Messung des Bruttoinlandsglücks in Bhutan

Einen Schritt weiter ist man bereits in Bhutan. Das Streben zur Erhöhung des  „Bruttoinlandsglücks“ wurde dort sogar in der Verfassung verankert. Zu den vier Säulen des Bruttoinlandglücks zählen unter anderem die Förderung einer sozial gerechten Gesellschafts- und Wirtschaftsentwicklung sowie der Schutz der Umwelt. Doch können derartige Indikatoren wirklich etwas zur nachhaltigen Entwicklung beitragen?

„Ich glaube, dass es eine extrem kluge Idee ist, so einen Indikator zu entwickeln, weil Gesellschaften Systeme sind, die sich nicht so ganz selber steuern können“, findet die Umwelthistorikerin Verena Winiwarter. „Steuern kann man nur, wenn man einen Überblick über den Ist-Zustand hat. Man muss den Ist-Zustand kennen, dann den Planzustand definieren. Nur wenn man beide hat, kann man den Weg von Ist nach Soll beschreiben.“

Ebenso klug – wenn nicht klüger – wäre es aber, nicht das Bruttonationalglück zu messen, sondern die physische Ökonomie neben die monetäre Ökonomie zu stellen, meint Verena Winiwarter. Demnach lautet die Kernfrage: „Wie viel Natur verbrauchen wir denn? Da gibt es viele Indikatoren in der Zwischenzeit, zum Beispiel den ökologischen Fußabdruck“.

Auch Marina Fischer-Kowalski, Gründerin und Leiterin des Instituts für Soziale Ökologie der Universität Klagenfurt, hält die Entwicklung alternativer Messmethoden für klug: „Man muss auf jeden Fall zeigen, dass Kaufkraft nicht das einzige ist, was die Menschen bewegt, und dass ganz im Gegenteil die Steigerung der Kaufkraft ab einer bestimmten Einkommenshöhe für das Wohlbefinden der Leute ziemlich wurscht ist. Und das ist empirisch so.”

Allerdings gibt sie zu bedenken, dass sich die Realitätswirksamkeit des BIP nicht in seinem Status als Indikator erschöpft: „Das BIP misst ja die wirtschaftliche Aktivität, und die Erhöhung wirtschaftlicher Aktivität löst in anderen Bereichen eine Erhöhung wirtschaftlicher Aktivität aus, ist also ein Teil eines Feedback-Mechanismus‘, der ungeheuer viele Dinge in Bewegung hält, auch wenn er ganz blödsinnig sein mag und im Grenzfall nichts anderes als die Erhöhung von Waschmittelverbrauch und Waschmittelwerbung bedeutet.“

Trotzdem ist das BIP als systemischer Mechanismus wirksam – im Gegensatz zu einem Glücksindikator, so Marina Fischer-Kowalski: „Ein Glücksindikator zeigt keinen systemischen Mechanismus an. Wenn alle Leute glücklich sind, ist das schön und fein, aber daraus folgt nichts.“

Wünschenswert wäre die Entwicklung neuer Messindikatoren somit also allemal. Wunder erwarten darf man sich davon aber wohl nicht.