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“Nachhaltigkeit hat primär mit Lebensstil zu tun.”

5 Fragen an Ika Darnhofer

5 Fragen an Ika Darnhofer, assoziierte Professorin am Institut für Agrar- und Forstökonomie der Universität für Bodenkultur Wien.

 

Was kann jede/r Einzelne zur Nachhaltigkeit beitragen?
Nachhaltigkeit hat primär mit Lebensstil zu tun sowie mit der Bereitschaft, die Verantwortung für seine Entscheidungen zu tragen. Mit etwas Bewusstsein kann jeder Einzelne und jede Einzelne sehr viel tun: Ob es der Vorzug für Lebensmittel aus der Region ist, ob es das Ausschalten der vielen Geräte im Haushalt ist (statt sie im Stand-by Betrieb zu belassen) oder ob es die Verwendung der öffentlichen Verkehrsmitteln ist. Es geht darum, dass wir uns wieder bewusst werden, was wir brauchen, statt dem nachzugehen, was wir wollen. Diese laufende Gier nach (materiellem) ‚mehr‘ (die stark von der Werbung gefördert wird) macht uns nur unzufrieden. Eine Besinnung auf das, was wir wirklich brauchen – und uns tiefergehend glücklich macht – wäre ein großer, großer Schritt in Richtung Nachhaltigkeit.

Welche Herausforderungen stehen auf globaler Ebene an? Was müsste getan werden, um eine nachhaltige Entwicklung zu erreichen?
Auf globaler Ebene haben wir wohl zwei große Herausforderungen: den Klimawandel einzudämmen und eine gerechte Verteilung der Ressourcen zu erreichen (also die Schere zwischen ‚arm‘ und ‚reich‘ zu vermindern). Wir im Westen können nicht weiter auf Kosten der Entwicklungsländer leben (die uns Soja für unsere Masttiere schicken oder die die Klimaerwärmung erdulden, die wir verursachen). Es geht um soziale Gerechtigkeit und die Abkehr von der einseitigen Fixierung auf wirtschaftliches Wachstum.

Welche Probleme verursacht die herkömmliche Landwirtschaft?
Schwierige Frage… was ist die ‚herkömmliche Landwirtschaft‘? Die traditionelle Landwirtschaft in Österreich hat sehr nachhaltig gewirtschaftet (schließlich ist Österreich schon seit vielen tausend Jahren bevölkert). Der Biolandbau hat auch viele Vorzüge, insbesondere in der Abkehr der Abhängigkeit der Chemieindustrie. Problematisch – ökologisch wie sozial – ist die intensive, industrielle Landwirtschaft, wovon wir in Österreich nicht allzu viel haben. Grundsätzlich problematisch ist, dass Landwirtschaft heute zu oft als Produktion von Rohware für die Industrie (Lebensmittelindustrie, Stärkeindustrie, Energie etc.) gesehen wird. Was zu oft übersehen wird, ist, dass die Landwirtschaft oft das Rückgrat unserer ländlichen Regionen ist und damit eine ganz wesentliche soziale Funktion hat (sozialer Zusammenhalt, Nachbarschaftshilfe, Traditionen etc.). Die intensive, modernisierte Landwirtschaft verursacht damit starke soziale Probleme im ländlichen Raum. Die ökologischen Probleme sind natürlich auch weitreichend und bekannt (Artenarmut, Zerstörung ökologisch wertvoller Flächen, zu intensive/falsche Ausbringungen von Düngemitteln, die sich dann im Trinkwasser wiederfinden, etc.).

Was kann eine nachhaltige Landwirtschaft besser machen?
Eine nachhaltige Landwirtschaft würde ihre ökologische Funktion (Erhaltung der unterschiedlichen Lebensräume für unterschiedliche Tier- und Pflanzenarten) und auch ihre soziale Funktion (Integration von ländlichem und urbanem Raum, zum Beispiel durch Direktvermarktung, Anbietung von Dienstleistungen wie Altenbetreuung oder Schule-am-Bauernhof) ausbauen.

Sie würde aber auch stärker auf regionale Kreisläufe setzen (Energieproduktion, Futtermittel, Lebensmittel). Damit würde sie auf das Erfahrungswissen der Landwirte und Landwirtinnen bauen, anstatt primär auf die ‚Experten‘ aus Agrarchemie und Wissenschaft zu hören.

Sie sind Leiterin des Projekts „FarmPath – Landwirtschaftliche Transitionen: Wege zu einer regionalen Nachhaltigkeit der Landwirtschaft in Europa“. Worum geht es dabei und wie könnte der Übergang zu einer nachhaltigen Landwirtschaft aussehen?
In diesem Projekt untersuchen wir, wie lokale Initiativen grundlegende Änderungen auf nationaler Ebene bewirken können. Solche gesellschaftliche Veränderungen dauern relativ lange, da sie Anpassungen in vielen Bereichen erfordern. Eine nachhaltige Landwirtschaft ist nur im Rahmen einer nachhaltigen Lebensmittelverarbeitung und eines nachhaltigen Lebensmittelkonsums denkbar. Das hängt alles zusammen: wo wir Lebensmittel einkaufen, wie oft wir einkaufen, ob wir verarbeitete Lebensmittel kaufen oder noch selbst kochen. Eine Landwirtin kann nur das produzieren, was Kunden auch kaufen. Wenn Kunden nur noch tiefgefrorene Erbsen wollen (weil wir keine Zeit mehr haben, um Erbsen auszulösen und zu kochen), dann muss die Landwirtin große Mengen einheitlicher Erbsen produzieren, was aber ökologisch problematisch ist. Ein Übergang zu nachhaltiger Landwirtschaft ist daher nur möglich, wenn wir auch einen Übergang zu nachhaltigem Konsum einleiten. Unser Lebensmittelkonsum hängt aber auch mit unserem Lebensstil zusammen. Und dieser Lebensstil ist leider im Moment dadurch gekennzeichnet, dass wir immer weniger Zeit für Essenszubereitung und für gesellschaftliches Essen haben. Stattdessen trinken wir Kaffee im Gehen und essen ein Sandwich in der U-Bahn. Daheim schieben wir schnell ein Tiefkühlgericht in die Mikrowelle. Das übt Druck auf die Landwirte aus, etwas zu produzieren, was sich für die Verarbeitung durch die Industrie in Tiefkühlgerichte eignet. Ein Übergang zu einer nachhaltigen Landwirtschaft ist daher an einen Wertewandel gekoppelt, indem wir zum Beispiel den Wert von lokal produzierten, frischen Lebensmitteln wieder entdecken, den Zusammenhang zwischen ausgewogener Ernährung und Gesundheit erkennen sowie den direkten Kontakt zu den Landwirten herstellen. Diese Änderungen würden den Landwirten die Möglichkeit geben, anders und damit nachhaltiger zu wirtschaften. Es geht in diesem Projekt daher darum, diese systemischen Zusammenhänge aufzuzeigen und wichtige Hebelpunkte zu finden, an denen man besonders effektiv Änderungen erzielen kann. Diese systemischen Änderungen würden sowohl den KonsumentInnen als auch den ProduzentInnen erlauben, nachhaltiger zu agieren. Selbstverständlich spielen gezielte politische Maßnahmen eine wesentliche Rolle, um solche Entwicklungen zu unterstützen.